überhaupt nicht, warum ich hier sitze«, sagte sie. »Die norwegische Monarchie ist doch irgendwie das Allernorwegischste überhaupt. Und was ist?« Wie zur Ablenkung schenkte Laila ihrer Großmutter ein kleines Glas Likör ein, aber es nützte nichts. »Man holt sich einen dänischen Prinzen und gibt ihm den Künstlernamen Harald«, fuhr sie fort, »und dieser dänische Prinz heiratet seine englische Cousine. Sie bekommen einen Sohn, der sich mit seiner schwedischen Cousine verheiratet. Und diese Inzucht wird dann als etwas unverkennbar Norwegisches angebetet.« Rita schnaubte. Hilde lachte noch mehr.
»Ich dachte, du hättest dich von jeglicher Rassenhygiene distanziert«, sagte Ragnhild. »Erinnerst du dich nicht an dein Geburtstagsfest kurz vor Kriegsbeginn?«
Rita schnaubte erneut.
Laila war einfach nur neugierig. Jedes Mal, wenn der Kronprinz in Nahaufnahme gezeigt wurde, betrachtete sie eingehend sein Gesicht. Woran dachte er?
Bjørg, ihre Mutter, hatte mehrere Monate lang nicht gesprochen, weshalb alle überrascht waren, als sie mit einem Klirren den Teller abstellte und plötzlich den Mund aufmachte: »Das hättest du sein können«, sagte sie, an Laila gewandt. »Du hättest Königin von Norwegen sein können. Und sieh dich jetzt an. Sitzt hier herum ohne eine anständige Arbeit. Mit einem Bankert! Wer wird dich jetzt noch wollen?«
Alle schauten Bjørg an. Rita vergaß ihren eigenen Ärger und wollte ihre Tochter zurechtweisen, doch die fing zu lachen an, als wäre das alles als Scherz gemeint, und vielleicht war es das ja auch, das konnte man bei Bjørg nie wissen. Gleich darauf, als Sonja und Harald aus der Domkirche traten und den draußen versammelten Menschen zuwinkten, versank Bjørg wieder in sich selbst und schien das Geschehen auf dem Bildschirm vergessen zu haben, saß nur da und polkte an einem Zipfel der Krone herum, die noch auf dem halben Stück Marzipantorte zu erahnen war, das auf ihrem Teller lag.
»Mach dir nichts draus, Laila«, sagte Rita leise und hob ihr Likörglas.
Das tat Laila auch nicht, aber es war unmöglich, nicht zurückzudenken. An die Zufälle. Oder an Kaja. Oder an ihre Kindheit. An ihre traurige, aber nichtsdestotrotz schöne Kindheit. An das Poesiealbum. »In vielerlei Hinsicht«, sollte Laila als Erwachsene sagen, »gibt es nichts, woran ich mich besser erinnere als an diese sadistische Erfindung.«
Es ist Ende des Jahres 1940, und Laila ist neun Jahre alt. Die gleichaltrigen Mädchen befinden sich in einer Lebensphase, in der Poesiealben auf einmal im Mittelpunkt ihrer Welt stehen. Es ist schon seltsam mit solchen Erscheinungen. Im Jahr davor hatte kein Mensch über Poesiealben gesprochen, und ein halbes Jahr später waren sie wieder vergessen, der Staffelstab wurde an jüngere Mädchen übergeben. Aber jetzt, für einige Monate, sind Poesiealben das Um und Auf, sie werden überallhin mitgenommen, aufgeklappt, überall wird hineingeschrieben, überall daraus vorgelesen. Und natürlich geht es auch darum, wer die schönsten hat, obwohl sich die Auswahl auf einige wenige Ausführungen beschränkt und es noch keine herzförmigen gibt, die sollten erst zehn Jahre später aufkommen, oder solche mit einem kleinen Vorhängeschloss, die sich den Anschein gaben, als wären sie streng geheim, obwohl ein Fingerschnippen genügte, um sie zu öffnen.
Aber die Verse, die hineingeschrieben wurden, waren immer die gleichen. Variationen von »Rosen sind rot, Veilchen sind blau …« und »Ich flechte einen Kranz aus den schönsten Worten …« und »Lev vel« (»Ein schönes Leben«), im Kreuz geschrieben, wie im Gedenken daran, wie kurz das Leben ist. Unni, Britt und Kari haben in ihren Alben bald alle Seiten voll mit übertrieben herzlichen Grüßen und Glanzbildern in Gold und Glitzer. In Lailas Buch aber ist nur die erste Seite mit Text beschrieben, und eine kleine Zeichnung von einer Elfe befindet sich noch darin, nicht von einer Freundin, sondern von Tante Maud.
Laila trotzt ihrer Verlegenheit, geht durch den Schulhof und bietet den anderen ihr Album an, wie eine ausgestreckte Hand, doch die Mädchen kehren ihr den Rücken zu, was Laila nicht verstehen kann, oder eigentlich kann sie es, denn sie hat es vom ersten Schultag an in allen Variationen erfahren. Niemand will mit ihr spielen, niemand mit zu ihr nach Hause kommen, niemand will ihre Freundin sein. Man mochte vielleicht glauben, es habe mit ihrem Aussehen zu tun, mit ihren hellen Haaren und ihren Augen, die vom Blauen ins Violette überwechseln konnten, oder mit ihrem scheuen Wesen, dem auch etwas Träges oder Melancholisches anhaftete.
»Deine Mutter ist geistesgestört«, flüstern sie hinter ihr. Kleine Messer, die sie aufritzen. »Deine Mutter ist irre«, sagen sie. »In Gaustad ist ein Loch im Zaun«, johlen sie.
Das Unverständnis von Kindern. Aber es war schon etwas dran an der Sache, denn in dem Jahr, bevor Laila in der Schule begann, wurde Lailas Mutter, Bjørg Bohre, verheiratete Berger, in die psychiatrische Anstalt Gaustad eingeliefert. Ab und zu wohnte sie zu Hause, genauso oft aber war sie in Gaustad, und die Aufenthalte in der Klinik wurden immer länger. »Wo ist Mama?«, fragte Laila manchmal, wenn sie von der Schule heimkam. »Noch in der Klinik«, sagte ihr Vater und strich ihr übers Haar. »Du weißt ja, ihre Nerven sind etwas aus dem Gleichgewicht, sie braucht Ruhe.« Erst als Laila älter wurde, erzählte er ihr von den Stimmen, die ihre Mutter hörte, überall, Stimmen, die ihr nichts Gutes wollten, sondern ihr von grausamen Dingen erzählten, die sie mit ihr anstellen würden. Lorang Berger hatte sehr bald begriffen, wie es um seine Frau bestellt war – »sie verschwindet vor mir, sie verschwindet in die Dunkelheit«, sagte er zu Rita, Bjørgs Mutter –, und die Familie übersiedelte von Skillebek nach Tåsen, damit er nicht mehr so einen weiten Weg zurücklegen musste, wenn er sie in der Klinik besuchte. Auch aus einem anderen Grund stellte sich dieser Umzug als eine kluge Entscheidung heraus, denn einige Jahre später bekam Lorang Berger, ein fähiger Elektroingenieur, Arbeit in den neuen, prächtigen Anlagen der Radiofabrik Tandberg in Kjelsås. Lailas kleiner Bruder, manchen auch als Blue Norwegian bekannt, war darauf ganz besonders stolz und versäumte keine Gelegenheit, seinen Vater zu der am Maridalsvann gelegenen Fabrik zu begleiten oder die vielen neuen Produkte zu bewundern, die Tandberg in seiner Glanzzeit in Umlauf brachte, nicht zuletzt die Tonbandgeräte. Erst als Erwachsene wurde Laila bewusst, was ihr Vater in dieser anstrengenden Zeit durchgemacht haben musste. Sie erinnerte sich noch, wie sie zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen hatte, welcher Art die Probleme ihrer Mutter waren. Das musste direkt vor einer Geburtstagsfeier gewesen sein. Ihr Vater hatte eine Melodie gepfiffen, während ihre Mutter am Küchentisch saß und die Schokoladentorte verzierte. Plötzlich war ihre Mutter zusammengesunken und hatte zu schluchzen begonnen, und ein Streifen Puderzucker war von dem »Alles Gu«-Schriftzug auf der Torte auf den Tisch hinunter gelaufen. Schnell war ihr Vater herbeigeilt und hatte die Mutter ins Schlafzimmer gelotst, dann hatte er einen Arm um Laila gelegt und gesagt, alles würde gut werden, woraufhin er einfach an der Stelle, wo ihre Mutter die Arbeit unterbrochen hatte, weiterarbeitete und alles fertig schrieb, den Namen, die Jahre. »Wer einen Schaltplan zeichnen kann, der kann auch eine Torte mit Puderzucker verzieren«, sagte er und gab seiner Tochter einen Kuss auf die Wange. »Du kannst jetzt die kleinen Kerzen draufstecken.«
Einmal fiel Laila eine Fotografie ihres Vaters in die Hände, eines jungen, fast nicht wiederzuerkennenden Mannes an Bord eines Segelboots. »Das war einmal meins«, sagte er auf ihre Frage hin. »Auf einer Segelfahrt mit diesem Boot habe ich deine Mutter kennengelernt. Bei der Killingen-Insel. Sie war Paddeln mit Ritas Kajak. Ich habe sie gefragt, ob sie mich auf eine Weltumseglung begleiten will.« Ihr Vater lachte, wirkte dabei aber auch ein wenig verlegen. Vielleicht weil er dachte, Bjørg sei nie irgendwo anders gesegelt außer durch sich selbst, in einem weißen Zimmer in Gaustad. Als sie von Skillebekk weggezogen waren, hatte er das Boot verkauft. Laila begriff, dass ihr Vater einen Verzicht geleistet, einer Möglichkeit entsagt hatte. Dass er vielleicht ein anderes Leben gelebt haben könnte, ein anderes als das, in dem er Tonbandgeräte für Vebjørn Tandberg konstruierte.
Laila hatte nicht verstanden, was mit ihrer Mutter nicht stimmte. Sowohl zu Hause als auch in dem Zimmer in Gaustad verbrachte sie mitunter viel Zeit damit, ihre Mutter zu beobachten, die auf einem Stuhl saß und aus dem Fenster starrte, auf eine Aussicht, die sie ganz offensichtlich nicht interessierte. Oder sie hielt ihre Augen auf die kleine Märklin-Lokomotive gerichtet, die sie auf die Fensterbank gestellt hatte und die ihr anscheinend Trost spendete. Manchmal hatte sie einen kleinen Geigenkasten auf dem Schoß liegen, fast wie eine Puppe. Nur selten war sie geringfügig anwesender, und dann sprach sie auch ein paar Sätze, wenn sie im Gemeinschaftsraum