mit der Zeit einen Platz in der Parteiführung bekommen wird. Denn nichts wird wichtiger sein als der wirtschaftliche Aspekt in der Politik. »Tatsächlich wird die Welt von wenig anderem gesteuert«, wie Keynes am Ende seines Buches schrieb. Die große Herausforderung wird darin bestehen, zu versuchen, die Entwicklung mit politischen Mitteln zu beeinflussen, jene Zufälle, jene irrationalen Kräfte im Zaum zu halten, die die Wirtschaft beherrschen.
Verhindern, dass ihre Anführer sie abermals im Stich ließen.
Das Gegröle im Hinterhof wird lauter, die junge Frau in der Mitte des Kreises hat inzwischen zu weinen begonnen. Sie heult hysterisch und schreit, sie habe nichts Falsches getan, sie sollen sie in Ruhe lassen. Auch andere sind stehen geblieben.
In Sigurds Kopf brodelte es nur so vor Ideen, er wollte die Diskussionen fortsetzen, die sie auf der Böschung hinter den Baracken in Grini geführt hatten, an Gedanken weiterarbeiten, die er im Vieraugengespräch mit Gerhardsen ausgesponnen hatte. Denn welche Lehren musste man aus dem Krieg ziehen? Ja, dass Norwegen nicht in seiner eigenen Besenkammer verbleiben, sich nicht isolieren durfte in dem Glauben, man könne neutral bleiben. Das wäre, als baute man ein neues Grini, Mauern, die einen selbst einsperrten. Das funktioniert nicht in einer Zeit, in der jede Nation vom Geschehen in der restlichen Welt abhängig ist, hatte Gerhardsen gesagt. Ja, dachte Sigurd, lass uns niemals die wichtigste Lektion aus diesen fünf Jahren vergessen: Wir sind Teil einer größeren Geschichte.
Das Geschrei und die hitzigen Zurufe im Hinterhof wurden immer lauter. Sigurd, im weißen Hemd und mit hochgekrempelten Ärmeln, trat ein paar Schritte in den Torweg. Es war ein wunderschöner Maitag, ein Tag der Freiheit, und das Sonnenlicht verlieh sogar den verdreckten Fassaden in der Welhavens gate einen warmen, einladenden Charakter. Er hatte keine Lust, sich hier einzumischen, er wollte einfach nur nach Hause, heim zu Maud, heim zu den Kindern. Wollte die Wohnung mit Schmierseife putzen. Aber etwas an dem Schauspiel ärgerte ihn und veranlasste ihn, den Hinterhof zu betreten. Gut dreißig Menschen, sowohl Frauen als auch Männer, standen in einem Kreis um die junge Frau. Zwei Männer hielten sie auf einem Stuhl fest. Daneben saß eine Frau und schnitt ihr die Haare ab, schnitt sie einfach ab, als ob sie ein Schaf wäre oder etwas, das noch weniger wert war, denn das war es, was hier passierte, eine junge Frau wurde geschoren, es sah furchtbar aus, mit klaffenden Löchern an einigen Stellen, an denen die Kopfhaut hindurchschimmerte, während an anderen noch ganze Büschel dranhingen.
Der letzte Gedanke, den Sigurd in seinen Tagträumereien dort draußen in der Welhavens gate verfolgt hatte, war das Leitmotiv der zukünftigen norwegischen Gesellschaft. Und wie lautete das? Ja, die Steuereinnahmen, dieser Reichtum, sollte an alle verteilt werden. Und dasselbe, dachte er, während er dastand und zusah, wie ein hilfloses Mädel zuschanden geschoren wurde, dasselbe sollte für die Gerichtsbarkeit gelten: Die Gerechtigkeit sollte aufgeteilt werden, es sollte Gleichheit vor dem Gesetz herrschen. Besonders bei den Prozessen gegen die Kriegsverbrecher, die jetzt anstanden. In Grini hatten sie sich über die vielen Kriegsprofiteure unterhalten, die während der Besatzungszeit finanziellen Gewinn eingestrichen hatten. Das waren die eigentlichen Kollaborateure. Das Werk musste am Laufen gehalten werden, so lautete der Refrain. Deutschland hatte Fisch gebraucht, und mit dem norwegischen Export war die Hälfte ihres Bedarfs gedeckt worden. Besonders das Bauwesen hatte außerordentlich gute Zeiten erlebt. Viele Kriegsgewinnler. Besser die drankriegen und die kleinen Verräter mit milderen Strafen davonkommen lassen. Besser denen die Haare scheren als irgendwelchen Frauen, die sich in die falsche Person verliebt hatten. Und Strafen verhängen für die ganzen Schleimscheißer, die sich vor der Verantwortung gedrückt hatten. Die Bürokraten, die, weil es ihre »Pflicht« war, ohne Aufmucken jeden deutschen Befehl auf Punkt und Komma ausgeführt hatten. In den Baracken hatte die Auffassung geherrscht, jene Polizisten sollten hingerichtet werden, die den Hitlergruß vollführt hatten, die andere hinter Gitter gebracht und ganze Viehherden mit Juden zu den Gasöfen verfrachtet hatten, die dann aber, sowie sie erkannten, dass der Wind aus einer anderen Richtung wehte, einfach ihr Mäntelchen umgedreht und der Milorg ein paar Informationen zugesteckt hatten und glaubten, dadurch wäre alles vergessen und keine Paragraphen aus dem Strafgesetzbuch könnten ihnen etwas anhaben.
»Stopp!« Es war Sigurd, der da rief.
Er hatte vorgehabt, sich aus dem Torweg zurückzuziehen, weiterzugehen, nach Hause zu gehen. Aber er hatte bereits einmal zu oft Feigheit bewiesen.
Einige drehten sich zu ihm um, aber die meisten machten einfach weiter und spotteten auf das Mädel, das zusammengekauert auf dem Stuhl saß und sich den Kopf hielt. Es roch nach Urin. Es roch nach Scham. Es roch nach Hass. Jemand schlug nach ihr, sie wollten sie nicht bloß mit dem Verlust ihrer Haare davonkommen lassen, sondern zerrten an ihren Kleidern, wollten sie ausziehen. Wer waren diese Menschen? Was hatten sie selbst im Krieg geleistet? Im besten Fall war alles, was sie an Widerstand zustande gebracht hatten, zum 70. Geburtstag von König Haakon mit einer kleinen Blume im Knopfloch herumzulaufen. Ein ganzes Volk mit eingegipstem Arm. »Stopp, was macht ihr da!«, rief Sigurd noch einmal. Jetzt wurde es still, und alle wandten sich um. »Hey, der Kronprinz ist zurück«, sagte er. »Wir müssen ein Land wiederaufbauen. Wir können uns nicht mit so etwas aufhalten.« Er deutete mit der Hand auf die Szene, die sich ihm darbot, ein Kreis aus Henkern um eine junge, zierliche Frau mit vor Tränen und Rotz verschmiertem Gesicht.
»Was meinst du?« Einer von den Kerlen, die das Mädchen festhielten, trat einige Schritte auf ihn zu.
»Ich meine, wir sollten mit Würde auftreten«, sagte Sigurd. »Das hier«, er streckte abermals den Arm aus zu der jungen Frau, die auf dem Stuhl saß wie auf einem Schafott, »gehört nicht dazu. Wenn wir Rache wollen, müssen wir andere finden, an denen wir uns rächen können.«
Der Mann, ein großer Mann, trat nahe an ihn heran. »Sie ist mit einem Scheiß-Deutschen ins Bett gestiegen!« Es klang wie ein Fauchen.
Er befand sich in einer unangenehmen Lage. Die Menschen in diesem Hinterhof waren keine Individuen mehr, sie waren eine Masse. Ein Monster. Dasselbe, gegen das man fünf Jahre lang gekämpft hatte. Deutsche, die zu Hause gewiss nette Familienväter waren, die einem aber im Gefangenenlager ohne mit der Wimper zu zucken eine Reitgerte ins Gesicht schlugen. Sigurd stand da mit hochgekrempelten Ärmeln und wollte bloß nach Hause, er wollte nach Hause und Maud lesend auf einem Sonnenflecken auf dem Teppich sitzen und Absätze mit einem Bleistift einkreisen sehen, er wollte seine beiden Kinder beim Spielen umherlaufen sehen, sie fest an sich drücken, er wollte die Wohnung putzen, damit sie nach Schmierseife duftete. »Nicht sie ist der Schurke«, sagte Sigurd und versuchte, ruhig zu bleiben. Er sah die Wut in den Augen des Mannes, auch in denen der anderen in diesem Hinterhof. Fünf Jahre waren sie unterdrückt worden, und der Zorn war innerlich gewachsen. Jetzt musste er raus. Irgendwie. Egal, um wen es dabei ging.
»Lasst sie gehen und helft lieber mit, die großen Fische zu fangen!«, rief er. »Offiziere, Beamte, Richter, Direktoren, Industrielle. Habt ihr denn schon alles vergessen?«
Sigurd wollte einfach nur weg von dort. Er war bester Laune gewesen. Hatte sich darauf gefreut, wieder in Birgers Bude zu sitzen und White Horse zu trinken, zu reden, über Platon zu reden. Sofern Birger die Höhle dort unten in Deutschland überlebt hatte. Er freute sich auf ein Wiedersehen mit Einar Gerhardsen. Einar. Jetzt ging es nur noch um sie. Um Einar und ihn. Sigurd und Einar, sie würden die Sache vorantreiben, eine Gesellschaft auf die Beine stellen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Basierend auf einer Gleichheit, in der auf die Ungleichheit Rücksicht genommen wurde. Mit Sozialfürsorge für alle.
Sigurd. Der Admiral.
Und jetzt? Er sollte zusehen, dass er von hier wegkam, weit weg von diesem Hinterhof, diesem Dunst von etwas Tierischem, Nicht-Menschlichem.
»Bitte. Zeigt Barmherzigkeit«, sagte er, wobei sein Blick einige Sekunden dem der jungen Frau begegnete.
Sigurds letzte Äußerung musste die Wut des Mannes noch zusätzlich verstärkt haben, denn er versetzte Sigurd einen Hieb. Einem Mann, der es wagte, eine erbärmliche symbolische Handlung zu unterbrechen, bei der eine junge Frau gebrandmarkt werden sollte, die es nicht geschafft hatte, ihr Geschlechtsteil von den verdammten Deutschenschweinen fernzuhalten.
Nicht der Schlag war es, der Sigurd Bohre das Leben kostete, der Schlag an sich war nicht