id="ulink_f46e9b31-fe33-5650-920d-1f848806ab9f">Frankl: Manchmal denke ich, dass wir viel Freiraum haben für all das, was wir mit dem Verlegenheitsnamen Gott bezeichnen. Übrigens, da fällt mir noch Václav Havel ein, der so viel für die Freiheit seiner Mitbürger riskiert hat. Er schrieb in einem Brief an seine Frau Olga: „Der wirkliche Glaube ist etwas unverhältnismäßig viel Tieferes und Geheimnisvolleres als irgendeine optimistische Emotion und hängt entschieden nicht davon ab, wie einem gerade Wirklichkeit erscheint.“7
Ignatius: Oh, wie wunderbar! Mit diesem Herrn möchte ich mich gerne unterhalten! Ich vermute, Václav Havel könnte den Satz verstehen, den ich in meinem „Fundament“ geschrieben habe: Es ist notwendig, dass wir uns den materiellen Dingen gegenüber gleichmütig verhalten und unsere Freiheit und Verantwortung ernsthaft wahrnehmen und leben. Auf diese Weise sollen wir von unserer Seite Gesundheit nicht mehr verlangen als Krankheit, Reichtum nicht mehr als Armut, Anerkennung nicht mehr als Ablehnung, langes Leben nicht mehr als kurzes, und folgerichtig so in allen übrigen Dingen.
Frankl: Das meine ich auch. Was das Materielle anlangt, hat es mich nie gereizt, viel Geld zu verdienen. Ich brauchte eine Arbeit, die mich erfüllt, und sei es auch unter Verzicht auf eine Arztpraxis, bloß Bücher schreibend. Ich denke, heute hat jeder sein Kreuz zu tragen, vielleicht mehr denn je. Aber es kommt darauf an, wie man das Kreuz trägt, das man nun einmal auf sich nehmen muss. Das Leben fordert uns heraus und manchmal fordert es Opfer. Aber es ist möglich, dafür zu sorgen, dass die gebrachten Opfer nicht sinnlos sind. Das wäre in dem Augenblick der Fall, wo es nicht im richtigen Geiste, aus der rechten Gesinnung heraus gebracht wird. Die Einstellung ist alles.
Ignatius: Ja, und die Liebe und die Freude. Ich denke, wenn ein Mensch fähig ist, sich selbst in einem gesunden Maß zu lieben, dann kann er auch andere lieben und muss nicht ständig aufpassen, ob ein anderer mehr hat als er selbst. Die christlichen Religionen wären wohl ein guter Weg, menschlicher zu werden, doch es wenden sich einfach viele von ihnen ab.
Frankl: Ist es nicht so, dass gerade der religiöse Mensch die Entscheidung seines Mitmenschen, der sich von der Religion abgewandt hat, zu respektieren hat? Er müsste diese Entscheidung als grundsätzliche Möglichkeit anerkennen, wie auch als tatsächliche Wirklichkeit hinnehmen. Gerade der religiöse Mensch müsste wissen, dass die Freiheit einer solchen Entscheidung eine gottgewollte, gottgeschaffene ist; denn in einem solchen Grade ist der Mensch frei, von seinem Schöpfer frei geschaffen, dass diese Freiheit eine Freiheit bis zum Nein ist.
Ignatius: Ich meine, Menschen brauchen diesen Mut zu einem Nein, damit ihre Identität und ihr Ja glaubhaft und authentisch sind. Die personale Identität und die Individualität wachsen in dem Maße, in dem ich beziehungsfähig werde und mich nicht ständig vor jemandem rechtfertigen oder schützen muss. Auf der anderen Seite muss niemand Gott verteidigen. Menschen, die sich berufen fühlen, Gott verteidigen zu wollen, ereifern sich leicht und stehen in der Gefahr, einem Götzen zu dienen.
Frankl: Der Glaube darf nicht fanatisch werden. Starrer Glaube macht fanatisch und fester Glaube tolerant. Die Gefahr der traditionellen Konfessionen liegt im Festhalten an alten Formen, während die Gefahr der spirituellen Beliebigkeit im Vagen und in der Unverbindlichkeit liegt. Blut ohne Adern verblutet und Adern ohne Blut verkalken. Was nottut ist, dass die einzelnen Konfessionen verschiedene Wege sehen lernen zu dem einen Ziel – zum „einen Gott“. Das Ziel ist immer das Wesentliche, und je mehr es uns um das Wesentliche geht, umso weniger werden wir uns über die Verschiedenheit der Wege aufregen müssen. Schließlich ist der religiöse Mensch derjenige, der nicht zu hochmütig ist, um dieses „Etwas“ als „Gott“ zu bezeichnen. Jenes Wort, das Menschen seit Jahrtausenden verwenden, wenn sie von dem reden, der oder die oder das größer ist.
6Tiziano Terzani, Spiel mit dem Schicksal. Tagebücher eines außergewöhnlichen Lebens, München 2014, 523.
7Václav Havel, Briefe an Olga. Betrachtungen aus dem Gefängnis, Reinbek bei Hamburg 1989, 98.
Die Welt, in der wir leben
Ich weiß nicht, ob es Ihnen ähnlich ergeht: Sehnen Sie sich auch nach Zuversicht und ein wenig mehr Fröhlichkeit? Die Stimmung in unserer Gesellschaft ist nicht gerade von Zuversicht getragen. Manche blicken besorgt in die Zukunft und scheinen Schlechtes zu erwarten. Gründe gibt es dafür reichlich und einige Sorgen sind berechtigt.
Gedanken haben Kraft und Einfluss auf unser Leben, und wenn die Sorgen zu groß werden, fehlen Vertrauen und Hoffnung und die Angst beginnt zu regieren. Während Unsicherheit den Zweifel nährt, füttert die Angst den Verdacht. Die Angst ist meistens eine Souffleuse mit falschem Text. Angst vernebelt nicht nur den Blick, sondern lähmt unsere Tatkraft, weil sie uns zuflüstert: Du bist nicht gut genug. Wer sich selbst nicht als wertvoll wahrnehmen und erkennen kann, verliert nicht nur das Interesse, sondern auch die Kraft, etwas Neues zu beginnen. Überdies ist der Blick auf das Ergebnis gerichtet und man möchte sicher sein, dass es auch eintrifft. Ob Geplantes oder Gewünschtes gelingt oder nicht, können wir niemals im Voraus sagen. Daher bleibt uns wohl nichts anderes übrig als zu lernen, dem Leben selbst zu vertrauen.
Dazu gehört, dass ich mir vertraue und der leisen Stimme in mir, die sich von Zeit zu Zeit meldet. Mich selbst finden bedeutet, mir meiner Interessen, Fähigkeiten und Talente bewusst zu werden und sie nach Möglichkeit auch zu beleben. Mich in meinem Leben zu finden schließt auch meine Mitmenschen ein – und ist letztlich eine besondere Form der Lebenskunst. Diese Kunst weiß um die unglaubliche Vielfalt der Lebensmöglichkeiten, doch sie ist auch realistisch und hat erkannt, dass nicht alles gelebt werden kann. Lebenskunst hat viel damit zu tun, dass ich einige jener Lebensmöglichkeiten verwirkliche, die ich bejahen kann, und die anderen, die ich nicht frei gewählt habe, gestalte. Die Einsicht, dass unsere Freiheit begrenzt ist durch Raum und Zeit, ist hilfreich, entlastend und manchmal dringend notwendig.
So wie ein Baum im Wald unter vielen Artgenossen wächst und gedeiht, leben wir mitten unter Menschen und jeder davon ist einzigartig. Diese Einzigartigkeit zeugt von der Kreativität des Lebens und hat uns mit einer großen Vielfalt an Entdeckungen beschenkt. In manchen Lebenslagen ist die Einmaligkeit der anderen anstrengend und fordert uns heraus – manchmal bis an unsere Grenzen. Dann wäre es gut, einen Ort zu haben, an dem man auftanken kann. Dieser Ort können auch unsere Gedanken und unsere geistigen Fähigkeiten sein, sofern wir sie gepflegt haben.
„Man muss weggehen können und doch sein wie ein Baum.“ Dieser Gedanke von Hilde Domin ist ein schönes Bild für Vertrauen. Ein Baum gräbt seine Wurzeln ins Erdreich, das ihn nährt. Unsere Wurzeln, welche im Leben selbst geerdet sind, verlangen nach geistiger Nahrung und dadurch wächst unser Vertrauen. Unsere Seele verlangt nach geistigen Lebensmitteln und diese sollen erfreuen, ermutigen, beleben und dem Geheimnisvollen und Phantastischen Raum zur Entfaltung schenken. Die ignatianische Spiritualität bedeutet, dass das innere Berührtsein die Seele mehr sättigt als das logische und beweisbare Verstandeswissen.
Für unser körperliches Wohlbefinden gibt es eine Fülle an Wegweisern, welche Ernährung und Bewegungsmöglichkeiten im Blick haben. Sie ersparen uns jedoch nicht die eigene Wahrnehmung. Jeder Mensch kann nur selbst wahrnehmen und empfinden, ob die empfohlene Nahrung seinem Körper auch guttut. Wegweiser zeigen die Richtung an, aber gehen muss ich selbst und ich muss mir bewusst werden, ob meine Kraft für den eingeschlagenen Weg reicht.
Ganz ähnlich verhält es sich mit jener geistigen Nahrung, die dem Sinnvollen Lebendigkeit schenkt. Ein Wegweiser weist auf etwas hin, jedoch befiehlt er mir nicht, wohin ich zu gehen habe; das entscheide ich kraft meiner Freiheit und Verantwortung. Die Logotherapie und die Inhalte der ignatianischen Spiritualität sind sinnvolle Wegweiser, die dem Menschen Orientierung anbieten. Die Entscheidung, welchen Weg er gehen möchte, überlassen sie dem Menschen selbst. Bereichernde theoretische Grundlagen laden zum Nachdenken ein und sind Richtungspfeile, Stoppschilder und Spielregeln, die vor allem dem Wohl, der Würde und der Lebensfreude des Menschen dienen.
Mir geht es weniger um Handlungsanweisungen oder Strategien, die jemand genau zu befolgen hat, aber aus eigener Erfahrung