Jan Kjaerstad

Femina erecta


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denn in dem immer noch über dem Waldrand hängenden Licht sieht sie einen Skiläufer mit schönen Schwüngen über den Nibbitjern kommen, er wechselt zwischen Diagonalschritt und kraftvollem Doppelstockhub, wirkt dabei aber entspannt, als ob es ihn keinerlei Anstrengung kostete oder er damit verdeutlichen wollte, er könne noch länger in diesem Rhythmus weiterlaufen, das 50km-Rennen am Holmenkollen, wenn es sein müsse. Er weiß, dass ich ihn beobachte, denkt Maud, er sieht den Rauch aus dem Schornstein. Sie hat Herzklopfen, kommt dann aber ins Zweifeln, schaut mit angestrengten Augen, und als der Skiläufer die Spur verlässt und in die zur Hütte führende, teils verwehte Loipe hinüberwechselt, erkennt sie, dass es Sigurd ist, der auf sie zugleitet.

      Nicht Harald.

      Unfähig aufzustehen, bleibt sie unschlüssig sitzen, bis sie hört, wie Sigurd sich draußen den Schnee von den Skiern klopft. Noch immer verwirrt, zweifelnd – er kommt unangemeldet – antwortet sie auf sein Türklopfen: »Komm rein.«

      War es so? Wurde hier – ein Leben entschieden?

      Obwohl sie versucht, ihre Enttäuschung zu verbergen, scheint Sigurd etwas zu ahnen, und er verwendet die ersten Minuten darauf, ihr zu erklären, viel zu umständlich, wie sie denkt, weshalb er es ist, der auf der anderen Tischseite Platz genommen hat, und nicht sein Bruder. Er lässt Harald entschuldigen, er sei verhindert, im Theatercaféen seien zwei Kellner krank geworden und Harald habe einspringen müssen, es tue ihm schrecklich leid, Sigurd solle sie von ihm grüßen lassen, erklärt er, wobei er mit kleinen Worten und Gesten gleichzeitig sein Unverständnis darüber zum Ausdruck bringt, dass ein Mann nicht alles, sogar seine Arbeit, dafür opfere, um eine Verabredung mit einer so attraktiven Frau wie Maud einzuhalten.

      Sie schüttelt ihre Verwirrung ab, sie hat ja nichts gegen Sigurd, der jetzt einen kalten Schinken aus dem Rucksack holt, eine Gabe von Onkel Albert – der Schiffsreeder schaute immer mit irgendwelchen Leckereien vorbei –, dazu eine Dose grüne Erbsen, ein Abendessen also, Kerzenlicht, und hinterher kümmert Sigurd sich um den Abwasch und sie verbringen den Abend auf dem Sofa, Maud holt eine Flasche aus dem kleinen Lager mit Kräuter- und Gewürzschnaps – »gebrannt nach altem Geheimrezept«, wie ihr Vater gesagt hatte – und nimmt zwei kleine, glitzernde Gläser von dem Regal über dem einen Fenster, auf dem eine Reihe unterschiedlicher Gläser aufgestellt ist, alles Gläser, die in der Glasfabrik hergestellt wurden und die sie einzeln, im Rucksack, über einen Zeitraum von mehreren Jahren von Jevnaker hierherverfrachtet hat, das war ihr Ritual, zerbrechliche Gläser auf unwegsamen Pfaden durch dichten Wald transportieren, und immer die kleinsten Gläser aus ihren Lieblingssets, Edvard, Rondane oder Marie, Letzteres mit facettiertem Fuß und Scherenschliff am Kelch. In dem von draußen hereinfallenden Licht sahen sie oft aus wie eine Sammlung Riesendiamanten, und wenn sie allein war und beim Lesen an einem davon nippte, hielt sie es zwischendurch gegen das Fenster oder, abends, gegen die Paraffinlampe, und malte sie sich in ihrer Fantasie aus wie Zauberscherben, wie etwas, das ihr die Fähigkeit verlieh, die Welt auf andere Weise zu betrachten.

      Maud hört Sigurd einen Monolog halten, hört aber nicht wirklich zu, sie ist immer noch durcheinander, weiß nicht, warum sie mit ihm und nicht mit Harald hier sitzt, weiß auch nicht, worüber sie mit ihm reden soll, wenn sie allein sind, nur sie beide, er studiert Jura, und davon versteht sie nichts; sie unterhalten sich ein wenig über Filme, ausgerechnet Filme, das heißt, eigentlich redet nur Sigurd, er geht mindestens einmal die Woche ins Kino, weiß alles über die Filmstars Clark Gable und Joan Crawford; das Gespräch gerät bald ins Stocken, sie blickt zum See hinaus, zu der kaum sichtbaren Loipe, danach in sein Gesicht, das dem Rita Bohres ähnlich ist, und sinnt darüber nach, wie ein Sohn, trotz äußerer Ähnlichkeit, sich so sehr von seiner Mutter unterscheiden kann, denn anders als mit ihm, lief das Gespräch immer wie von selbst, wenn sie Rita Bohre gegenüber saß.

      Nichtsdestotrotz ist da die Erinnerung, wie nervös sie war vor ihrer ersten Begegnung mit dieser Mutter, einer Frau, die von sich reden gemacht hatte, die bei Nansen persönlich Rat einholte und mit Persönlichkeiten wie dem Kunsthistoriker Max Qviller und dem Theologen Konrad Steen bekannt war – ja, nicht nur bekannt, sondern sie war mit ihnen aufgewachsen. Für Maud hatte Rita Gemeinsamkeiten mit der Hauptfigur in Lotte in Weimar, sie war eine Frau, die Männer beeinflusst hatte, einschließlich ihrer Söhne, und um sich vorzubereiten, oder aus Angst vor ihrer eigenen Unzulänglichkeit, war Maud vor ihrem ersten Treffen in eine Bibliothek gegangen und hatte sich aus einer Historikerzeitschrift einen Artikel herausgesucht, den Rita Bohre, damals noch sehr jung, nach ihrer Rückkehr von einer Persienreise verfasst hatte und der von Schah Abbas handelte, dem bekanntesten Herrscher der Safawiden in der dritten persischen Glanzzeit des 16. und 17. Jahrhunderts, Schah Abbas, der nach der Wiedereroberung verlorener Gebiete sein Reich durch Diplomatie, Handel und religiöse Toleranz stabilisiert hatte. Und – am wichtigsten, laut Rita Bohre – durch Kultur. Schah Abbas war es gewesen, der Isfahan zur Hauptstadt, zu einer der schönsten Städte der damaligen Zeit gemacht und in Isfahan den Bau der großen Moscheen mit ihren unvergleichlichen Mosaiken veranlasst hatte.

      Zuerst war Maud eher ängstlich gewesen als beeindruckt bei dem Gedanken, einer Frau gegenüberzutreten, die in jungen Jahren in solcher Art und Weise über einen Menschen geschrieben hatte, über eine Kultur, von der Maud nicht das Geringste wusste.

      Es war ein Tag im Mai vergangenen Jahres, als sie in der von Sherryduft erfüllten Villa in Lysaker zu Gast war, und während Harald und Sigurd im Wohnzimmer sitzen geblieben waren, hatte Rita sie mit hinaus in den Garten genommen, in dem mehrere Obstbäume blühten und Blumenbeete Duftwellen ausströmten, und als Rita plötzlich lachend auf die riesige Eiche kletterte, wusste Maud nicht, ob das von der älteren Frau als Test gemeint war, wo sie doch beide Röcke trugen, aber dann folgte sie ihr doch nach, überrascht, mit welcher Leichtigkeit Rita sich von einem Ast zum nächsthöheren emporhangelte, es war ihr anzusehen, dass ihr das Klettern im Blut lag und sie genau wusste, wohin sie steigen musste, bestimmt war sie schon ihr ganzes Leben immer wieder auf diesen Baum geklettert, Maud entdeckte Spuren kleiner Plattformen auf verschiedenen Höhen, und nachdem Rita keine Anstalten machte, wieder hinunterklettern zu wollen, blieben sie dort sitzen, zwischen Laubsängern und Ringeltauben, und später erst fiel Maud wieder ein, was Rita als Einleitung gesagt hatte, nämlich wie seltsam es doch sei, wenn man sich vorstelle, dass auch der Mensch – sofern man die zeitliche Perspektive weit genug anlegte – mit dieser Eiche verwandt sei. Bei diesen Worten strich sie mit den Fingern über die wunderschönen Zeichnungen der Borke.

      Maud, mit ihrer Verbindung zum Wald, fühlte sich wie zu Hause in dem Baum, und ohne dass es aufgesetzt wirkte, brachte sie das Gespräch auf das Thema Reisen. »Ich träume davon, einen anderen Kontinent zu sehen, aber es kommt immer etwas dazwischen«, sagte sie. »Du solltest den Mr. Carlton-Faktor nicht unterschätzen«, sagte Rita. »Was ist das?«, fragte Maud. »Dabei geht es darum, wie die Zufälle unser Leben steuern«, sagte Rita, und während das Rauschen in der Baumkrone ihnen die Illusion eingab, die ganze Eiche sei in Bewegung, verriet sie Maud, eigentlich sei das Ziel ihrer ersten langen Reise gar nicht Persien gewesen. Allerdings habe dieses Land schon immer eine Faszination auf sie ausgeübt, und zwar wegen eines alten Globus im Antiquariat ihres Vaters. Ein großer Holzglobus. Aufgrund der Lackierung oder der Farbabstufungen in den verschiedenen Holzschichten hätten einzelne Länder besonders einladend geleuchtet, und schon als sie noch ganz klein gewesen sei, hätten diese Länder, darunter auch Persien, eine eigenartige Sehnsucht in ihr hervorgerufen. Nach den Geschichtsstunden über die Antike sei ihr zudem aufgefallen, wie groß Persien verglichen mit dem alten Griechenland war, und es habe sie geärgert, dass ihre Kenntnisse an der griechischen Grenze zur Türkei endeten. Beim Drehen des Globus sei ein Drang in ihr erwacht, diese Grenze zu überqueren, Länder in weiter Ferne zu bereisen, besonders Indien und China: Wie wenig sie doch gewusst habe über diese großen goldenen Holzflächen im Osten im Vergleich zu den Ländern im Westen.

      Maud genoss es, dort in der Eiche zu sitzen und die ältere Frau, vielleicht ihre zukünftige Schwiegermutter, erzählen zu hören. Umgeben von jungen Blättern, leuchtenden Blättern, grünen Blättern. Als befänden wir uns auf dem Planeten Bryophyta, dachte sie.

      Als Erwachsene hatte Rita beschlossen, in den fernen Osten zu reisen, und das, obwohl sie eine Frau war und alle behaupteten, eine Frau könne allein keine langen Reisen unternehmen. Doch als der schreckliche Krieg endlich zu Ende war und