Urs Triviall

Der Vorfall


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      „Fische, Frösche, Kröten und allerlei Wasser-Getier.“

      „Aha! Schön!“ Als habe sie mit dieser Bemerkung das Thema Teich abgehakt, wandte sie sich dem Tisch zu. Sie stutzte merklich, zeigte wieder mit dem Finger: „Nur für zwei?“

      „Wie du siehst.“

       „Du bist allein?“

      „Ja.“

      „Deine Frau..?

      „Seit einigen Jahren…“ Obwohl die dunkle Sonnenbrille ihre Augen verbarg, sah ich deutlich, dass meine Besucherin überrascht war. Damit hatte sie offenbar nicht gerechnet. Traf das zu, erwog ich hastig, war meine Vermutung hinfällig, sie könnte die irre Anruferin sein. Andererseits konnte sie auch raffiniert spielen und so tun, als wüsste sie nicht Bescheid. Warum versteckte sie sich hinter einer so bombastischen Sonnenbrille? Meine Verunsicherung nahm zu.

      „Das tut mir aber leid, wirklich sehr leid,“ sagte sie und schien unschlüssig, wie sie nun mit mir umgehen sollte. Offenbar entschied sie, einfach zur Tagesordnung überzugehen; denn sie nahm resolut Platz. „Muss ich mich erst einmal setzen.“

       Und ich war unschlüssig, wie ich mit ihr umgehen sollte. Ich hatte mich auf den Besuch eingelassen, also musste ich das jetzt auch durchstehen. Auch ich nahm Platz.

      „Es ist so entsetzlich unwiderruflich!“ sagte ich. Ich konnte nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

      „Hat sie lange gelitten?“

      „Überhaupt nicht. Sie hat sich schlafen gelegt und ist nicht wieder aufgewacht.“

      „Ein schöner Tod! Sagt man!“

      „Sagt man.“

      Plötzlich streckte sie ihre Arme aus, fasste nach meinen Händen und flüsterte offenbar um Trost bemüht: „Irgendwann ist jeder an der Reihe.“

      „Ja,“ sagte ich ziemlich tonlos und bereute, mich auf diesen Besuch eingelassen zu haben. Er riss alte Wunden auf. Gewiss auch bei dem Problem, weshalb sie angeblich gekommen war. Ich beschloss zu versuchen, die Sache möglichst bald und schnell zu Ende zu bringen. So reizvoll solch ungewöhnlicher Besuch auch war, ich hatte kein Interesse daran, die Vergangenheit heraufzubeschwören; ich hatte Mühe genug, mit der Gegenwart fertig zu werden.

      „Nun sag schon, was treibt dich hierher?“ fragte ich unvermittelt und goß ihr Kaffee ein. „Milch haben wir auch.“ Ich schob ihr die Büchse hin, im selben Moment überrascht über mich, dass ich es nicht für nötig befunden hatte, ein Milchkännchen zu füllen. Meine Reaktion war ungewollt etwas brüsk geraten, und meine Besucherin beirrt. Sie schob ihre Brille auf die Stirn und schaute mich an, stechendes Blickes, sekundenlang mit ihren dunklen Augen. Ihre Zunge spielte hinter den Lippen. Aber sie sprach nicht.

      Seltsam irritierende Sekunden. Sie empfand wahrscheinlich erst in eben diesem Moment, wie ungewöhnlich ihr Besuch war. Auch dass sie mich zur Begrüßung geduzt hatte, war nicht unbedingt gewöhnlich. Gewiss, wir waren damals Kollege und Kollegin, hatten uns selbstverständlich geduzt. Aber seither war viel Zeit vergangen. Und jeder hatte seinen Pfad finden müssen. Unsere Wege waren weit auseinander gegangen. Sie hatte sehr schnell ihren Frieden gemacht mit den neuen Oberen, ich hingegen haderte herum. Noch immer. Und wahrscheinlich auch künftig.

      Nach den Sekunden des Verharrens hatte sie sich offenkundig entschlossen, unmittelbar zum Kern ihres Anliegens überzugehen. Sie schob ihre Brille wieder auf die Nase, legte sich ein Stück Torte auf ihren Teller, nahm einen ersten Biss und sagte mit noch ziemlich vollem Mund:

      „Also Folgendes: Ich habe ein Kapitel in meinem neuen Roman, in dem der Direktor der Schauspielschule vorkommt. Ich möchte möglichst dicht an der Wahrheit sein.“

      „Worum geht es?“

      „Um die Firma.“

      „Ah, verstehe!“ Das populistische Mainstream-Thema dachte ich, schwieg aber und machte eine interessierte Miene. Wenn sie denn doch die mysteriöse Anruferin war, dann gab sie sich wahrhaftig viel Mühe, von ihrem eigentlichen Ansinnen abzulenken. Obwohl natürlich noch viel rätselhafter war, warum sie – so es zutraf - gegen mich solch infame Intrige inszenierte.

      Sie benutzte mein „Verstehe!“ für eine kleine Kunstpause, trank genießerisch Kaffee und fuhr fort:

      „Schlagzeilen lassen sich nicht mehr damit machen, heutzutage muss man rechts blinken. Aber mich interessiert es. Da gibt es nämlich, sagen wir mal, einen dunklen Punkt in seinem Leben. Er ist, das ergeben jedenfalls meine bisherigen Recherchen, für die Firma kurze Zeit in Frankfurt am Main tätig gewesen.“

      „Nein!“

      „Doch! War er manchmal tagelang weg von der Schule?“

      „Gott, das ist so lange her, kann mich nicht erinnern.“ Das war nun wirklich starker Tobak!

      „Gibt es wirklich keinerlei Hinweis, nicht einmal eine Vermutung? Es müsste doch aufgefallen sein. Man hätte gerätselt, warum er so oft krank ist. Zum Beispiel.“

      „Du warst seine Assistentin. Du müsstest dich doch am ehesten daran erinnern können.“

      „Es geht um die Zeit nach mir.“

      „Ach so!“

      Just wurde mir heiß und kalt. Ich erinnerte mich plötzlich, dass mich Vickert eines Tages in seinem Zimmer beiseite genommen und in ein Vertrauen gezogen hatte, das ich seither nie gebrochen habe. Sollte ich jetzt offen darüber sprechen?

      „Du überlegst?“ riss mich Simone aus meinen Erinnerungen.

      „Ja, da fällt mir eine Sache ein.“ Ich zögerte, dann sagte ich: „ Eine Sache, die ich bis jetzt eisern für mich behalten habe; denn er hat mir etwas anvertraut, was man damals nicht jedermann erzählt hätte.“

      „Und?“ sagte sie aufmerkend und goss sich noch einmal Kaffee ein.

      Ich zögerte noch immer, erwog, ob meine Aussage irgendwem noch heute Ärgernisse bereiten könnte. Das schloss ich aus, denn die Angelegenheit war aus gegenwärtiger Sicht belanglos. Nicht nur verjährt, sondern eigentlich völlig belanglos.

      „Hm!“ räusperte ich mich und sagte: „Das ist alles so weit weg. Wir hatten irgendeine Besprechung, wenn ich mich richtig erinnere, standen an seinem Schreibtisch und verharrten, denn die Angelegenheit, um die es ging, hatten wir geklärt. Plötzlich zog er seinen Schreibtischkasten auf, griff nach einem kleinen Fotoalbum und sagte, das sei von der Sicherheit. Ich muss ein sehr verdutztes Gesicht gemacht haben; denn er ergänzte, sie wollten ihn zu einem Einsatz im Westen überreden. Ich konnte das auf keine Reihe kriegen. Er blätterte in dem Album, zeigte mir Fotos. Zu sehen waren Straßen und Häuser einer mir fremden Stadt, insbesondere ein Geschäft mit Schaufenstern. Angeblich, sagte er, sei er genau der Typ, den er in diesem Geschäft spielen sollte. Mir schien, dass seine Hände zitterten. Mir war sofort klar, dass ich hier so zurückhaltend wie möglich sein musste. Zum Glück bat er mich damals nicht um Rat. Er klappte das Album zu, legte es ab und sagte, und das hat sich mir wörtlich eingeprägt: ‚Die wollen mich weg haben hier.‘ Ich weiß nicht, was diese Befürchtung bei ihm verursachte. Es gab zwar oft Kritik an der Schule, das weißt du ja auch, aber dass man ihn durch besondere Beförderung von seinem Posten verjagen wollte, das, hm, das schien mir unwahrscheinlich.“

      „Und, wie stand er dazu?“ fragte Simone knapp und zielgerichtet.

      „Er meinte, er habe sich entschieden, er werde so etwas nicht machen. Er sei zwar Schauspieler, aber für die Bühne, nicht für einen Geheimdienst.“

      „Das hat er dir gesagt, aber gespielt hat er trotzdem.“

      „Meinst du?“

      „Du lieferst mir ein wichtiges Detail in meinem Puzzle. Für mich steht damit fest, dass er tatsächlich von Fall zu Fall tätig war. Ich muss nur noch herauskriegen, worin diese Tätigkeit bestand. Hat er damals noch irgendwelche Angaben gemacht?“

      „Nein,