Jan Kjaerstad

Femina erecta


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wusch sich das Gesicht, schluckte ein paar Tabletten und schleppte sich ins Bett, blieb dort hinter zugezogenen Gardinen liegen, noch immer von Kopfschmerz und Übelkeit geplagt. Draußen war es längst still geworden. Nur die gewohnten Geräusche. Die Tabletten begannen zu wirken. Der Luftkampf war, Gott sei Dank, bloß ein Missverständnis, ein Vorfall, der von beiden Ländern bedauert werden würde. Endlich konnte er einschlafen.

      Gegen halb drei am Nachmittag fühlte er sich einigermaßen wiederhergestellt und brachte ein halbes Marmeladebrot und etwas Kaffee runter. Er musste raus, er musste sehen, was vor sich ging, oder ob überhaupt etwas vorgefallen war. Draußen gingen die Menschen ruhig durch die Straßen. Keine ungewöhnlichen Gerüche, kein Unheil verkündender Lärm. Aber er hatte keinen Zweifel. Es waren deutsche Flugzeuge gewesen. Hatte es sich womöglich nur um eine Übung gehandelt?

      Er beschloss, bei der Universität vorbeizuschauen und sich an seinen Platz im Lesesaal zu setzen. Es war sonnig, es war erfrischend, nach draußen ins Freie zu kommen, durch den Schlosspark zu spazieren, wo sich noch immer wacker ein paar Schneefelder hielten. Er würde aufhören, Whisky zu trinken, er würde mit den Diskussionen aufhören, vom heutigen Tag an würde er nur noch lesen, fleißig studieren, eine bedeutende Stellung im Finanzministerium anpeilen, zu einer gerechteren Einkommensverteilung beitragen.

      Etwas an der Atmosphäre ließ ihn auf dem ersten Treppenabsatz am Eingang zur Universität innehalten. Die Menschen hatten entlang der Karl Johans gate Aufstellung genommen. Er hörte Hufschläge auf den Pflastersteinen. Zwei norwegische Polizisten ritten die Straße herunter. Einen Moment lang fühlte sich Sigurd beruhigt. Doch dann, das Geräusch zahlreicher Stiefelsohlen, die im Takt marschierten, und ein deutscher Trupp erschien, zu beiden Seiten begleitet von norwegischen Polizisten zu Pferde, als wollten sie die Deutschen in die Stadt hineinlotsen, die Hauptstraße hinab, wie um dafür zu sorgen, dass sie auch dorthin gelangten, wohin sie wollten. Sigurd stand auf der breiten Treppe vor dem Mittelgebäude der Universität, stand dort vor Säulen, die in einem armseligen Wicht Assoziationen zu Diskussionen über Platons Staat hervorrufen konnten, und sah die lange Kolonne deutscher Soldaten vorbeimarschieren. In Dreierreihen, mehrere Hundert Mann mit schwerem Gepäck. Eskortiert von der norwegischen Polizei! Von ein paar anderen, die neben ihm standen und die Radiosendungen gehört hatten, erfuhr er die jüngsten Neuigkeiten. Es war wie ein verkehrter Nationalfeiertagsumzug. Ein Umzug, der nicht aus Fahnen tragenden, sich in Richtung Schloss bewegenden Kindern bestand, sondern aus deutschen Soldaten mit Sturmgewehren, auf dem Weg in die andere Richtung, wo sie wichtige Gebäude besetzten.

      Er stützte sich an eine der griechischen Säulen. Er musste etwas tun. Aber falls er etwas tat, könnte er getötet werden.

      Vor Angst gelähmt stand Sigurd auf der Universitätstreppe. Und trotzdem: Irgendwann, das wusste er, irgendwann in der Zukunft, wie auch immer diese aussehen mochte, würde man gefragt werden, was man zu jener Stunde getan hatte, man würde für seine Taten zur Verantwortung gezogen werden. Ein Schauer lief ihm über den Rücken bei dem Gedanken, was er auf die Frage, was er am 9. April getan habe, würde antworten müssen: »Ich hatte einen schrecklichen Kater.«

      Oder: »Ich war halbtot vor Angst und habe nur rumgejammert.«

      Er wusste, was er zu tun hatte. Er eilte zum Parkveien zurück, vergewisserte sich, von niemandem beobachtet zu werden, und schlich hinunter in die Kellerkammer, in der sich das Holz und der Hackstock befanden. Es gab nur eines, was jetzt zu tun war. Ohne Zaudern, ohne Nachdenken. Der feuchte, modrige Kellergeruch erfüllte ihn mit Angst. Unter Zögern, einem langem Zögern nichtsdestotrotz, nahm er die Axt, legte den Arm auf den Hackstock, überlegte eine Sekunde, ob er sich ein paar Finger abhacken sollte, aber das wäre zu drastisch, er räusperte sich vor Aufregung, er musste an die Zukunft denken, es würde eine Zukunft geben – würde es eine Zukunft geben? –, doch, davon musste er ausgehen, jetzt ging es darum, gründlich zu arbeiten, nicht zu fest zuzuschlagen, aber auch nicht zu leicht, er schwitzte, als wäre er gerade einen Kilometer weit gelaufen, ließ den Axtkopf, leicht geneigt, mit der Hinterseite auf seinen Unterarm fallen, hieb vielleicht dennoch etwas zu fest zu, er zuckte zusammen bei dem Knacken, ehe die Schmerzlawine durch ihn hindurchfuhr, von der Haarwurzel bis in die Zehennägel. Scheiße. Verfluchte Scheiße. Verfluchte beschissene Scheiße. Er war leicht benommen, konnte aber die Axt fein säuberlich an ihren Platz zurückhängen, keine Spuren, er taumelte nach oben, nach draußen, nass von Schweiß und dem Schmerz, schaffte es bis zur Haltestelle, schaffte es bis zur Unfallambulanz, zum Krankenhaus Krohgstøtten in der Storgata. »Ich bin heute Morgen am Eis ausgerutscht«, sagte er, stöhnte er, die Schmerzen waren jetzt höllisch, ein Krankenpfleger half ihm in einen Stuhl, wo er wartete, bis ein erfahrener Arzt alles wieder an seinen Platz rückte – wieder ein Schrei – und der Arm eingegipst wurde.

      Ein geniales Alibi. Ein Arm in der Schlinge. Jeder würde verstehen, dass man sich in so einem Zustand nicht zum Mobilmachungsstützpunkt begeben konnte. Er spaziert nach Hause, wedelt im Gehen regelrecht mit dem weißen Gips in der Luft herum. Seht her! Ich bin entschuldigt! Ich würde kämpfen, aber wie ihr sehen könnt, bin ich ein halber Krüppel. Verdammtes Pech aber auch. Ein Glück für diese Scheißdeutschen!

      Zu Hause warf er eine neue Dosis Tabletten ein und legte sich ins Bett, konnte aber wegen des verdammten Arms keine angenehme Position finden. Er lag in leichtem Schlummer, als seine Mutter ihn am Abend besuchen kam: »Schon gehört?«, fragte sie schon im Aufschließen, Quislings Rede im Radio hatte sie so aufgeregt, dass sie vergaß, ihren Sohn in Augenschein zu nehmen. Aber dann: »Was ist mit deinem Arm passiert?«

      »Wäre da nicht dieses elende Glatteis gewesen, ein gebrochener Arm, würde ich jetzt im Wald liegen und diese unverschämten Eindringlinge niedermetzeln«, sagte Sigurd.

      Diesen Satz sollte er in den nächsten Monaten noch viele Male wiederholen.

      Seine Mutter bedachte ihn mit einem prüfenden Blick, ein Blick, an den er sich noch aus seinen Knabentagen erinnerte. Ein Blick, der die Lüge durchschaute. Sie verlor kein weiteres Wort über seinen Arm, sondern erzählte von den morgendlichen Unruhen in Fornebu, von dem Maschinengewehrlärm und von Flugzeugen, die brennend auf der Erde lagen, einen Augenblick lang hätte sie Angst gehabt, es könnten welche abstürzen und auf die Villa herunterkrachen. Und wo denn sein Bruder sei? Sie habe gerade zu ihm gehen wollen, aber er sei nicht dagewesen, die Wirtin habe ihn mit Rucksack, Skiern und Skistöcken in den Händen gesehen.

      Was seine Mutter da erzählte, wunderte Sigurd. »Ich habe dich doch gebeten, ihn im Auge zu behalten!«, sagte sie. »Bin ich etwa sein Aufpasser?«, fragte Sigurd. »Er ist so impulsiv, wer weiß, was ihm einfällt«, sagte Rita. »Mach dir keine Sorgen«, sagte Sigurd, »der hat sich irgendwo versteckt und wartet mit der weißen Fahne in der Hand.«

      Erneut richtete sie ihren Blick auf ihn. Oder auf den Gips. Auch eine Art weiße Fahne.

      Zum Glück blieb sie nicht lang, auch stand es um ihre Laune nicht zum Besten, sie bat ihn, Bescheid zu geben, wenn Harald sich bei ihm meldete. In der Nacht schlief Sigurd schlecht.

      Er musste sich etwas einfallen lassen. Zeigen, dass er gewillt war, mehr zu tun. Am nächsten Vormittag, einem Strom aus der Stadt flüchtender Menschen entgegen, denen das Gerücht zu Ohren gekommen war, die Engländer hätten vor, Oslo zu bombardieren, fand er sich bei der Fagerborg-Schule ein, seinem Mobilmachungsstützpunkt. Stand da in Anorak und Knickerbocker, mit Rucksack und gebrochenem Arm. In der Schule wurde ihm und einer Handvoll anderen dann mitgeteilt, dass die Mobilmachung abgeblasen sei.

      Doch der Plan ging auf. Man hatte ihn gesehen, und das sprach sich herum. Ohne einen Finger krumm gemacht zu haben, wurde er von vielen als Held betrachtet. »Stell dir vor, er wollte in den Kampf ziehen, obwohl er verletzt war«, flüsterten die Leute. »Stand da mit dem Arm in der Schlinge, der Arme, und bettelte um ein Gewehr. Solche Kerle braucht das alte Norwegen!«

      III

      Wir haben uns gefragt, ob es möglich ist, aus der verschwundenen Geschichte Norwegens, aus diesen fünf erschütternden Jahren, die unter der Bezeichnung »Der Zweite Weltkrieg« geführt werden, ein Bild herauszugreifen und zu sagen: Dies war ihre stolzeste Stunde. Auf diesen Ausdruck sind wir in einer berühmten Rede gestoßen, die der britische Premierminister Winston