der BRF auf der Brüsseler Frequenz 95,2 MHz Programme des Deutschlandfunk (DLF).
Heute bietet der BRF zwei Radioprogramme und ein Fernsehprogramm an. Über Kabelfernsehen können die deutschsprachigen Belgier heute eine ganze Menge Rundfunk- und Fernsehsendungen in deutscher Sprache empfangen. Die Resonanz der hiesigen Medien ist dennoch groß; auch grenzübergreifend werden die BRF-Programme gehört und angeschaut, sehr viel in Flandern, aber auch in Deutschland und in den Niederlanden, wie mir der frühere BRF-Direktor Hans Engel gesagt hat. Und über Internet bleiben die ausgewanderten Ostbelgier in Kontakt mit der Heimat.
6.4 Kultur in Ostbelgien
In kulturellen Angelegenheiten drücken sich die verschiedensten Empfindungen von Künstlern und kulturfördernden Verbänden oder Gemeinschaften frei aus. Gibt es so etwas wie eine „ostbelgische Kultur“? Es ist schwierig, sich hier einen kohärenten Überblick zu verschaffen, denn in diesem Tätigkeitsfeld gibt es zwar eine Menge Beiträge in Belgien, wo es eine Reihe Künstler und kulturschaffende Persönlichkeiten gibt, doch bei einem derartigen Überblick könnten Beiträge vergessen oder schlecht eingeordnet werden. Deshalb können hier nur schemenhaft einige Ansätze aufgezeigt werden.
Einer der ersten, der sich in den anfänglichen belgischen Jahren mit Geschichte, Sprachwissenschaft und Kultur befasst hat, war Bernard Willems. Dieser Doktor der Königsberger Universität, gebürtiger Elsenborner, hat zwischen 1948 und 1949 seine Ostbelgische Kronik veröffentlicht, in der er sich mit den verschiedensten Problemen befasste, die ihm als relevant für die ostbelgische Gemeinschaft erschienen. Zum Beispiel: „Die Reims-Kölner Heerstraße, besonders im Kanton St. Vith“ oder „Die Waldnamen ‚Wald‘ und ‚Busch‘ in den Orts- und in den Flurnamen der Nordardennen (Thommen bis Konzen)“.
In den letzten Jahren haben sich mehrere Forscher den historischen Gegebenheiten der DG zugewandt, darunter Alfred Minke, Carlo Lejeune, Bruno Kartheuser und Christoph Brüll. Diese und noch etliche mehr (wie die Autoren der Zeitschrift Zwischen Venn und Schneifel) haben das Schicksal der deutschsprachigen Minderheit so beschrieben, dass die Ostbelgier selber, aber auch die anderen Mitbewohner des Landes ihre besonderen Erlebnisse in korrekteren Zusammenhängen sehen konnten. Klaus Pabst hat diesem Zweck aus deutscher Perspektive ebenfalls sehr gedient.
Literarisch konnte sich eine Zeitschrift durchsetzen, die Künstlern zur Veröffentlichung ihrer Gedichte oder Beiträge verhilft: Der Krautgarten1 wird von Bruno Kartheuser seit 1982 herausgegeben. Zu beachten ist auch eine bemerkenswerte Dissertation von Philippe Beck zu zwei bedeutenden Schriftstellern aus Ostbelgien: Peter Schmitz und Joseph Ponten.
Ferner sollte auch erwähnt werden, dass das Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft in diesen Bereichen jährlich einen Preis verleiht.2
Der Preis des Parlaments wird zur Förderung der wissenschaftlichen Begleitung der Entwicklung der Deutschsprachigen Gemeinschaft jährlich für Werke im Bereich Staatswissenschaften, insbesondere Politik-, Rechts-, Finanz- und Verwaltungswissenschaften ausgelobt. Zusätzlich werden in zwei weiteren Fachbereichen Preise ausgelobt. Die Auslobung erfolgt [seit] dem Jahr 2016 in nachstehender Reihenfolge:
1. Jahr: Heimatgeschichte sowie Bibliotheks- und Archivwesen;
2. Jahr: Geschichte sowie Architektur, Raum- und Landschaftsplanung;
3. Jahr: Sprachwissenschaften sowie Humanwissenschaften;
4. Jahr: Literatur sowie Wirtschaft;
5. Jahr: Kunst und Kultur sowie Biografien.
In allen Bereichen muss ein spezifisches Thema aus dem deutschen Sprachgebiet Belgiens behandelt werden, mit Ausnahme des Bereiches Literatur, für den lediglich die Bedingung gilt, dass der Autor Belgier ist oder seinen Wohnsitz in Belgien [hat].
Als Beispiel führen wir die 2016 preisgekrönten Werke an:
Johannes Weber: Scheunentore – Portes de granges – Fotografien von Johannes Weber – Textbeiträge von Klaus-Dieter Klauser und Albert Moxhet
Paul Schmitz: Kriegskind – Die Suche nach meinem amerikanischen Vater (GrenzEcho Verlag)
Und schließlich sollte auch vermerkt werden, dass eine der großen belgischen Banken, die Belfius-Bank, jährlich zehn Preise an belgische Journalisten verleiht. Diese Preise gelten als die begehrtesten in der belgischen Medienlandschaft. Einer dieser Preise geht an die deutschsprachige Presse in Belgien, was natürlich eine außergewöhnliche Anerkennung des Minderheitenstatus der deutschsprachigen Medien darstellt.
7 Soziolinguistische Aspekte
7.1 Sprache und Dialekt
Fast alle Ostbelgier können heute Hochdeutsch sprechen, zumal Deutsch seit jeher Unterrichtssprache in der Grundschule war und heute ausschließlich die Unterrichtssprache in der Sekundarschule sowie an der Autonomen Hochschule ist. Rosensträter (1985: 388) hatte schon, wie Ammon (1991: 70) zitiert, in schriftlichen Texten den gleichen Korrektheitsgrad im Standarddeutsch wie in der Bundesrepublik Deutschland festgestellt. Französisch wird als erste Fremdsprache unterrichtet, bildet allerdings eine Ausnahme in dem Pilotprojekt des Athénée César Franck La Calamine/César-Franck-Athenäum Kelmis, dem ein bilingualer Unterricht offiziell zugestanden wurde. In den Dörfern sind die Dialekte allerdings noch sehr lebendig, auch wenn sie zugunsten der Hochsprache zurückgehen.
Auf diesem sehr engen Gebiet laufen eigentlich zwei germanische Sprachengrenzen aus, die drei ganz kleine Sprachgebiete aufzeigen: norddeutsche Mundarten im Norden und um Eupen, Ripuarisch in der Mitte um Bütgenbach und Büllingen, und Moselfränkisch im Süden (Ammon 1991: 70). Dialektal ist die Grenze mit Luxemburg und dem Luxemburgischen fließend. Es sind die Ausläufer der benachbarten Dialekte, die sich von Limburg aus im Norden, von Aachen aus im Westen und von Trier aus im Südwesten bis in die Deutschsprachige Gemeinschaft ausdehnen (Stedje 2007: 113).
Was die Alltagssprache betrifft, so ähnelt die Aussprache im Hochdeutschen der der angrenzenden deutschen Gebiete. Zum Beispiel wird gekommen zu jekommen wie im ganzen Rheinland. Es ist erstaunlich, dass relativ wenig Studenten sich heute noch mit der Untersuchung derartiger Themen wissenschaftlich befassen wollen – generell gibt es in diesen Bereichen wenige Untersuchungen zur jetzigen Situation. Den Einfluss von Dialekten auf die Hochsprache zu untersuchen, scheint den Studierenden in der Germanistik aus Ostbelgien heute weniger attraktiv als synchronische Themen. Das Thema war allerdings schon gut von Nelde (1979) und Kern (1999) erforscht worden.
Dialekte haben dennoch politisch einen wichtigen Stellenwert, wie Bourdieu (1982: 76) es festgestellt hatte. Politiker reden nämlich mit den Mitbewohnern ihres Dorfes im engeren Kreis so oft wie möglich „Platt“, um eine engere Verbundenheit aufzubauen und potenzielle Wähler besser zu erreichen. Auch gab es im BRF bis vor einigen Jahren eine Sendung auf Platt, deren zurückgehender Erfolg letztendlich die Tendenz zu einem immer größeren Einfluss des Hochdeutschen zeigt. Ob die Dialekte in Ostbelgien irgendwann verschwinden werden, kann heute nicht eindeutig beantwortet werden.
Im Kontakt mit der französischen Sprache oder mit den Dialekten haben sich einige lexikalische Besonderheiten in der Umgangssprache herausgebildet, die Franz-Josef Heinen und Edie Kremer (2011) in ihrem Buch „Mostert, Bics und Beinchen stellen“ zusammengetragen haben. Hier einige Beispiele daraus: der Knupp (‚der Zuckerwürfel‘), die Möhn (‚ältere Frau‘), der Kuschelemusch (‚Wirrwarr‘), der Schöffe (‚Mitglied mit exekutiver Funktion im Gemeinderat‘), das i-grec (‚Ypsilon‘) usw.
Dialekte werden in den Kneipen, auf dem Arbeitsplatz und in Situationen gesprochen, wo beide den gleichen Dialekt sprechen und es voneinander wissen.
Die Varianten in den Dialekten haben dazu geführt, dass die Sprecher im Norden der DG die des ripuarischen Raumes als „Mottes“ bezeichnen. „Mottes“ kommt von der Aussprache „mot“ statt „mit“ in Küs’te mot?