sie sei neugierig geworden, sie holt die Flasche mit Vaters Kräuterschnaps, schenkt zwei Gläser ein, von denen Harald das neue bekommt, das sie eben erst mitgebracht hat, eines aus dem Alexandra-Set, und hält dann ihr eigenes Glas gegen das Licht der Paraffinlampe, als suche sie Hilfe in dem Dekor oder in der Vorstellung, es könne sich um die Scherbe eines Zauberspiegels handeln, eine »Zauberscherbe«.
Harald erzählt eine andere Version dieser Reise als sein Bruder, nicht von ihrer Fahrt durch Deutschland, sondern vom Schlusspunkt ihrer Reise, als sie in Wien gelandet waren, jetzt Hauptstadt eines geschrumpften Landes, in seiner habsburgischen Blütezeit aber, vor dem großen Krieg, so rammelvoll von Kultur und Ideen, Malern, Schriftstellern, Komponisten, dass man an das antike Athen denken mochte, aber nicht darauf will Harald hinaus, sondern auf seine Begegnung mit der Wiener Kaffeehauskultur, die so bestimmend wurde für seine Berufswahl, denn während Sigurd und der Vater in die Museen gegangen waren, um sich Albrecht Dürers Gemälde anzusehen, hatte Harald sich die Kaffeehäuser angesehen, und obwohl er noch jung war, gerade erst konfirmiert, hatte er sich sofort angezogen gefühlt von diesen Orten, wo man sich an einen Marmortisch setzen, einen Kaffee und ein Glas Wasser bekommen und währenddessen die Zeitung lesen oder den Diskussionen lauschen konnte. »Stell dir das vor, Maud, in ein und demselben Lokal konnte man die Menschen in zwölf verschiedenen Sprachen sprechen hören!« Während der Vater und Sigurd echohallende Museen und karge Schlösser durchforstet hatten, war Harald im Café Central, im Café Museum, im Sperl oder im Landtmann gesessen und hatte deren Atmosphäre eingesogen, Kaffee getrunken und auf Holzhaltern befestigte Zeitungen aus ganz Europa durchgeblättert, und es in vollen Zügen genossen. Dort, sagt er zu Maud, habe er seine Vision gehabt, die Idee, selbst irgendwann ein Kaffeehaus zu besitzen, zu betreiben, ein Lokal, in dem Menschen aller Nationalitäten zusammenkamen, wo sie an einem Marmortisch mit einer Tasse Kaffee, einer Zeitung sitzen konnten, sich unterhalten, diskutieren konnten, er habe sogar schon einen Namen für sein zukünftiges Etablissement gefunden: Café Agora. »Alles, was man braucht, ist ein Silbertablett mit einer Tasse Kaffee und einem Glas Wasser«, sagt er zu Maud, so euphorisch, dass er beinahe ins Stottern gerät.
Das Kaminfeuer ist ausgegangen. Maud überlegt. Zwei Brüder. Der eine spricht über Hegel, über die geschichtliche Entwicklung, die Gesellschaft; der andere träumt bloß davon, ein Café zu eröffnen.
Doch dann, Haralds Stimme in einem anderen Tonfall: »Wenn man darüber nachdenkt, ist es doch erstaunlich. Wien, sozusagen einmal die Hauptstadt Europas. Dann feuert einer eine Pistole ab, und alles bricht auseinander.«
Sie sagt, sie müsse ein bisschen Ordnung machen, die Asche aus dem Kamin schippen. Sie wolle die Hütte abschließen. »Wir müssen los«, sagt sie, »ich habe nicht vorgehabt, so spät noch hier zu sein, du hättest gestern kommen sollen.«
»Lass uns noch warten«, sagt er, »es dauert noch eine Weile, bis es dunkel wird, außerdem ist der Himmel klar, und es ist Vollmond, hab’s gestern Abend gesehen.« Sie setzt sich wieder, und weil Lotte in Weimar immer noch auf dem Tisch liegt, befragt er sie zu dem Buch, sie haben, wenn sie allein waren, immer hauptsächlich über Literatur gesprochen, und so geht es in der Diskussion bald um die Frage: Thomas Mann oder Hermann Hesse, Maud ist begeistert von Thomas Mann, Harald dagegen, der ganze Nächte mit der Lektüre von Der Steppenwolf und Narziss und Goldmund verbracht hat, schwört auf Hesse. Ob man sich die beiden vielleicht wie Sigmund Freud und Carl Gustav Jung vorstellen könne?, fragt Harald jetzt und gießt sich noch einen Schnaps ein, lobt die Geheimrezeptur von Mauds Vater, bevor sich das Gespräch dann um Lotte in Weimar dreht, obwohl, eigentlich ist es nur Maud, die redet, die ganz ausgefüllt ist von dieser Erzählung, besonders vom letzten Kapitel, in dem Mann in einem langen – wie heißt es – inneren Monolog Goethe selbst zu Wort kommen lässt, und weil Harald das Buch noch nicht gelesen hat, berichtet sie von dem bald siebzigjährigen Goethe, der nach einem erregenden Traum, und hier muss sie ihren ganzen Mut zusammennehmen, mit einer Erektion aufwacht, sie schlägt das Buch auf und versucht, Goethes Gedanken zu übersetzen, der dieses Phänomen beinahe stolz zur Kenntnis nimmt: »Was in aller Welt, in dem mächtigsten Zustande! In all seiner Pracht! Das ist gut, alter Mann.« Maud lächelt verlegen, vielleicht war es doch zu gewagt, diese Stelle laut vorzulesen, denkt sie und blickt auf den Tisch hinunter, während Harald von seinem Kräuterschnaps trinkt, sie merkt, dass er ihn nicht verträgt, dass er anfängt, ihr seltsame Blicke zuzuwerfen, näher auf dem kleinen Sofa an sie heranzurücken. Konnte es an dem liegen, was sie ihm über Goethe und seinen Ständer vorgelesen hat? War es falsch von ihr, einer Frau, ein solches Wort in den Mund zu nehmen? Sie konfrontiert ihn mit dem, was Sigurd ihr erzählt hat, dass er sich nach der Sperrstunde im Theatercaféen nach leichter Beute umsehe, nach gelangweilten, alleinstehenden Frauen; es klingt vorwurfsvoller, als sie es gewollt hat. »Das ist nur einmal vorgekommen«, sagt er, »ein einziges Mal, und das wird es nie wieder, sie war Sekretärin bei einem Verlag, eine Jugendbekanntschaft, es war ein Fehler«, sagt er. »Es hat nichts bedeutet.« Verzweiflung liegt in seinem Blick, so als habe er keinen Schimmer, wie sie davon erfahren haben konnte. Dann stimmt es also, denkt Maud, und obwohl es sie eigentlich nicht ärgerlich stimmt, rückt sie ein Stück von ihm weg.
Wie um sie zurückzugewinnen, beginnt er, lang und breit davon zu erzählen, was er in der letzten Zeit im Café so alles gesehen und gehört habe. Von dem Schauspieler, der neulich Abend auf den Tisch geklettert sei und eine Passage aus Hamlets Monologen zum Besten gegeben habe. Harald steht auf und ahmt ihn nach: »Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten!« Er ist betrunken, er nuschelt.
»Du vergisst das Korrektiv gegen Ende«, sagt Maud, »dass wir nämlich auch ›diese Quintessenz aus Staub‹ sind.« Doch was Harald jetzt nicht mehr will, ist reden, schwer atmend rutscht er zu ihr hinüber und versucht, sie zu küssen. Sie weist ihn zurück. »Du musst gehen, Harald«, sagt sie. »Ich kann nicht«, sagt er, »hab zu viel getrunken.« »Du musst gehen«, sagt sie. »Ich kann nicht, meine Stöcke sind kaputtgegangen«, sagt er. »Ich hab dich herlaufen sehen, sie sind nicht kaputt«, sagt sie. Er fährt hoch, wackelig, steht schon draußen bei der Hüttenwand, wo seine Skier lehnen, kommt wieder herein und zeigt ihr die zerbrochenen Stöcke. Er muss sie selbst kaputtgemacht haben, denkt sie, er ist verrückt, was ist bloß los mit dem Idioten. »Ich muss auch fahren«, sagt sie, »es ist kein Holz mehr da.« »Wir können welches hacken«, sagt er. »Das ist leichter gesagt als getan«, sagt sie. »Wir könnten uns ja auf andere Weise warmhalten«, sagt er. »Wir müssen gehen, ich muss runter zum Damtjern, nach Stubbdal, bevor es zu dunkel wird. Wenn du nicht nach Hause willst, kannst du in der Lauvlia absteigen und dort übernachten.« Sie steht auf. Er steht zugleich mit ihr auf. Sie sieht seinen Blick. Jetzt wird es gefährlich, denkt sie.
Und dann passiert es, nicht im Schlafzimmer, wie sie es sich erträumt hat, es sich ausgemalt hat, zumindest bis Sigurd gekommen ist, sondern in der Stube, mitten auf dem Boden, auf einem Flickenteppich, und nicht zärtlich wie in ihrer Vorstellung, sondern mit roher Kraft, obwohl sie keinen Widerstand leistet. Sie hätte, dachte sie später, mit ihm schlafen können, doch auf abstruse Weise hatten die Umstände dazu geführt, dass sie stattdessen mit Sigurd, seinem Bruder, geschlafen hat, und darum auch verweigert sie sich ihm jetzt, obwohl sie, zumindest einige Sekunden lang, Lust verspürt, weil sie ihn liebt, zumindest lange geglaubt hat, dass er es ist, den sie liebt, doch weil sie denkt, dass sie ihn auf eine Weise betrogen hat, ihm untreu gewesen ist, gerade eben erst, kann sie sich nicht dazu überwinden, und dann wird er gewalttätig, sie sollte ihn schlagen, treten, denkt sie, bringt es aber nicht über sich, sie sträubt sich, wenn auch eher passiv, woraufhin er ihr die Hose herunterreißt und sie nimmt, brutal, obwohl sie keinen Widerstand leistet, und woran sie sich hinterher am besten erinnert, ist sein Brüllen beim Orgasmus. Wie ein Tier, denkt sie. Es schien irgendwie unmöglich, dass ein Mensch so einen Laut ausstoßen konnte. Was sie vor allem empfindet, ist Angst, und sie bleibt still und regungslos liegen. Später denkt sie: Vielleicht steckte in diesem Brüllen genauso sehr eine Verzweiflung, eine Reue, eine Art Wut über sein eigenes Verhalten.
Er weiß, was er getan hat, ist nicht wiedergutzumachen. »Ich gehe«, sagt er. »Du bleibst«, sagt sie. Sie weiß nicht, warum, aber er muss bleiben. Beide müssen sie jetzt in der Hütte bleiben. »Ich gehe«, sagt er.
Im Zimmer begann es kalt zu werden, auch im Ofen war das Feuer längst erloschen. Im Brennholzkorb lagen