Jan Kjaerstad

Femina erecta


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sie oft noch schwatzend in ihrem Zimmer, und an einem dieser Abende zog Kaja sie ins Vertrauen über einen Verdacht, den sie schon seit längerem hegte: »Ich glaube, Sigurd ist nicht mein Vater. Es gibt da etwas, das meine Mama mir nicht erzählen will. Vielleicht ist er berühmt. Ein Schauspieler!« Sie schaute Laila mit ihrem dramatischsten Blick an. »Ich will ein Filmstar werden«, sagte sie, »ich glaube, das steckt in mir drin.« Kajas Ziel war es, bemerkt zu werden. Einmal erschien sie mit komplett weiß geschminktem Gesicht in der Schule. Sie sagte zu Laila: »Wir müssen uns von den anderen abheben!« Laila dachte, dass sie das auf einfachere Weise zustande bringen müsste.

      Auch in einem anderen Punkt unterschieden sich die beiden Cousinen: Durch das Kontaktnetz ihrer Mutter, die Journalistin war, verkehrte Kaja lange Zeit in den nobleren Kreisen der Stadt, will heißen, in Gesellschaft der Prominenz, die es damals eben so gab. Zudem war Kaja wie besessen von Françoise Sagans Roman Bonjour tristesse, auch von der Schriftstellerin selbst, und in dem Sommer, nachdem sie ihr Abitur gemacht hatte, durfte sie sich von einem Freund ihrer Mutter einen offenen Sportwagen leihen. Sie sausten mit Kopftüchern durch die Gegend, und genau wie ihr französisches Vorbild fuhr Kaja barfuß, Laila war noch nie auf so vielen mondänen Festen gewesen, überall Jazz und massenhaft Katzen, geöffnete Weinflaschen und Männer, die einen Jargon sprachen, den nur sie selbst verstanden. Aufgrund dieses Bekanntenkreises konnte sie dann auch eines Spätsommers zwei Einladungen vor Laila auf den Tisch knallen: »Wir werden, liebe Freundin, auf den Abschlussball der Militärakademie gehen. Und weißt du, wer auch auf diesem Ball sein wird?«

      »Paul Newman mit seinen blauen Augen?«, scherzte Laila.

      »Kronprinz Harald«, sagte Kaja. »Aber sieh dich vor. Er gehört mir.«

      Diese unvorhersehbaren Zufälle, die alles auf den Kopf stellen können.

      In der Chronik von Little Green finden wir folgenden Passus: »Was die Frage betrifft, wie Laila aus Tåsen zu Laila of Norway wurde, neige ich zu der Vermutung, dass Huldra 5 sich als der wichtigste Faktor erwiesen hat.«

      Da steht sie nun also, Laila Berger, in einem neuen Kleid, eines Abends Ende August 1959. Und in dem Saal wimmelte es nur so von anderen Mädchen in neuen Kleidern, alle in heller Aufregung und umgeben von Kadetten in Ausgehuniform. Plötzlich stand der Kronprinz vor ihr und unterhielt sich mit ihr. Laila glaubte zuerst, er wechsle nur aus Höflichkeit auf einer seiner Runden einige Worte mit ihr, genau wie mit allen anderen. Doch er blieb stehen, unterhielt sich lange mit ihr. Und aus seinen Augen konnte sie herauslesen, dass sie ihm gefiel, er womöglich sogar hingerissen von ihr war. Er lachte und glaubte, es sei ein Scherz, als sie ihm erzählte, sie habe Bilder von ihm in ihrem Poesiealbum. Sie tanzten Swing, und er stellte sie einigen seiner Jahrgangskameraden vor. Gedanken kollidierten in Lailas Kopf, Gedanken, die indessen auch stark von Zweifel geprägt waren. Doch dann, in einer kurzen Pause, stieß Kaja zu ihnen, in deren Blick etwas Hitziges lag und die Laila unter irgendeinem gewichtigen Vorwand und mit einer galanten Entschuldigung regelrecht von dem Kronprinzen wegzerrte. Später entdeckte Laila den Kronprinzen beim Tortentisch, wo er gerade mit einem anderen Mädchen plauderte. Perlenkette und Perlenohrringe. Kurzgeschnittenes Haar. Dieses Mädchen, erklärte Kaja, sei vom Kronprinzen eingeladen worden. »Sie ist bloß eine alberne Kleidernäherin«, sagte sie, »mit der wird er bald fertig sein.« Laila fragte sich, wieso Kaja sie vom Kronprinzen weggezerrt hatte und wieso sie tags darauf keinen Kontakt mehr zu ihr wollte und auch nicht in den Tagen und Wochen danach. Wie dem auch sei: Es sollten mehrere Jahre vergehen, ehe sie und Kaja wieder miteinander sprachen.

      Laila war darüber nicht enttäuscht, sie hatte nie davon geträumt, Königin zu werden. Dafür jedoch hatte sie einen anderen Traum, und Anfang September, nur wenige Tage nach dem Ball der Militärakademie, geht sie an Bord des neuesten Schiffs der Norwegischen Amerikalinie, der MS Bergensfjord, und obwohl sie nur zu einer kleinen Kabine auf einem der untersten Decks geleitet wird, wo sie sich auf die schmale Koje setzt und das Herz des Schiffs schlagen oder eher singen hört, weiß sie, dass sie erst jetzt wirklich vor der Möglichkeit einer Verwandlung steht – in etwas völlig Unerwartetes. Und sie sollte recht behalten.

      Woher kam diese Reiselust? Man hätte alle fragen können, die sie kannte, und niemand hätte vermutet, dieses zurückhaltende Mädchen könnte plötzlich ihren Koffer packen und sich Arbeit auf einem Schiff suchen, das auf dem Atlantik kreuzte. Hätte man Laila selbst gefragt, ihre spontane Antwort hätte gelautet, dieser unergründliche Drang sei von einem Ton geboren worden, einem Ton, der aus einem Wald aus Tönen herausgewachsen und zu ihrem Ton, zu einer Berufung, geworden war.

      Eine von Lailas Lieblingsbeschäftigungen war es, ganz nahe vor ihrem Huldra-Radiogerät zu sitzen, oder richtiger: vor dem Schrankmodell dieses vom Arbeitsplatz ihres Vaters in Kjelsås stammenden Wunders. Es hatte mehrere Versionen des Modells Sølvsuper gegeben, doch jetzt war Huldra 5 angesagt. »Unser Flaggschiff«, wie Lorang es nannte. Laila hörte entweder Musiksendungen oder Platten, besonders die Jazzplatten, die Großonkel Henry aus Amerika schickte und die hierzulande nicht so leicht zu bekommen waren. An einem Tag, der wie alle anderen begann, aber nicht wie alle anderen enden sollte, hatten sie gerade ein neues Paket aus Brooklyn bekommen, und nachdem Laila aufs Geratewohl in die Schachtel hinein- und sich eine LP mit dem Titel Miles Ahead herausgegriffen hatte, der Musik zuerst nur mit halbem Ohr lauschend und währenddessen in einer Wochenzeitschrift lesend, durchschnitt bei einer der Nummern nach einer knappen Minute plötzlich ein Trompetenton die Harmonien und attackierte sie gnadenlos, was zur Folge hatte, dass sie die Zeitschrift fallen ließ und aufstand. Als hätte sie ein Signal vernommen und wäre jetzt bereit, zur Tat zu schreiten. Bereit zum Aufbruch. Verwundert lauschte Laila dem Trompetenton, der aus dem verworrenen Bläserarrangement herausdrang, griff nach dem Cover und sah, dass die melancholische Ballade »My Ship« hieß und die Lippen, die diesen unwiderstehlichen Laut formten, einem Musiker namens Miles Davis gehörten.

      Sie unterzog das Paket von Großonkel Henry einer eingehenderen Untersuchung und entdeckte noch mehr Schallplatten von Miles Davis, und in den darauffolgenden Wochen spielte Laila sie so oft wie möglich, Birth of the Cool, ’Round About Midnight und Milestones, aber aus irgendeinem Grund, vielleicht weil dieser Songtitel ihr als Erstes ins Auge gesprungen war, wurde »My Ship« von Miles Ahead zu ihrer Lieblingsnummer, gegen die nicht einmal »Bye Bye Blackbird« ankam. Immer sah sie bei diesen Tönen das schnittige Luxus-Kreuzfahrtschiff Stella Polaris vor sich, den unvergleichlichen, weißen Schiffsrumpf mit Goldplanken am Bug, ein Schiff wie aus dem Märchen.

      Darin besteht das Rätsel in Lailas Leben, das sie immer wieder zum Nachdenken bringt. Ein Ton, der sie getroffen hat, physisch. Lange Zeit war sie leicht schlafwandlerisch durchs Leben gegangen, fast wie zum Schutz, um weniger anfällig zu sein für Neckereien und Mobbing. Auch »My Ship« war am Anfang eine Spur nebelhaft, bis dann die Trompete alles durchschnitt, auch in ihr, und zu einer Einladung wurde: Bitte, fang an zu leben. Beginne damit, die Quelle dieses Tons ausfindig zu machen. »Ich weiß nicht, was mein Vater und meine Mutter mir als Erbgut mit auf den Weg gegeben haben, aber ich weiß, nichts hat mich mehr geformt als der Ton einer Trompete«, sagte sie als Erwachsene zu Little Green, die dieses Zitat in ihre kurze Chronik aufgenommen hat.

      Laila wollte nach Amerika, und auch wenn sie womöglich den Traum im Hinterkopf hatte, im Rockefeller Center einem amerikanischen Prinzen, einem Magnaten, zu begegnen – es waren schon größere Wunder geschehen als das –, wollte sie in erster Linie Miles Davis spielen hören, ihn spielen sehen, herausfinden, ob er auch in Wirklichkeit diese reinen Töne hervorzubringen vermochte, die sie mit solch chirurgischer Präzision trafen. Sie wusste, dass er oft in Manhattan spielte, zum Beispiel im New York Plaza Hotel oder im Birdland, sie hatte sich bei Leuten umgehört, die sich in solchen Dingen auskannten, und deshalb also wollte sie nach New York und heuerte auf einem Schiff der Norwegischen Amerikalinie an, genauer gesagt auf der Bergensfjord, und weil sie bereits zweimal in den Sommerferien im Hotel Continental gearbeitet hatte, bekam sie einen Job als Kabinenmädchen in der Touristenklasse.

      Es erscheint nicht unangemessen, uns an dieser Stelle ein wenig mit der Norwegischen Amerikalinie zu befassen, einem Phänomen, das gewissermaßen die Linienführung der norwegischen Seele einfängt. Denn obwohl Norwegen als Seefahrernation – man stelle sich vor: ein Land mit einigen wenigen Millionen Einwohnern, und für einige Jahre im Besitz der drittgrößten Handelsflotte der Welt – sich