erschreckenden Stärke, die sie mitunter auf ihren Skitouren in sich spürt, wenn sie bereits sechs Kilometer hinter sich gebracht hat und glaubt, ohne Schwierigkeiten noch weitere sechs laufen zu können, sie wird von dieser Kraft mitgerissen, die stärker ist als ihr eigener Wille, nur dass sie nicht weiß, was sie will, und das weiß sie auch dann noch nicht, als Sigurd sie in das leicht kühle Schlafzimmer führt und ihr die restliche Kleidung abstreift, sich anschließend selbst auszieht und die Decke über sie breitet, mit ihr schläft, sie weiß nicht, ist es schön oder doch nicht so schön, und im Nachhinein bereut sie es und bereut es gleichzeitig nicht, bleibt noch lange liegen, nachdem er eingeschlafen ist, um noch einmal über das Geschehene nachzudenken, und ihr letzter Gedanke vor dem Einschlafen ist, dass sie, ungeachtet dessen, was sie jetzt denkt und fühlt, noch vor wenigen Stunden am Fenster gesessen und nach Harald Ausschau gehalten hat.
Am nächsten Morgen, während sie noch im Bett liegt, fährt Sigurd nach Hause. Den ganzen Tag lang streift sie wie im Taumel umher, nimmt eine Kleinigkeit zu sich, versucht Lotte in Weimar weiterzulesen, aber immer wieder entgleiten ihr die Wörter. Sie hat das Buch zu Weihnachten von ihrem Vater bekommen, er war auf Geschäftsreise gewesen und hatte es in Stockholm gekauft, wo sich Thomas Manns deutscher Verlag derzeit aufhielt. Auch Thomas Mann musste ins Exil, denkt Maud. Auch er war heute nicht mehr so kriegsbegeistert wie noch vor Beginn des letzten. Keine Rede mehr vom Krieg als Reinigung, als Befreiung, von der höheren geistigen Bedeutung des Krieges oder dem giftigen Komfort des Friedens. Auch Männer lernten im Alter dazu.
Apropos Exil, es war Sigurd, der ihr zum ersten Mal von dem Onkel erzählte, den sie nie kennengelernt hatten. Maud hatte sich bei der Mutter der beiden Brüder nach diesem Onkel erkundigt, als sie an einem Herbsttag neue Porträts von ihr machen durfte. Rita war ein wenig erstaunt über den Eifer, mit dem diese junge Frau das Fotografieren betrieb, aber Maud begründete es damit, dass sie Übung brauchte. Rita lachte darüber und servierte zuerst noch Tee im Kaminzimmer, Darjeeling. »Hanna und Thekla haben mich mit Darjeeling bekannt gemacht«, sagte sie, weil sie wusste, dass Maud schon von den Resvoll-Schwestern gehört hatte. Sie saßen in den Ohrensesseln, Rita in dem safrangelben mit Tiger- und Elefantenmuster, Maud in dem anderen, der mit blauem Samt mit einem Muster aus goldenen Schwertlilien bezogen war. Rita hatte die Sessel so aufgestellt, dass sie und Maud einander dicht gegenübersaßen, und erklärte, sie nenne diese Sessel Ost und West, weil der Mensch ebenfalls aus zwei Kontinenten bestehe und weil sie einen Gegenbeweis erbringen wolle zu der Strofe von Kipling, wonach Ost und West einander nie träfen. Wenn zwei Menschen so säßen wie sie jetzt gerade, sagte sie, dann brauche es gar nicht viel, um einen Austausch fruchtbarer Gedanken in Gang zu setzen.
Maud fragte Rita, ob sie eine Aufnahme von ihr bei der Arbeit machen dürfe, woraufhin Rita sie in ihr Zimmer im Obergeschoss mitnahm, ein Blatt Papier auf den Schreibtisch legte und mit einem weichen Bleistift zu zeichnen begann. Maud schoss Fotos und sah zuerst nicht, was Rita zeichnete, es erinnerte am ehesten an ein Ornament oder eine Maske. »Das ist der Kopfschild eines Trilobiten«, lachte Rita. »Ich habe einen hier, ein entfernter Verwandter.« Sie holte ein Fossil vom Bücherregal. »Ein Asaphus expansus. Aus dem Ordovizium. Ich habe ihn von Fridtjof Nansen bekommen.«
Jetzt sah Maud die Gelegenheit gekommen zu fragen: »Sigurd hat erwähnt, Sie hätten einen Bruder, den Sie nie gesehen haben – Henry, so heißt er doch? – und der sich sehr für die Naturwissenschaften interessiert … Aber Sigurd sagte auch, dass er jetzt als Journalist in Amerika lebt …?«
Denn inzwischen wollte Maud nicht mehr Waldhüterin werden, sondern Journalistin, deshalb übte sie sich auch so fleißig im Fotografieren. Rita reagierte zunächst mit Abwesenheit, als ob ihr etwas Vergessenes wieder eingefallen wäre, lehnte sich dann aber im Bürostuhl zurück und erzählte ihr von ihrem älteren Bruder Henry, dem Käfersammler, wie sie ihn nannte, der, nachdem er zuerst eifrig in Alexander von Humboldts Werk über dessen Reise durch Südamerika geblättert hatte, schon früh eine Begeisterung für das Leben und die Theorien Charles Darwins entwickelt hatte. Henry hätte die Idee gehabt, seinen norwegischen Landsleuten Charles Darwin näherzubringen, ein Unterfangen, das bis dahin noch von keinem so richtig in Angriff genommen worden war, und als Teil dieser Arbeit wollte er nach Edinburgh reisen und sich dort auf die Spuren des jungen Darwin begeben. Etwas jedoch sei in Schottland vorgefallen, erzählte Rita. Das sei 1916 gewesen, zur Zeit des Krieges, und Henry habe der Versuchung nicht widerstehen können, für eine norwegische Zeitung zu schreiben, über die dramatischen Ereignisse zu berichten, und im Zuge dessen sei er in etwas verwickelt worden, das er den »Untergang der Dinosaurier« genannt habe, bei dem es sich jedoch in Wirklichkeit um eine Schlacht in der Nordsee handelte, genannt die Skagerrakschlacht, bei der Tausende junge Menschen ihr Leben lassen mussten. Henry, der bis dahin blind darauf vertraut hatte, dass die Entwicklung den Menschen auf immer höhere Ebenen befördern würde, sei durch dieses Erlebnis völlig desillusioniert worden. Direkt im Anschluss an dieses Ereignis sei er mit dem Schiff nach Amerika gereist und habe sich geschworen, nie wieder nach Europa zurückzukehren. Aber ja, es stimme, er arbeite bei einer kleinen Zeitung in Brooklyn, die sich Nordisk Tidende nenne.
Rita stand auf. »Erst neulich hat er übrigens etwas geschrieben, das dich vielleicht interessieren könnte, er hat mir den Ausschnitt in einem Brief mitgeschickt.« Sie ging zu einem seltsam aussehenden Möbelstück, vermutlich aus Mahagoni, einem hohen, schmalen Kabinettschrank mit vielen Schubladen und einer Art tempelähnlichem Giebel. »Das nennt sich Arche, wegen dem Prachtstück da oben«, lächelte Rita. »Genauso wichtig wie ein eigenes Zimmer ist eine eigene Arche. Das heißt, ein eigenes – und nicht zuletzt würdiges – Projekt.« Wieder ein Lachen, so als lache sie über sich selbst. Doch dann, wieder ernster: »Hier sammle ich alle meine Notizen, Notizen für das, was einmal mein Hauptwerk werden soll, Femina erecta. Über die Zukunft und die Möglichkeiten der aufgerichteten Frau. Eine Abrechnung mit der Krokodilmentalität.« Allerdings schnitt sie dabei eine ironische Grimasse, während sie aus einer der Schubladen einen Brief heraussuchte. »Hier, ein Interview, das Henry mit einer amerikanischen Dichterin namens Marianne Moore geführt hat. Sie wohnt gleich neben ihm in Brooklyn. Lies es, wenn du magst. Nur vergiss nicht, es mir wieder zurückzugeben. Da steht etwas drin, das möglicherweise in Femina erecta Verwendung finden könnte. Du willst also Journalistin werden? Wahrlich kein Honigschlecken. Für eine Frau.«
Maud wurde neugierig auf die Arche. Was versteckte sich noch in den Laden?
Sigurds Mutter. Haralds Mutter.
Sie dreht eine kurze Runde auf den Skiern, kann aber keine rechte Freude dabei entwickeln, nicht am Schnee, nicht an ihrem Dahingleiten, und kehrt wieder in die Hütte zurück. Sie sollte das letzte Scheit aufbrauchen, denkt sie und geht zum Fenster. Sie sollte heimfahren, denkt sie, lässt die Hand auf dem Buch ruhen, ohne zu lesen, und wie sie so dasitzt, wie in einem betäubten Zustand, sowohl sicher als auch verunsichert über die Sache mit Sigurd, kommt ein weiterer Skiläufer über den Nibbitjern, kraftvolle Stockeinsätze, als befände er sich in direkter Nähe eines ersehnten Ziels, bevor er auf die schmale, zur Hütte hinführende Loipe wechselt. Schon aus weiter Entfernung hat sie ihn erkannt: Harald.
»Hallo? Jemand zu Hause?« Ein fröhliches Rufen beim Aufschlagen der Tür. Er hat sich freigenommen, obwohl er wusste, dass sein Chef deshalb sauer sein würde. »Ich musste dich sehen«, sagt er. Er würde gern noch mehr sagen, hält aber inne. Augen, die vor Sehnsucht brennen, in denen jedoch eine Veränderung stattfindet, als ihm bewusst wird, dass irgendetwas vorgefallen sein muss. Er fragt nach Sigurd, ob sie es schön gehabt hätten. Sie nickt nur, und wie um Zeit zu gewinnen, um herauszufinden, wie sie mit der Situation umgehen soll, bereitet sie ein Essen zu, tischt die Frikadellen auf, die sie von zu Hause mitgenommen hat und die sie Harald gestern hatte servieren wollen; dazu kocht sie Kartoffeln, Blumenkohl, und sucht aus dem Rucksack die Preiselbeermarmelade heraus. Während sie mit dem Rücken zu ihm steht, sitzt Harald in der Stube und singt »Over the Rainbow«, ohne dabei Bedeutung in den Text zu legen, glaubt sie jedenfalls, er ist bloß aufgeregt, will einfach gern singen, wechselt dann auch, irgendwie unmotiviert, zu einem anderen Lied über, »Tea for Two«, eher gesummt diesmal, er kann gut singen und tut das auch oft, obwohl laut Sigurd und Harald eigentlich Bjørg die mit der Gesangstimme in der Familie ist. Sie essen, doch die Spannung zwischen ihnen ist eine andere als früher, und das Gespräch verläuft schleppender als sonst, Harald holt Wasser aus dem Schmelzkessel auf dem