zu wissen, was sie hinter dem nächsten Hügel erwartete, im Dämmerlicht leuchtende Feldblumen oder ein Elch, der ganz still am Rand eines Sumpfs stand. Als Erwachsene dachte Maud manchmal, dass nicht ihre Eltern sie geformt, sie zu der gemacht hatten, die sie war, sondern der Wald. Sie verlief sich nie, konnte eine Landschaft wiedererkennen, auch wenn sie erst ein einziges Mal dort gewesen war, an einer kleinen Vertiefung etwa, einer Bachkrümmung, und wusste sofort: Hier bin ich schon einmal gegangen, jetzt weiß ich, wo ich bin – eine Fähigkeit, die tief in ihr drinstecken musste, die allen Menschen gegeben sein musste, von vor viertausend Jahren, als der Mensch noch nicht so gelebt hatte wie heute. Einmal, als Maud allein in einem Schutzverbau übernachtete, den ihr Vater am Sumpfufer aufgebaut hatte und in dem sie im Frühling gelegen und die Birkhahnbalz beobachtet hatten, sah sie auf dem Rückweg aus der Entfernung einen Wanderer, einen Mann, der später allen erzählte, er habe die Huldra gesehen, in grünem Gewand und anmutig wie eine Offenbarung, das sei wirklich wahr, sogar ihren Schweif habe er gesehen, als sie entschwunden sei. Maud hatte gekichert, als sie die Geschichte hörte, aber nichts gesagt.
Dann, nach einer enttäuschenden Jugend, stellt sie fest, das Magische war die ganze Zeit da, direkt vor ihrer Nase, und es hat nichts mit Kobolden und Trollen zu tun, sondern das Magische ist die Liebe. Das Problem ist nur, dass sie zwei Menschen liebt. Sie hat sich in beide verliebt, in Sigurd und Harald, ist ihnen gleichzeitig vor die Skier gefallen, beiden verfallen. Sie fühlt sich zu beiden hingezogen.
In jenem Sommer hatten die Brüder sie mehrmals in der Hütte besucht. Es war unschwer zu erkennen, dass auch sie diesen Ort für etwas Besonderes hielten, versteckt am Nibbitjern, wo sie beim Frühstücken zu den schönen, knorrigen Kiefern unten am Wasser sehen konnten. In Europa herrschte Unruhe, Hitler hatte an der Tschechoslowakei angebissen und gierte jetzt nach Polen, doch im Maud-Land, in Mauds Kopf, kreisten alle Gedanken um diese zwei jungen Männer und die Frage, für welchen der beiden sie sich entscheiden sollte. Eines Abends, als draußen Blitze den Horizont zwischen den Fichtenwipfeln durchschnitten und Donnerkrachen die Wände zum Zittern brachte, saßen sie zu dritt in der Hütte und lachten, und so war dieser Sommer, ein Sommer mit hohem Puls, voller Anspannung und Lachen, voller Harzduft, intensiver Blicke und zweideutiger Aussagen. Eines Morgens stand sie allein mit Sigurd am Türabsatz, und gemeinsam betrachteten sie den Elfennebel über dem See. »Magisch«, sagte Sigurd. Ja, dachte sie, magisch. Am Nachmittag ging sie mit Harald zum Schwimmen, und als sie eine kleine Insel erreichten, kamen Enten geflogen und landeten direkt neben ihnen auf dem Wasser. »Magisch«, lachte Harald. Ja, eine gefährliche Magie, dachte sie.
Aber für wen entscheidet sie sich? Auf dem stillen Wasser in einer Sommernacht sitzt Maud in dem kleinen Boot an den Rudern, legt eine Pause ein und betrachtet die beiden Männer, die achtern auf der Ducht sitzen und sich gegenseitig aufziehen. Wen sollte sie küssen? Wer von ihnen würde sie zuerst küssen?
Und jetzt sitzt Sigurd hier bei ihr mit roten Wangen, ob von der Kaminwärme oder dem Kräuterschnaps, weiß sie nicht. Sigurd, von dem die meisten sagen würden, er sei der Attraktivere. Ein Nansen. Und an gesellschaftspolitischen Fragen weit mehr interessiert als sein Bruder. Er hat wieder zu reden begonnen, ringt nach Worten, es ist ihr unbegreiflich, wie so jemand Jurist werden kann, noch dazu Rechtsanwalt, aber es gab wohl auch Kanzleien, in denen er nur herumzusitzen und die richtigen Paragrafen herauszusuchen brauchte. Als sein Blick auf den Thomas-Mann-Roman fällt, ist es, als ob ihm plötzlich etwas einfiele, etwas über Harald, eine Andeutung, und es gefällt ihr nicht, was er da andeutet, Harald als Frauenbetörer, der im Theatercaféen als Casanova bekannt sei, der alleinstehende Frauen anmacht und dann mit zu ihnen nach Hause geht, es scheint, als wolle Sigurd das eigentlich gar nicht sagen, aber vielleicht ist das alles ja doch ganz genau geplant, vielleicht ist das seine Art, ihr Skepsis gegen einen Konkurrenten einzupflanzen, seinen Bruder anzuschwärzen, sie kann nicht wissen, ob es wahr ist, doch die Worte versetzen ihr einen Stich, denn sie hat sich für Harald entschieden, oder glaubt es zumindest, immerhin ist er es, auf den sie voller Ungeduld gewartet hat.
An einem der letzten Sommerwochenenden kamen die Brüder wie gewohnt zu ihr in die Hütte. Für Sigurd war es nur ein Tagesausflug, aber Harald blieb, sie gingen wandern, und in der Luft hing ein wohliger Duft nach Fichte und Kiefer, und auch nach ihm, sie war wie im Taumel, und sie pflückten Blaubeeren, die sie auf dicken Grasbüscheln sitzend verspeisten, und sammelten Pfifferlinge, die er später in reichlich Butter röstete und mit Brot servierte, bon appétit, Mademoiselle, und damals, ja, damals musste sie sich wirklich in ihn verliebt haben, denn als sie ihn am nächsten Tag frühmorgens aus dem zweiten Schlafzimmer hinausgehen hörte, stand sie auf und beobachtete vom Fenster aus, wie er sich unten bei der Felskuppe auszog, wie er nackt in der Morgensonne stand und sich anschließend ins Wasser warf, als wolle er den ganzen See erkunden, zumindest aber in alle nähergelegenen Buchten hineinschwimmen, denn eine Besonderheit des Sees bestand darin, dass man ihn nie ganz sah, er hatte seine versteckten Winkel, und sie stand am Fenster und sah ihn schwimmen, lange, mit kräftigen Armzügen – die ihm sein Vater beigebracht hatte, wie er später erzählte –, bevor er, endlich, wieder an Land kroch, nackt auf dem Felsen stehen blieb und sich von der Sonne trocknen ließ, doch was sie beeindruckte, war nicht seine Nacktheit, der Anblick seines nassen, sehnigen Köpers, sondern die gierige Art seines Schwimmens, als wolle er das labende Nass umarmen, es in Besitz nehmen, und genauso stellte sie sich auch den Liebesakt mit ihm vor, dass er einfach in sie hinein-, über sie hinweg-, durch sie hindurchgleiten würde, als wäre sie ein Element der Natur.
Außerdem war Harald ein Leser. Wie sie. Sigurd dagegen las keine literarischen Werke. In der Hütte stand ein kleines Bücherregal. Buch für Buch hatte Maud über die Jahre mit hierhergenommen, alle sorgfältig ausgewählt, Bücher, die man mehrmals lesen konnte, die sich nie erschöpften, Victor Hugo und Leo Tolstoi und André Gide, Selma Lagerlöf und Cora Sandel, auch das war zu einem Ritual geworden, genau wie bei den kleinen funkelnden Gläsern: ein Buch finden, das es wert war, hierhertransportiert, in dieses Regal gestellt zu werden, und an jenem Sonntag sprachen sie über einen Roman von Dostojewski, Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, den sie beide gerade in dänischer Übersetzung gelesen hatten, und Harald sagte, er selbst sei ebenfalls ein Kellermensch, woraufhin Maud lachte und fragte, warum, ja, weil das Wort Kellner vom lateinischen Wort für Kellermeister komme, sagte Harald und stupste sie neckend an, war das denn die Möglichkeit, dass man so etwas nicht wusste, ob sie denn ihren Linné nicht kenne?
Sie glaubte, sie hätte sich entschieden. Doch als sie Sigurd das nächste Mal begegnete, seiner Nansen-Gestalt gegenüberstand, wurde sie wieder unsicher.
Und jetzt sitzt er hier. Sigurd. Umgeben von einer Art Dunst. Einer Entschlossenheit. Als unternehme er einen dreisten Putschversuch. Soll sie ihn fragen, ob er Karten spielen will? Vorbeugen. Ablenken. Sie tut es nicht. Ist er in sie verliebt? Wie um diese Möglichkeit genauer zu untersuchen, unterzieht sie ihn einer eingehenden Betrachtung, wobei irgendetwas in ihrem Blick gelegen haben muss, denn plötzlich beginnt er zu lachen und sagt, sie sehe ein bisschen aus wie Ingrid Bergman, er habe eine Fotografie des schwedischen Filmstars gesehen, auf dem sie einen Pullover anhabe, der dem von Maud ähnlich sehe, das Muster sei fast dasselbe. Er steht auf, um noch Brennholz aus dem Unterstand draußen zu holen, er will, dass es gut brennt. »Bald alle«, sagt er beim Zurückkommen in die Stube. Sie versteht nicht. »Das Holz«, sagt er. »Wir müssen im Sommer wieder welches hacken«, sagt sie. »Du bist optimistisch«, sagt er, »glaubst du, der Krieg wird uns verschonen?« »Krieg oder nicht. Ich brauche Wärme«, sagt sie.
Der Satz bleibt in der Luft hängen.
Nach diesem ruhelosen Sommer traf sie Rita Bohre erneut, diesmal unter einem Vorwand, denn Maud hatte sie gefragt, ob sie Fotos von ihr schießen dürfe. Ihre Begeisterung für die Fotografie verdankte Maud übrigens ihrer Mutter. Ihre Mutter, Tochter eines Redakteurs beim Ringerikes Blad, war »Hausfrau«, versuchte aber, ihre Tochter dazu zu ermutigen, etwas mehr aus sich zu machen. Eines Tages hatte sie alte Zeitungsausschnitte aus der Aftenposten herausgesucht, Reisebriefe, verfasst von der Botanikerin Hanna Resvoll, Eindrücke aus Spitzbergen, aus Monaco, und obwohl diese Reisebriefe für Mauds spätere Karriere wichtig gewesen sein mochten, war es etwas anderes, das eine unmittelbare Folge nach sich zog, etwas, das ihre Mutter im Vorbeigehen erwähnt hatte: Hanna Resvoll hatte schon früh zu fotografieren begonnen, sogar in Farbe. Als Maud das gehört hatte, hatte sie sich ebenfalls einen Fotoapparat angeschafft.