Jan Kjaerstad

Femina erecta


Скачать книгу

mit einem »persischen Blick« meine, worauf Rita, verlegen über das Posierenmüssen, mit der Hand in Richtung des Fjords oder des Horizonts ausholte und erklärte, ein solcher Blick bedeute eine erweiterte Perspektive, ein Herausheben der Gedanken aus ihren gewohnten Bahnen. Nach ihrer Reise, nachdem sie in Persepolis ihre Hand an eine der Säulen gelegt und gespürt hatte, dass das wirklich war, habe sie sich oft dazu gezwungen, sich gewissermaßen über ihr eigenes Land hinaus zu erheben, es aus der Distanz zu betrachten. Was wäre Norwegen, wie würde Norwegen jetzt aussehen, wenn die Perser über die Welt herrschten? Das Wichtigste aber sei das Staunen über den unerbittlichen Gang der Geschichte, Zivilisationen, die hervorwüchsen und wieder zugrunde gingen. Als sie dort auf der Hochebene im Staub gestanden habe, um die Überreste von etwas zu betrachten, das in der Antike eine kulturelle Hochburg gewesen war, hätten sich ihr einige Fragen aufgedrängt: Wie konnte eine blühende Stadt zu einer Wüste verkommen? Wie konnte man eine solche Kultur erschaffen, alle diese stolzen Säulenreihen, nur um dann wieder in die Mittelmäßigkeit, in die Armut zurückzufallen? »Ein persischer Blick ist auch das Wissen um den flüchtigen Charakter des Daseins, darüber, dass nichts Bestand hat, dass alles in Veränderung begriffen ist«, sagte sie und wand sich gequält, wie um nachzufragen, ob die Fotostunde bald zu Ende sei. »Außerdem habe ich gelernt, eine Sache von zwei Seiten zu betrachten«, sagte sie, als Maud das letzte Bild schoss, von dem sie im Nachhinein sah, dass es von allen Porträts das Beste war. »Ich habe gelernt, dass die Grausamkeiten in der Regel gleich verteilt sind. In den Geschichtsbüchern sind die Perser die Schurken. Aber Istachr mit seinen Riesenstatuen ebenso wie Persepolis wurden von Alexander dem Großen zerstört. Die Bibliothek von Persepolis ist in Flammen aufgegangen, leider auch die mit Goldschrift auf Pergament geschriebenen Bücher der Avesta. Alexander war genauso ein Barbar wie alle anderen.«

      Nachdem sie mit Rita Bohre gesprochen hatte, beschloss Maud, selbst ebenfalls einmal eine Reise, eine weite Reise anzutreten, aber vorläufig das kleine Bücherregal in der Waldhütte als Ausgangspunkt für einen »persischen Blick« zu nehmen. Eine kleine Bibliothek mit den allerhöchsten Gütern, mit Büchern, die Zeit brauchten, Büchern, die sie mehr als einmal lesen konnte. Auch das war ein Überwinden von Grenzen.

      Über dieses Gespräch dachte Maud nach, während sie in der Dunkelkammer ein ums andere Mal Ritas Gesicht auf den Papierbögen hervortreten sah. Eine inspirierende Frau, dachte sie. Ich muss den Kontakt mit ihr aufrechterhalten. Und dann: War Rita womöglich ein Teil ihrer Liebe für Harald und Sigurd?

      Aber für wen entschied sie sich?

      Im Leben der meisten Menschen gibt es Tage, Wochen, in denen man intensiver lebt als jemals davor oder danach, und bei Maud Evensen war das in jenem Winter der Fall, bevor der Krieg nach Norwegen kam, in jenem Winter, als sie in zwei Männer verliebt war. Erst Mitte März entschied sie sich für Harald, und in der Woche darauf wollte er sich einen Tag freinehmen und am Freitag allein zu ihr in die Hütte kommen. Maud brach von Jevnaker aus auf, genoss die Tour, trotz eines merkwürdigen Gefühls von Kraftlosigkeit. Alles Unerlöste sollte jetzt erlöst werden. Sie war eine Anna Karenina, die einem ihrer ersten Treffen mit Wronskij entgegenblickte. Mit dem Unterschied, dass sie frei war, unverheiratet. Im Rucksack hatte sie ein neues Glas aus dem Weinglas-Set Alexandra, ein Kristallglas mit besonders schönem Dekor. Daraus würde Harald trinken dürfen. Sie war wie immer allein auf den Loipen, kreuzte Hasen-, Fuchs-, Elchfährten. Alles war weiß. Und sie glitt hindurch durch dieses Weiß, auf dem Weg zu etwas Entscheidendem. Mit voller Kraft stieg sie einen Hügelkamm hinan, dass der Schweiß nur so perlte und das Trikot sich an ihren Rücken klebte, um dann auf der anderen Seite beim Hinuntergleiten im kühlenden Luftzug auszuruhen. Sie konnte nicht genug bekommen von dem Porzellanlicht, den Loipen und Stockabdrücken, die wie ein feiner Saum, der Nationalsaum, vor ihr lagen. Norwegen und das Skifahren. Wir geben zu, dass dieses Phänomen Verwunderung in uns hervorgerufen hat, diese Leidenschaft für einen Sport, der selbst in der gegenwärtigen Epoche nur bei einem geringen Prozentsatz der Erdbewohner Interesse weckt. Kaum jemand weiß heute, was Skifahren oder Langlaufen ist, und noch weniger haben es je ausprobiert. Für die meisten wird es schwer nachzuvollziehen sein, warum ein gebrochener Stab bei einer Langlaufstaffel über längere Zeit hinweg wie ein nationales Trauma besprochen wurde oder warum gegen Ende der Wohlstandsphase von der Bewohnerschaft dieses Landes jährlich eine halbe Million neuer Langlaufski gekauft wurde, man wird nicht verstehen, warum nach dem schrittweisen Verschwinden des Schnees diese Ski-Aktivität Ausmaße erreichte, die an religiöse Anbetung grenzte, und weshalb sich die Menschen in diesem Land am Ende noch an die letzten, im Hochgebirge noch vorhandenen Schneekleckse klammerten. Für eine ausführliche Analyse dieser Eigenart vgl. Ling Luwei: Der Schnee als Blendwerk und Psychose (Shaoguan Y-1019).

      Im März 1940 jedoch, als Maud ihre Skier gegen die Hüttenwand lehnte, gab es genug Schnee in der Nordmarka. Beim Öffnen der Tür, als ihr der altbekannte, eingebrannte Rauchgeruch entgegenschlug, versuchte sie, die Nervosität von sich abzuschütteln. Sie zog die Gardinen zurück und heizte den Ofen an. Dann, noch vor allem anderen, packte sie vorsichtig das neue Glas aus und stellte es auf das Regal über dem Fenster, wischte den Staub von den anderen Gläsern und betrachtete das Ergebnis, das von den Facetten gebrochene Licht, das die Innenwände in allen Spektralfarben zierte.

      Bald würde Harald zu Besuch kommen. Bald würde die Liebe zu Besuch kommen.

      Jetzt aber sitzt Sigurd schweigend hier bei ihr. Ein gutaussehender Nansen. Aber Sigurd hat ein Problem: Er ist ein Stockfisch. Er hat etwas Ingenieurartiges, Bubenhaftes an sich. Diese Begeisterung für Krieg und Waffen und Schlachten. Dann aber, als wüsste er sich von ihr geprüft, bewertet, beginnt er plötzlich, von einer Deutschlandreise zu erzählen – vielleicht, weil Maud Lotte in Weimar vom Küchen- auf den Esstisch gelegt hat –, die er und Harald zusammen mit ihrem Vater einige Jahre nach der Trennung ihrer Eltern unternommen hatten, er ist jetzt nicht mehr der trockene Jurist, sondern spricht enthusiastischer als sonst, mit einer Euphorie, die sie von ihm nicht kennt und die, wie sie glaubt, nicht allein auf den Schnaps zurückzuführen ist: Er habe wenig Kontakt zu seinem Vater gehabt, sei aber trotzdem mit ihnen mitgefahren, er habe Europa sehen wollen, erzählt er, und dass sie Hamburg besucht hätten, die Heimatstadt ihres Großvaters, ehe sie in die grünbewaldeten Gebiete Thüringens weitergereist seien, wo die Familie des Großvaters herstammte und wo er auch geboren war, in der Stadt Erfurt. Adolf Hitler war gerade in Deutschland an die Macht gekommen, sie hätten die Hakenkreuzfahnen gesehen, ihr Vater aber habe ihnen ganz andere Dinge zeigen wollen: kleinere Städte wie Arnstadt, wo sich Bach vier Jahre als Pianist betätigt hatte, Jena, wo unter anderem Hegel Professor gewesen war, und Weimar – ja, Weimar, Sigurd deutete auf das Buch, das zwischen ihnen lag –, die Goethe-Stadt, dann Eisenach mit der Wartburg, wo Luther seine deutsche Bibelübersetzung abgefasst hatte, und irgendwie hätte diese Reise, hätten diese Städte, die vor Kultur nur so strotzten, in ihm, Sigurd, den Wunsch, einen ernsthaften Wunsch ausgelöst, selbst eine Spur in der Gesellschaft zu hinterlassen, zu verstehen, welche Kräfte und Ideen es zu fördern galt.

      Maud ist überrascht, versucht sich im Zaum zu halten, ist aber trotzdem überrascht, und nicht nur das, sie ist gefesselt, zum ersten Mal hingerissen von Sigurd, vielleicht weil sie von seinen Erzählungen über Deutschland hingerissen ist, sie, die bis jetzt immer der Meinung war, dass er zu gewöhnlich sei, zu technisch, zu eindimensional, sie findet das Wort nicht, doch jetzt fühlt sie sich angezogen von dieser neuen Seite an ihm, einem inbrünstigeren, einem visionäreren Sigurd, sie versucht, es zu unterdrücken, doch ihre Begeisterung lässt sich nicht unterdrücken, ein Feuer flammt auf in ihrer Magengegend, und nachdem sie erwähnt hat, wie spät es schon geworden sei, bald Schlafenszeit, hat sie nichts dagegen, dass Sigurd sie küsst, bestimmt vom Schnaps mutiger geworden, und sie lässt es geschehen, freiwillig und gleichzeitig unfreiwillig, vielleicht weil sie verwundert ist, oder eigentlich erleichtert, oder weil sie denkt, dadurch würde sich alles von selbst lösen, dies könne der Mr. Carlton-Faktor sein, der eine Zufall, der dich an einen neuen Ort führt; der eine Bruder erteilt ihr eine Absage, der andere erzählt von einer Reise und stellt dadurch alles auf den Kopf, und weil Maud keinen Widerstand leistet, wagt er noch mehr, ein bisschen benommen ist sie obendrein, das soll hier eingeräumt werden, nur ein paar Gläschen, aber gerade genug vielleicht, dass sie sich fügt, den Ingrid-Bergman-Pulli abstreift und zulässt, dass er ihr die Bluse aufknöpft, das Unterhemd hochhebt und mit seinen Lippen ihre Brustwarzen berührt, ein Stromstoß