hunderttausend Franken zu verdienen und dann durch Begebung einiger Wechsel oder mit Hilfe eines Bankierkredits den Moment abzuwarten, da ich meinen Verlust wieder gutgemacht und die Terrains ihren Mehrwert erreicht haben werden.«
Wenn ein Mensch, der ins Unglück geraten ist, sich mit mehr oder weniger richtigen Erwägungen, mit denen er sein Kopfkissen polstert, um darauf zu schlafen, ein Luftschloß aufgebaut hat, so wird er häufig dadurch gerettet. Viele Leute halten das Vertrauen, das die Illusion eingibt, für Energie. Und vielleicht besteht die Hälfte des Mutes in der Hoffnung, die ja auch die katholische Religion unter die Tugenden rechnet. Hat die Hoffnung nicht viele Schwache aufrecht erhalten, indem sie ihnen die Zeit gewährte, die Wechselfälle des Geschicks abzuwarten? Entschlossen, dem Onkel seiner Frau seine Lage auseinanderzusetzen, bevor er anderswo Hilfe suchte, ging Birotteau die Rue Saint-Honoré bis zur Rue Bourdonnais entlang, nicht ohne ein ihm sonst unbekanntes Angstgefühl, das ihn so heftig erregte, daß er seine Gesundheit für erschüttert hielt. Die Eingeweide brannten ihm. In der Tat fühlen die Leute, die mit dem Zwerchfell empfinden, dort Schmerzen, während die Leute, die alles mit dem Verstande aufnehmen, Kopfschmerzen bekommen. Bei großen Krisen wird die physische Natur dort angegriffen, wohin die Wesensanlage des Individuums den Sitz des Lebens verlegt hat; schwache Leute bekommen dann Kolik, Napoleon verfiel in Schlaf. Bevor die Zuversicht ehrenhafte Menschen soweit vorwärts treibt, daß sie alle Schranken des Stolzes niederwerfen, müssen sie mehr als einmal im Herzen die Sporen der Notwendigkeit, dieses harten Reiters, verspürt haben! So hatte sich auch Birotteau erst zwei Tage lang anspornen lassen, bevor er seinen Onkel aufsuchte, und auch dann entschloß er sich erst aus Rücksicht auf seine Familie dazu: jedenfalls war er gezwungen, dem gestrengen Eisenhändler seine Lage offen darzustellen. Trotzdem ergriff ihn vor der Tür das innere Schwächegefühl, das jedes Kind empfindet, wenn es zum Zahnarzt geht; aber bei ihm bezog sich dieses Gefühl auf den Gesamtbegriff seines Daseins, nicht auf einen vorübergehenden Schmerz. Langsam stieg Birotteau die Treppe hinauf. Er fand den Alten am Kaminfeuer den Constitutionnel lesend vor einem kleinen Tisch, auf dem sein frugales Frühstück stand: ein Brötchen, Butter, Briekäse und eine Tasse Kaffee.
»Das ist der wahre Weise«, sagte Birotteau, der das Leben des Onkels beneidete.
»Nun?« sagte Pillerault und nahm seine Brille ab, »ich habe gestern im Café David von der Affäre Roguin gehört und von der Ermordung der schönen Holländerin, seiner Mätresse! Ich hoffe, du hast dir, auf unsre Erklärung hin, daß wir als effektive Eigentümer auftreten wollen, die Quittung von Claparon geben lassen?«
»Ach, lieber Onkel, das ist ja das Unglück; du hast den Finger auf die Wunde gelegt: Nein.«
»Aber, zum Henker! Dann bist du ja ruiniert«, sagte Pillerault und ließ seine Zeitung fallen, die Birotteau aufhob, obwohl es der Constitutionnel war. Pillerault wurde von den Überlegungen, die er anstellte, so tief bewegt, daß sein Gesicht, von dem strengen Schnitt einer Medaille, wie Metall unter dem Schlag des Stempels erstarrte; mit starrem Blick fixierte er durch das Fenster die gegenüberliegende Mauer und hörte Birotteaus langer Auseinandersetzung zu. Er prüfte und urteilte, er wog das Für und Wider ab mit der Unerbittlichkeit eines Minos, der den Styx des Handels überschritten hatte, als er den Quai des Morfundus verließ, um seine kleine Wohnung im dritten Stock zu beziehen.
»Nun, lieber Onkel?« sagte Birotteau, der eine Antwort erwartete, nachdem er mit der Bitte geschlossen hatte, Pillerault möchte sechzigtausend Franken Rente verkaufen.
»Nein, mein armer Junge, das kann ich nicht, du bist zu stark kompromittiert. Die Ragons und ich, wir verlieren beide unsre fünfzigtausend Franken. Diese braven Leute haben auf meinen Rat ihre Wortschiner Minenaktien verkauft: ich fühle mich deshalb bei diesem Verluste verpflichtet, ihnen zwar nicht das Kapital zu ersetzen, aber ihnen hilfreich beizuspringen, ihnen, meiner Nichte und Cäsarine. Ihr werdet euch vielleicht alle nach Brot umsehen müssen, und das sollt ihr bei mir finden …«
»Nach Brot, Onkel?«
»Nun ja, gewiß, nach Brot. Du mußt den Dingen, wie sie in Wirklichkeit stehen, ins Gesicht sehen: Du wirst dich nicht herausziehen können. Von fünftausendsechshundert Franken Rente kann ich viertausend entbehren und sie zwischen euch und den Ragons teilen. Wie ich Konstanze kenne, wird sie bei einem solchen Unglück arbeiten wie ein Galeerensklave und sich alles versagen, und du ebenso, Cäsar!«
»Aber es ist doch noch nicht alles verloren, lieber Onkel.«
»Ich sehe anders als du.«
»Aber ich werde dir das Gegenteil beweisen.«
»Nichts würde mich mehr erfreuen.«
Birotteau verließ Pillerault ohne eine weitere Antwort. Er war gekommen, um Trost zu finden und Mut zu schöpfen, und er empfing einen zweiten Schlag; dieser traf ihn in Wahrheit nicht so heftig wie der erste, aber er fiel nicht auf seinen Kopf, er traf ihn ins Herz; und das Herz war bei dem armen Manne das Wesentliche. Nachdem er schon einige Stufen hinabgestiegen war, kehrte er noch einmal um.
»Herr Pillerault,« sagte er kühl, »Konstanze weiß nichts davon, ich bitte, die Sache wenigstens geheim zu halten und auch Ragons zu ersuchen, mir zu Hause nicht die Ruhe wegzunehmen, die ich so nötig brauche, um gegen das Unglück ankämpfen zu können.«
Pillerault machte eine zustimmende Gebärde.
»Du brauchst den Mut nicht zu verlieren, Cäsar«, fügte er hinzu; »ich sehe, daß du mir böse bist; aber später wirst du gerechter über mich urteilen, wenn du an deine Frau und deine Tochter denken wirst.«
Entmutigt durch die Ansicht seines Onkels, den er für einen besonders klaren Kopf hielt, stürzte Cäsar von der Höhe seiner Hoffnungen in den trüben Sumpf der Ungewißheit hinab. Wenn bei solchen fürchterlichen Geschäftskrisen ein Mann nicht eine so stählerne Seele hat wie Pillerault, wird er zum Spielball der Ereignisse; er folgt bald den Meinungen der andern, bald seinen eigenen, wie ein Wanderer, der hinter Irrlichtern herläuft. Er läßt sich von dem Wirbelsturm mit fortreißen, anstatt sich auf die Erde zu legen und nicht hinzusehen, wenn er vorüberbraust, oder seine Bahn zu beobachten, um sie zu vermeiden. Mitten in seinem Schmerze erinnerte sich Birotteau an den Prozeß wegen der Terrainhypothek. Er begab sich nach der Rue Vivienne, zu Derville, seinem Anwalt, um sobald als möglich vorzugehen, falls der Anwalt eine Möglichkeit sehen würde, den Vertrag zu annullieren.