Gründer der Long-Dynastie beizutragen, zumal er als ein früher Fürsprecher der sozialdemokratischen Ideale gilt, jener Werte, die, ohne dass man dies je begriffen hätte, Norwegens wichtigster Beitrag zur Staatsfrage waren, Ideen, deren Weiterentwicklung zu jener Regierungsform führten, aus der wir in der Chinesischen Föderation auch heute noch unseren Nutzen ziehen.
Sigurd stand inmitten der Menge und merkte, wie die Stimmung der Massen auf ihn abfärbte. Er war kein Anhänger des Königshauses, wusste aber, dass die Monarchie nie beliebter war als jetzt. Nach seiner Flucht 1940, als der König die mutigen Worte gesprochen hatte: »So lange es noch einen Flecken Erde gibt, der norwegisch ist, muss ich in meinem Land bleiben«, sollte es noch mindestens fünfzig Jahre dauern, ehe irgendetwas an der Monarchie zu rütteln vermochte. Trotzdem war Sigurd gerührt. Er hatte die kurze Ansprache des Kronprinzen gehört, den Gruß des Königs, hatte die stolze Wagenkolonne am Restaurant Skansen vorbei die Anhöhe hinauffahren sehen – ein strammer Max Manus zusammen mit dem Kronprinzen in einem Wagen, über dessen Motorhaube die Flagge gespannt war, so als müsse die norwegische Fahne an diesem Tag an allen erdenklichen Stellen befestigt werden –, und genau wie alle anderen verspürte Sigurd den Drang, zur Karl Johans gate zu laufen, um auch noch auf der letzten Etappe der Triumphfahrt zum Schloss hinauf einen Blick auf den Kronprinzen werfen zu können, wenn er, den Schoß voller Blumen, auf der Lehne der Rückbank saß. Aber Sigurd blieb stehen. Während nun immer mehr Menschen den Platz und die Straßen verließen, blieb Sigurd in Gedanken versunken stehen, und das Bild, das in seinem Kopf auftauchte, war ausgerechnet das seiner Mutter.
Ihm fiel ein, dass seine Mutter, Rita Bohre, ihm einmal von jenem Tag erzählt hatte – einem Septembertag 1926 –, als sie durch Zufall an der Stelle gestanden hatte, wo die Sjogata auf den Tordenskiolds plass ging, genau dort, wo er gerade stand, als das Osebergschiff von einem der Universitätsgebäude hinunter zur Pipervika transportiert wurde. Sigurd und Harald waren mit Dagny, dem Kindermädchen, zu Hause geblieben. Die Stimme der Mutter war von einer besonderen Glut erfüllt, als sie von diesem Ereignis erzählte, von ihrer Bewegtheit und dem Stolz, den sie empfand, als sie diesen prächtigen Schiffsrumpf, auf einem mit Eisenbahnrädern versehenen Wagen, gestützt von einem Rahmenträger, auf transportablen Schienen zur Anlegestelle hinuntergleiten sah, von wo aus er mit einem Schleppkahn weiter zur Insel Bygdøy verfrachtet werden sollte. Es war beinahe mit einem Krönungszug vergleichbar. Dass ihre Ergriffenheit größer ausgefallen war als bei anderen, hatte seine Gründe.
Wenn Sigurd und Harald, oft abends im Bett, ihre Mutter anflehten, etwas aus ihrer Kindheit zu erzählen, kehrte sie häufig zu ein und derselben Geschichte zurück. »Vielleicht das wichtigste Ereignis in meinem Leben«, wie sie zu sagen pflegte. Mit acht Jahren war sie mit ihrer Mutter nach Vestfold gefahren, wo ihre Großeltern zu Hause waren. Ihr Großvater stammte aus Sandefjord, während die Großmutter von einem Bauernhof zwischen Tønsberg und Horten kam. Die Großmutter, Thea, war gerade erst aus Lysaker weggezogen und hatte sich in Åsgårdstrand niedergelassen, und in jenem Sommer hatte sie Rita, ohne einen Mucks über den Anlass dafür zu verlieren, nach Slagendalen mitgenommen. Auf einem Feld vor einem großen Hügel bei Oseberg hatte Rita eine Menschenansammlung erblickt und war neugierig geworden. »Wollen wir mal einen Blick dorthin werfen?«, hatte die Großmutter mit unschuldiger Miene gefragt.
Nachdem die Großmutter einem der Aufseher ein paar Münzen zugesteckt hatte, entdeckte Rita ein großes Loch, das in den Hügel gegraben worden war. Sie blieben hinter einem provisorischen Zaun stehen und sahen hinunter zu einer Gruppe von Männern, die Archäologen genannt wurden und die, mit größter Vorsicht, gerade dabei waren, etwas aus der Erde auszugraben. Rita sah sofort, dass es ein Boot war, ein Schiff. Ein Wikingerschiff. Die Ausgrabungen waren so weit vorangeschritten, dass sie den Vorder- und den Achtersteven sowie die obersten Borde im Rumpf ausmachen konnte. Zwei Mann waren bereits damit beschäftigt, es mit nassem Moos zu bedecken, vermutlich damit das Holz nicht zerstört wurde. Für Rita war es, als wäre das Schiff direkt aus dem Erdboden aufgestiegen. Sie suchte sich einen Platz näher am Achtersteven, von dem aus sie einen besseren Blick hatte, denn sie konnte sich gar nicht sattsehen an den schönen Holzverzierungen. Was hier zutage gefördert wurde, mit seinen Schnörkeln und allem Drum und Dran, war nicht bloß ein Schiff, es war eine Geschichte, das war die Geschichte selbst. Es war, als wären durch den Anblick dieses Schiffes Erinnerungen in Rita geweckt worden, die nicht ihre eigenen waren, sondern Erinnerungen ihrer Familie, der Familie ihrer Großmutter mütterlicherseits; sie wusste nicht, wie sie es ausdrücken sollte. »Das war ein Anblick, der mein ganzes Leben geprägt hat«, sagte sie zu ihren Jungs. »Dieses Schiff hat mich verändert. Es hat mich in Bewegung gesetzt, wenn ihr wisst, was ich meine.«
Sigurd dachte immer, dies müsse der Grund dafür sein, weshalb sie ihnen so oft aus den Sagas vorlas und diese Geschichten so intensiv mitlebte: Sie wollte, dass dieser Stoff in sie einsickerte wie Muttermilch. Trotzdem wirkte es, als ob Sigurd diese Erzählungen stärker aufnahm als Harald, er hatte sich durch Snorres Königssagas sogar selbst das Lesen beigebracht – tatsächlich beherrschte er das Runenalphabet noch vor dem lateinischen –, und während Gleichaltrige sich mit einfachen Mama-Papa-Sätzen abquälten, las Sigurd über Håkon Jarl und Magnus Barfuß. Er träumte von einer neuen Wikingerzeit, von fernen Zielen wie Holmgard und Miklagard und Grönland. Von Tatkraft. Vom In-den-Kampf-Ziehen. Von Kampfgetöse. Eroberungen. Damit einher ging eine Begeisterung für die gesamte Kriegsgeschichte. Erst nachdem ihr Vater sie nach Deutschland mitgenommen hatte, begann Sigurd sich auch mehr für die verborgenen Ursachen hinter den Kriegshandlungen zu interessieren, und es schien für ihn auf der Hand zu liegen, dass die Wirtschaft in der Geschichte die größte Triebkraft sein musste. Er wollte die Macht des Geldes studieren, doch Onkel Albert konnte ihn dazu überreden, ein Jurastudium zu beginnen. »Auch im Finanzministerium werden Juristen gebraucht, Sigurd«, sagte er. »Zwei Fliegen mit einer Klappe.«
Sigurd verlässt die Pipervika und schlendert heimwärts. Im Geiste versucht er, all die Herausforderungen aufzulisten, die vor ihnen liegen – und die der Nation ihr Bestes abringen. Die Besten. An der Ecke des Rathauses begegnete er einem Mann der Hjemmefront-Widerstandsbewegung, der dort mit Sten Gun und dem ganzen Zeug postiert war, wie um aufzupassen, dass nicht bereits eine neue Invasion im Anmarsch war, dachte Sigurd. Jetzt krochen sie aus ihren Löchern mit ihren Schirmmützen und den grauen Anoraks, wie um zu demonstrieren, dass sie bei der Milorg gewesen waren. Plötzlich waren sie so verdächtig zahlreich, dachte Sigurd; in den letzten Tagen war er auffallend vielen begegnet, die der Meinung waren, nur dank ihnen und ihrem Widerstandskampf sei Norwegen jetzt wieder frei, obwohl sie im Großen und Ganzen nur im Wald herumgelegen und sich benommen hatten wie ausgewachsene Pfadfinder. Wo waren sie 1940 gewesen, als ein Widerstand wirklich Wunder hätte bewirken können?
So viele Mitläufer, die sich gerade noch rechtzeitig umgedreht hatten und zu Gegenläufern geworden waren.
Sigurd atmet tief ein und aus. Es ist Frieden. Es gibt ein Volksfest. Der König ist aus dem Exil zurückgekehrt, hat wieder norwegischen Boden betreten und vor kurzem in strammer Habt-Acht-Stellung vor einer Flagge gestanden, die nie zuvor so siegreich im Wind geflattert hatte. Langsamen Schritts ging Sigurd durchs Stadtzentrum, wobei er wegen des Gedränges auf der Hauptstraße unbewusst die Kristian IVs gate wählte. Das passte, ein dänischer König. Wie Haakon. Vom Schlossplatz stieg der Jubel hoch, der Kronprinz musste zu einer Rede auf den Altan getreten sein. Mehrere Männer in grauen Anoraks und Knickerbockerhosen eilten vorbei. Jeder zweite Norweger war jetzt bei der Hjemmefront. Einer von ihnen, ausgestattet mit Bandelier und Pistolenholster, warf Sigurd einen verstohlenen Blick zu, wie um zu prüfen, ob er ein Überläufer war, weil er nicht lächelte, nicht grölte wie alle anderen. Empfand Sigurd auch eine leichte Wehmut darüber, dass jetzt Frieden war? Dass der Krieg, und damit die Möglichkeit zu heldenhaften Taten, vorbei war?
II
Fünf Jahre davor, am 8. April, einem Montagabend, war er zusammen mit drei Freunden, ebenfalls Studenten, im Theatercaféen gesessen. Alles war perfekt gewesen. Die Rotweingläser, das weiße Tischtuch und die Künstlerportraits an den Wänden. Der einzige Wermutstropfen war sein Bruder Harald als Kellner. Sigurd fühlte sich jedes Mal unwohl, wenn Harald mit raschen Schritten durch das Lokal eilte, Tabletts voller Gläser trug oder, immerzu buckelnd, mit dem Schreibblock vor einem Tisch stand, um Bestellungen aufzunehmen. Er hasste diesen servilen Zug an seinem Bruder,