Sie erzählte ihrem Mann nichts von der Schwangerschaft, sagte nur, sie werde für einige Wochen oder Monate verreisen, entsprechend dem Plan, von dem sie ihm bei ihrem Kennenlernen erzählt hatte, und im April 1919 brach sie dann auf, zuerst nach Paris, wo sie ein Ticket für den neu eröffneten Simplon-Orient-Express erstand, der einer weiter südlich gelegenen Route folgte als der ursprüngliche Orient-Express, mit einem Seitenzweig nach Athen, denn falls sie es doch nicht bis nach Indien oder noch weiter ostwärts schaffen sollte, wollte sie, nach all den Geschichtsstunden, zumindest Athen sehen, die Wiege der europäischen Zivilisation. »Schau, dort«, flüsterte Rita plötzlich und zeigte auf einen dicken Zweig weiter oben, auf dem ein dunkler Vogel vor seinem Loch saß. »Ein Star«, konnte Maud anhand seines gelben Schnabels und der grün glänzenden Brust erkennen. Sturnus vulgaris, sagte sie.
Rita musterte sie mit neugierigen Augen.
»Und dann?«, fragte Maud. Tja, dann habe sie Mr. Carlton getroffen, sagte Rita, einen britischen Ingenieur, mit dem sie sich einen Tisch im Speisewagen geteilt habe, und als sie Belgrad erreicht hätten, sei das mit Athen schnell wieder vergessen gewesen, denn sie habe sich von ihm überreden lassen, ihn weiter nach Osten zu begleiten, auf seine Kosten, und auf ein Lachen von Maud hin fügte Rita hinzu, ja, es sei nicht ausgeschlossen, dass Mr. Carlton ein bisschen verliebt in sie gewesen sei, doch er habe sich im Zaum zu halten gewusst, ein echter Gentleman, der sich noch auf die viktorianischen Tugenden verstand. Sie erreichen Istanbul, doch das ist nicht alles, Mr. Carlton will weiter, und Rita geht mit ihm. Mit dem Zug und anderen Transportmitteln, durch Täler voller Pfirsichbäume, setzen sie ihre Reise fort und erreichen Teheran. Mr. Carlton hat einen Auftrag im Süden, kann aber auch Zeit für ein paar Abstecher erübrigen, etwa nach Persepolis. Rita hatte weder geplant, schwanger zu werden, noch diese Ruinen zu sehen oder in großen verbeulten Autos zu sitzen, bei denen das Gepäck auf dem Dach festgezurrt lag wie auf einem Kamel. Nun aber stand sie in Mr. Carltons Schafslederjacke auf einer großen Steinterrasse, mitten in der Einöde gewissermaßen, und versuchte, vor sich zu sehen, was zu Dareios’ und Xerxes’ Zeiten ein Zentrum der Welt war. »Dort habe ich meinen ›persischen Blick‹ herausgebildet, wie ich ihn nenne«, sagte sie.
Maud saß ganz still, den Rücken gegen den Stamm gelehnt. Die Vorstellung, so etwas erleben zu dürfen!
»Bevor wir wieder getrennte Wege gingen«, sagte Rita, »schenkte Mr. Carlton mir ein hübsch eingebundenes Buch mit persischer Poesie, in dem auch die Rubaiyat enthalten waren, in englischer Übersetzung. Ein Abschiedsgeschenk.«
Sehr bald schon hatte Maud gemerkt, dass die Begegnung mit Rita Bohre wichtig für sie war. Dass sie davon beeinflusst worden war, anders zu denken begonnen hatte. Aber was war mit den Jungs? Sah sie in Harald und Sigurd nur deshalb etwas Bewundernswertes, weil sie Rita Bohres Söhne waren, eine Qualität, die sie unter Umständen gar nicht besaßen?
»Darf ich dir noch ein Glas anbieten?«, fragt Maud.
Dankend hält Sigurd ihr sein Glas entgegen, als sei er sich im Klaren darüber, dass er auf Hilfe angewiesen ist, etwas sich in ihm lösen muss, wenn das hier gut ausgehen soll.
Sie stellt ihm Fragen über die Före, die generelle Schneelage, die Loipen. Wie lange er hierher gebraucht habe. Sigurd ist von Skisport begeistert, mehr noch als Harald. Und mehr noch als über die amerikanischen Filmstars weiß er über die norwegischen Skifahrer, von Thorleif Haug bis hin zu Lars Bergendahl. Sie selbst kann sich für Sport eher wenig begeistern. Für Maud sind die Skitouren an sich eine Freude. Nicht das schnelle Vorankommen, sondern die Art und Weise der Fortbewegung, ein Durch-den-Wald-Segeln, fast ohne Krafteinsatz. Schon mit dreizehn, vierzehn Jahren hatte sie die ansehnliche Strecke bis hierher zur Hütte allein auf Skiern zurückgelegt, folgte ohne Zögern den ganz oder halb ausgefahrenen Loipen von zu Hause aus bis zum Nibbitjern, das eine Mal eine westliche Route über den Ringkollen, dann wieder auf einer Loipe östlich des Øyangensees und weiter Richtung Süden. Auf diesen Skitouren durch den Wald wurde Maud sich schließlich auch der Tatsache bewusst, dass die Nordmarka, dieses riesige Naturgebiet, die größte Ressource der Stadt war, etwas für eine Hauptstadt ganz und gar Einzigartiges. Solange es die Nordmarka gab, brauchte es in Oslo keine Sanatorien.
Hier im Maud-Land war sie vergangenen Winter auch auf die beiden Brüder gestoßen. Über dieses Aufeinandertreffen, ein geradezu physisches, hätte sie ihre eigene Mr. Carlton-Geschichte erzählen können. Es war ein frostblauer Sonntag, so kalt, dass alles knisterte und der Schnee beim Hinaustreten vor die Hütte dieses herrliche Knirschen von sich gab, dann die Stockhübe wie ein Zweitaktmotor, der die Skier mit gleichmäßigen Swisch-Lauten vorantrieb. Schon seit sie klein war, schon seit sie zum ersten Mal Skier angeschnallt hatte, wusste Maud, dass sie in ihrem Element war, denn für sie war der Schnee ein eigenes Element, eines, das nicht im Entferntesten mit Wasser verwandt war, sondern mit dem mystischen fünften Element, dem »Äther«; wirklich spürte Maud, wie sie im Dahingleiten auf den Skiern mit den höheren Luftschichten in Kontakt kam, von Gedanken erfüllt wurde, die nicht mit jenen zu vergleichen waren, die sie sonst hatte. Wenn sie mürrisch oder bedrückt war, legte sie die Skier an und lief, ruhig und lang, und immer gewann sie dabei ihre Ausgeglichenheit zurück. An jenem Sonntag nun war sie über den Oppkuven und Langlia gelaufen und stand jetzt an einer Loipenkreuzung auf der Anhöhe gleich östlich des Kikuttoppen. Leichte Schneeflocken, Silberspäne, flogen einige Sekunden lang durch die Luft. Zum Ausruhen auf die Stöcke gestützt, überlegt sie, ob sie weiter Richtung Norden zum Sandungensee laufen soll – sie sitzt gern dort in der Hütte auf ein Schwätzchen – oder einfach zur Hütte zurückkehren. Im selben Moment flitzt ein Mann an ihr vorbei die Loipe zur Kikut-Hütte hinunter, und weil sie plötzlich Lust auf eine Tasse Kakao bekommen hat und regelrecht in seinen Windschatten hineingesogen und dadurch weitergetrieben wird bis zu der Stelle, an der die Schussfahrt beginnt, folgt sie ihm, wobei sie beim Hinunterbrausen zu dem Platz vor dem Eingang der Gästehütte fast mit zwei jungen Männern kollidiert, die gerade ihre Skier abschnallen, sie muss so abrupt abbremsen, dass sie hinfällt. Sie stürzt sonst selten, doch jetzt wirft es sie sozusagen auf der Karl Johans gate der Nordmarka zu Boden. Nicht nur vor einem, sondern gleich vor zwei Männern.
Sie lachten, halfen ihr auf und fragten, ob »die Slalomfahrerin« sich drinnen mit ihnen an einen Tisch setzen wolle, und sie scherzten mit ihr und luden sie auf Lapskaus und Mineralwasser ein, und während des Essens lernten sie einander kennen.
Magisch, dachte sie.
Sigurd sitzt auf der anderen Tischseite und sieht sie an, schweigend, als könne er ihr beim Nachdenken zusehen, als wüsste er, dass sie Zeit zum Nachdenken braucht, dass er behutsam vorgehen muss. Mit einem Nicken deutet er zu dem Korb mit Brennholz. Sie nickt zurück. Er steht auf und legt ein Scheit im Kamin nach, bleibt stehen, bis die Birkenrinde zündet und die Glut sich in Feuer verwandelt.
Auch der Sommer nach dieser Begegnung hatte einen magischen Schimmer. Einen noch magischeren als ihre früheren Sommer in der Hütte. Bereits in den Jahren nach ihrer Konfirmation war Maud ständig allein in der Hütte gewesen, hatte sich eine Mitfahrgelegenheit zum Damtjern besorgt und war von dort aus weitergelaufen, zuerst bergauf durch schwieriges Gelände, ehe die Landschaft flacher wurde und sich mit Erreichen des Stubbdaltjern und der Ringmyrene öffnete, während sich im Westen der Gyrihaugen vor dem Horizont abzeichnete. Danach wieder abwärts auf den Gråbergtjern zu, wo sie dann nicht dem Weg zu den Almen rund um die Lauvlia-Hütte westwärts folgte, erst recht nicht, nachdem der Skiverband dort ein Lokal eröffnet hatte, sondern sie wählte ihren eigenen, kaum sichtbaren Pfad über den Bakåsen hinunter zum Nibbitjern, an dessen Westseite die Hütte lag und wo die eingeatmete Luft belebender wirkte als Menthol.
Der Wald war magisch. Oder verleitete sie dazu, sich auf die Suche nach dem Magischen zu begeben. Sie hatte nie Angst im Dunkeln gehabt, hatte sich schon als Kind nie abschrecken lassen von den vielen Volksmärchen, nur zu gern hätte sie das Übernatürliche gesehen, erlebt; schon als kleines Mädchen war sie, und das sogar allein, bis zu den dunkelsten Stellen des Urwalds vorgedrungen, hatte unter das Sturmholz geguckt, Kobolde und Trolle angerufen, aber nichts gesehen. Kreuz und quer war sie in der Gegend umhergestreift, und besonders eine Stelle auf dem Steilhang unter dem Oppkuven hatte sie oft aufgesucht, ein Plätzchen, das ihr allein gehörte, oder sie saß an einem überwucherten Teich und beobachtete eine im Wasser schwimmende Schlange, folgte den Tierfährten,