Jan Kjaerstad

Femina erecta


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waren. Sein Vater, Otto Keller, war zur Hälfte Deutscher. Sigurd hatte versucht, diese Tatsache, so gut es ging, unter den Tisch zu kehren, und Harald schon früh dazu angehalten, so wenig wie möglich darüber zu sprechen. Nur Onkel Albert streute hin und wieder ein paar giftige Andeutungen ein. Ottos Vater, Haralds Großvater, war einer von mehreren gut ausgebildeten Deutschen, die sich vor der Jahrhundertwende in Norwegen niedergelassen hatten. Vor zwei Jahren war ihr Vater dann für Ausbesserungsarbeiten an der Dovregubben-Lokomotive nach Essen gezogen. Stolz hatte er erzählt, dass auch die Hauptgeschütze, die in Oscarsborg zum Einsatz kamen, von der in Essen ansässigen Firma geliefert worden seien. Was für eine Ironie, dachte Harald jetzt. In seinem letzten Brief hatte der Vater geschrieben, er habe eine neue Arbeit gefunden und wohne jetzt in Hamburg, der Heimatstadt seines Vaters, wo er als Kind häufig zu Besuch gewesen sei. »Hier bin ich sicher«, hatte er geschrieben, als ob er gewusst hätte, befürchtet hätte, dass da etwas im Anzug war, oder als sei ihm bewusst gewesen, dass die Tatsache, Deutscher zu sein, und sei es auch nur zur Hälfte, sich in Norwegen bald als problematisch erweisen könnte.

      Die Dovregubben. Ein Wunder an menschlichem Erfindergeist. Später allerdings konnte Harald sich nie ganz von dem Gefühl lossagen, dass sie eher unheimlich als beeindruckend wirkte, und nicht selten tauchte die schwarze, dampfende Konstruktion, mit dem einzelnen Scheinwerfer als Zyklopenauge, in seinen Alpträumen auf.

      Es ist, als wäre seine Wut durch die Gedanken an seinen Vater abgeschwächt worden. Hatte er jemanden getötet? Waren durch seine Kugeln Soldaten im Bus getroffen worden? Verstört starrt Harald zum Fluss hinunter, während weitere Minuten dahinticken. Plötzlich sieht er seinen Geografielehrer vor sich, erinnert sich an alles, was er ihnen über den Fluss Glomma beigebracht hat, wo er entspringt, an welchen Orten er vorbeifließt. Vierte Klasse. Eine beachtliche Leistung: Einer Horde ignoranter Jungen Wissen eintrichtern. Doch was nützte ihm das jetzt? Er trank aus der Feldflasche, versuchte etwas Brot hinunterzubekommen, einen Kanten, den er in der Tasche stecken hatte, aber er war nicht hungrig. Dann knatterte es von der Spitze der Felswand auf der anderen Seite. Weitere Salven folgten, und um sie herum peitschten Projektile in den Schnee. Das Gewehrkrachen war von einer solchen Trockenheit, dass es völlig ungefährlich wirkte. Unmöglich die Vorstellung, dass das den Tod bedeuten konnte. Alle norwegischen Stellungen erwiderten das Feuer. Harald konnte nicht erkennen, ob er traf, er schoss einfach. »Es müssen Hunderte sein!«, hörte er einen Vorgesetzten rufen.

      In einer Unterbrechung des Schusswechsels gelang es Harald, sich für einen Moment über die Situation zu erheben, über das Absurde daran nachzudenken, Menschen zweier Nationen, die die Luft zwischen sich mit todbringendem Blei füllten. Es war ein schöner Tag, Sonnenschein, Osterstimmung und schmelzender Schnee, und hier lagen sie und setzten alles daran, sich gegenseitig umzubringen. Ich hätte auf einer Skitour mit Maud sein sollen, dachte er. Wir hätten Kakao trinken können. Vielleicht hätten wir uns sogar geküsst.

      Wie zur Verstärkung des Erlebten, tönte plötzlich leiser Gesang aus der Maschinengewehrstellung herüber. Es war Alf, der Gruppenkommandant, ein junger Unteroffizier. Harald erkannte das Lied. »Der Sonnenschein, der macht mich froh«, eine Melodie, die in den Wochen davor viele vor sich hin gesummt hatten. Harald hatte Lust einzustimmen, hielt sich aber zurück. Das hätte alles nur noch sinnloser gemacht.

      Und trotzdem. Die Verteidigung einer Brücke. Einer schmalen Passage. Ein Kriegs-Urdrama. Sigurd war Experte in solchen Dingen, hatte in Kindertagen abends im Bett lebhaft von den Birkebeinern und der Schlacht bei der Hørte-Brücke erzählt, von den Schweden und Russen in der Schlacht bei der Virta-Brücke 1808 und von dem britischen Soldaten Sidney Godley, der ganz allein, mit einem Maschinengewehr, und das in nur zwei Stunden – Harald, stell dir das vor – in zwei Stunden, allein, nach der Schlacht bei Mons 1914 die Deutschen am Überqueren einer Eisenbahnbrücke gehindert hatte und dadurch den Briten und Franzosen Zeit zum Rückzug verschafft hatte. In diesem Moment aber, vor der halb zerstörten Brücke, dachte Harald eher an Leonidas und seine kleine Schar im Kampf gegen das Perserheer, er erinnerte sich, wie ihre Mutter, als sie noch klein waren, in dem großen Ohrensessel vor dem Kamin gesessen und sie mit dieser Geschichte unterhalten hatte; besonders Sigurd konnte nie genug davon bekommen, von Leonidas und den Spartanern zu hören. Allerdings verteidigten sie hier durchaus keine wichtige Straße zu einem Zentrum, das wusste Harald, als er da in der Vertiefung lag, hinter der Deckung, ergo traf das Bild von Leonidas nicht zu, und wenn, dann wohl eher auf die Festungsinsel Oscarsborg und den wachsamen Kommandanten, der vor einigen Tagen diese Rolle übernommen hatte.

      Es war ruhiger geworden auf der Anhöhe am anderen Flussufer. Geir hatte eine nicht angezündete Kippe im Mundwinkel und säuberte sich die Nägel mit dem Bajonett. Harald starrte zu den schönen Kiefern dort oben, solchen, die er einst als Silhouetten zu zeichnen gelernt hatte, mit schwarzem Buntstift. Erneut verweilte er in Gedanken bei seiner Mutter und ihrer Leidenschaft für Geschichte. Ihr gefiel nicht, dass Harald Romane las, sie war der Meinung, das, was in diesen Büchern dargestellt wurde, erwecke den Anschein von Tiefgründigkeit, lasse dabei aber alles Unverständliche und Komplizierte außen vor. Vor allem würden sie jener Heerschar an Zufällen keinen Platz einräumen, die nicht nur im Leben jedes Einzelnen eine bedeutende Rolle spielten, sondern ebenso sehr in der Weltgeschichte, die ja nichts anderes sei als die Summe von Menschenleben. »Nehmen wir etwa nur Xerxes’ Feldzug gegen die Griechen«, sagte sie. »Wären die Perser nur mit einer kleinen Streitmacht über die Ägäis gesegelt und im Süden auf der Insel Kythira an Land gegangen, hätten sie die Spartaner in Schach halten können; dadurch hätte der Angriff von Norden einen ganz anderen Ausgang genommen. Dieser Gedanke musste ihnen gekommen sein, aber er wurde nicht in die Tat umgesetzt.« Unlängst, zur Weihnachtszeit, war sie zusammengesunken in dem tiefen Lehnstuhl gesessen und hatte das Unheil verflucht, das über Europa hereingebrochen war. »Hitler soll sich als junger Mann an der Akademie der Bildenden Künste in Wien beworben haben«, sagte sie, »aber er wurde abgelehnt. Was wäre gewesen, wenn er aufgenommen worden wäre? Wäre die jetzige Lage dann eine andere?«

      »Anstatt über die Bedeutung von Zufällen zu philosophieren, hätten wir vielleicht besser noch im selben Augenblick, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, einen Widerstand mobilisieren sollen«, sagte Harald.

      »Ja, du hast recht«, sagte die Mutter. »Aber wir wissen nicht, ob Hitler nicht schon morgen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt, und wer weiß, was dann mit Deutschland passieren wird.«

      »Ich glaube nicht, dass du damit rechnen kannst, dass der Zufall sich immer auf deine Seite schlägt«, sagte Harald.

      Gegen vier Uhr starteten die Deutschen einen heftigen Angriff. Sie feuerten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Waffen, auch mit Granatwerfen. In den ersten Minuten hatte Harald mehr als genug damit zu tun, sich hinter der Deckung in das Fichtenreisig zu drücken. Über ihnen pfiffen die Kugeln dahin mit einem unablässigen Piff-Piff, das ihn an das Geräusch erinnerte, das sie als Kinder beim Spiel gemacht hatten, mit dem Unterschied, dass jetzt von den Baumstämmen um sie herum Splitter wegstoben und aus dem Boden kleine Schneesäulen emporragten. Nicht weniger lebensgefährlich waren die von den Felsen zurückprallenden Querschläger. Trotzdem dachte Harald nicht eine Sekunde daran, dass er getroffen werden könnte. Noch weniger, dass er getötet werden könnte. Es gab noch so viel, was er tun wollte. Vor allen Dingen musste er diese Sache mit Maud in Ordnung bringen. Ausgerechnet ihre Stimme war es, an die er jetzt dachte. Vielleicht war es ihre Stimme, in die er sich als Erstes verliebt hatte, als sie am Kikut vor ihm im Schnee lag, peinlich berührt, weil sie so ungeschickt hingeplumpst war.

      Dann passiert es. In der Stellung neben ihm richtet Alf sich ein wenig auf, um nachzusehen, ob sich durch eine leichte Lageveränderung des Maschinengewehrs ein besseres Schussfeld einrichten ließe, und im selben Moment trifft eine Salve ihn mitten ins Gesicht. Harald begreift zunächst nicht, was vor sich geht, Alf, der vornüberkippt und über den Kühlmantel fällt, dann herabrutscht und seitlich liegen bleibt, so dass Harald sein malträtiertes Gesicht sehen kann. Alf mit der schönen Singstimme. Ohne weiter darüber nachzudenken, robbt Harald zu ihm hinüber, ruft nach einem Sanitäter, obwohl er weiß, dass sie keine dabeihaben. Doch Alf ist tot. Wie seltsam nass seine Haare sind, wundert sich Harald, ehe er begreift, dass das vom Blut kommt. Er sieht die Bartstoppeln auf Alfs Wange, aber vor allem sieht er seine schönen Wimpern, wie von einem Kind.

      Diese