des Milchmannes illustriert, der seinen Weg durch die Ruinen geht, um Flaschen auf die Treppen zu stellen. Wir haben diese Frage lange erörtert, auch unter Berücksichtigung von Beiträgen der N20-Assistentengruppe, wobei sich schließlich herausstellte, dass tatsächlich ein solches Bild existiert, oder eher eine Szene, die in ähnlicher Weise zur Veranschaulichung wesentlicher Aspekte in Hinblick auf das Land Norwegen während der Okkupationszeit beizutragen vermag, und erstaunlicherweise handelt es sich dabei nicht um Erinnerungen an heroische Sabotageaktionen unter der Regie von Widerständlern wie Max Manus oder Kjakan Sønsteby, nein, sondern um eine weitaus friedlichere Szene im Gefangenenlager Grini: Francis Bull, der in einem großen Schlafsaal einen Vortrag vor seinen Mitgefangenen hält, norwegische Lehrer, die um ihn herum auf ihren Betten sitzen oder liegen und denen bis zum nächsten Tag die Frist eingeräumt wurde, ihren Lagerkommandanten darüber in Kenntnis zu setzen, ob sie der nationalsozialistischen Lehrervereinigung beitreten oder nicht –, ein Vortrag, in welchem der Professor die Ibsen-Figuren Peer Gynt und Brand behandelte, und auch wenn Francis Bull sich davor hütete, Klartext zu reden, gab es unter den Zuhörern nur wenige, die darüber in Zweifel waren, wie ihre Antwort ausfallen wird.
Ein Literaturprofessor vor lauschenden Männern in einem Gefangenenlager.
Sigurd Bohre war einer der Männer, die diesen Vortrag hörten.
Zwei Jahre zuvor aber finden wir Sigurd an der Brücke bei Fossum. Es ist Mitte Juni, und eben erst wurden von norwegischen Offizieren in Trondheim und Narvik Kapitulationsabkommen unterzeichnet. Er steht auf der Askimer Seite und blickt zu der Brücke hin, zu dem Fluss Glomma, zu dem Steilhang auf der anderen Seite, auf dem die deutschen Soldaten gelegen und auf Norweger geschossen haben. Auf Harald, denkt er. Auf meinen Bruder, denkt er. Ein Tag der Schande. Hier, als einer von wenigen, von viel zu wenigen, die im April in den Kampf zogen, ist Harald gefallen. Sie waren chancenlos, konnten der Übermacht aber trotzdem fast einen Tag und eine Nacht lang Paroli bieten.
Sigurd betrachtet die sieben Schießscharten in der Felswand auf der anderen Seite, die in den Berg gesprengte Verteidigungsanlage. Errichtet gegen die Schweden! Was für eine historische Ironie. Eine Brückengalerie, plötzlich in die Gegenrichtung verkehrt. Eine Festung gegen einen Feind, der kein Feind mehr ist, und die dann von einem neuen Feind gegen einen selbst verwendet werden kann.
Zwanzig norwegische Soldaten gefallen. Eine unbekannte Anzahl Deutscher, viele, wahrscheinlich über hundert. Wie hatte Hegel noch gleich gesagt? Die Geschichte gleiche eher einer Schlachtbank als einem Blumenbeet? Gesenkten Hauptes stand Sigurd auf der Brücke. Er war allein und brauchte keinem etwas vorzuspielen. Vor Scham biss er sich auf die Lippen. Er hatte Bauchschmerzen vor Scham. Auf der Geburtstagsfeier ihrer Mutter hatte er seinen Bruder einen Feigling genannt, und doch war dieser »Feigling« in den Kampf gezogen. Der »Mutige« hatte versagt.
Und hätte Sigurd es nicht verhindern können, wenn er seinen Bruder an dem Abend, als sie einander im Theatercaféen getroffen hatten, zu Birgers Wohnung hätte mitkommen lassen?
Hier hatten sie ihn gefunden, direkt an der Straße, nachdem die Deutschen weitergerückt waren, an Askim vorbei. Eine Kugel ins Bein, eine in die Stirn. Er war identifiziert, nach Hause gebracht und am Friedhof bei der Haslum kirke beigesetzt worden. Mehrere Wochen lang hatte die Mutter kein Wort mit Sigurd gesprochen. Sie wirkte geknickt, fast leblos, als hätte diese schmächtige Gestalt selbst eine Kugel abbekommen. Ihr Gesicht eine nicht wiederzuerkennende, abgezehrte Maske. Maud war ebenfalls zur Beerdigung gekommen. Mitten in einem Lied hatte sie Sigurds Hand genommen, die, die nicht zu dem Arm in der Schlinge gehörte. Das war das erste Mal, dass sie seine Hand gehalten hatte. »Ich komme dich besuchen«, hatte sie danach gesagt. »Wir müssen reden.«
Sigurd streifte im Gelände umher, entdeckte Fichtenstämme, deren Rinde von Kugeln heruntergefetzt worden war. Er versuchte, sich vorzustellen, wie es sich zugetragen haben könnte. Der Nachthimmel von Leuchtraketen und einer Kakofonie aus Maschinengewehrknattern, Maschinenpistolen und Granaten erfüllt. Der Geschmack von Metall. Der Geruch des Todes. Unmöglich. Heute war ein schöner Frühsommertag, der Fluss glitzerte, aus den Bäumen erklang Vogelgezwitscher. Das Land war okkupiert.
Trotzdem war Sigurd sich sicher – es war ihm, als hätte er einen prophetischen Blick bekommen und könnte sehen, wie unwahrscheinlich es war, dass die Deutschen sich sonderlich lange in Norwegen aufhalten würden –, er war sich sicher, eines Tages würde hier, an der Brücke bei Fossum, so wie bei den Thermopylen im alten Griechenland, ein Gedenkstein errichtet werden, in dem Haralds Name eingraviert wäre. Eine bleibende Spur seines Bruders.
Und er, Sigurd?
Was war schiefgelaufen? Was war so schrecklich schiefgelaufen am 9. April? Sigurd stand in der Mitte der Brücke und schaute zu dem still fließenden Fluss unter sich. In den Wochen nach der Invasion hatte er sehr viel mehr Zeit auf Grübelei verwendet als auf die Juristerei, und auch wenn er sich benommen hatte wie ein erbärmlicher Angsthase, war seine Wut weiter angewachsen. Vielleicht weil sein Bruder tot war. Sigurd hatte Fragen gestellt, nachgebohrt, nachgeforscht. Und wie sich herausstellte, war die Kommunikation zwischen den verantwortlichen Personen, jenen Menschen, welche die Bevölkerung durch einen Kampf um Leben und Tod hätten führen sollen, vollkommen und schmählich zusammengebrochen in diesen Apriltagen. Und was war mit dem Militär? Zunächst hatte Sigurd noch geglaubt, es könne nicht wahr sein, dass der befehlshabende General zu sich nach Hause gefahren war, irgendwo weit außerhalb der Stadt, um sich seine Uniform anzuziehen und Toilettensachen zu holen! Mitten in der Hitze des Gefechts, früh am Morgen, war er einen weiten Umweg gefahren, um sich Toilettenartikel zu holen. Was dachte er sich dabei? Wollte er lieber mit sauberen Zähnen und frisch rasiert sterben? Und als er, endlich, in das als Kommandozentrale auserkorene Hotel Slemdal zurückkehrte, hatte sein Stab bereits Hals über Kopf die Flucht ergriffen und war nach Eidsvoll weitergezogen, weshalb der General jeden Kontakt zu ihnen verloren hatte. War das möglich? Mag sein, dass Sigurd eine Memme war, aber es hatte in diesen Stunden wahrlich größere Memmen gegeben als ihn! Für ihn als Juristen war es leicht nachvollziehbar, warum so manche der Meinung waren, die Regierung sollte vor das Verfassungsgericht gestellt werden – falls es je gelänge, die verhassten Deutschen aus dem Land zu werfen. Ja, denn es war wirklich skandalös, nicht nur ihre analytische Untauglichkeit in einem Land, das geschlafen hatte während eines Angriffs, bei dem sich im Nachhinein immer deutlicher herauskristallisierte, dass es ein angekündigter gewesen war, sondern auch, weil sie nicht sofort alles mobilisiert hatten, was gehen und kriechen konnte, Kirchenglocken und Radio, Gong und Pauken ertönen ließen.
Konnte man sich etwas Schändlicheres vorstellen, als von seinen Anführern im Stich gelassen zu werden?
Wir gestatten es uns an dieser Stelle, eine Parenthese einzufügen, denn es muss Sigurds verbitterter Anklage – mit der er keineswegs allein dastand – immerhin zugutegehalten werden, wie gelinde gesagt merkwürdig es erscheint, dass diese Lehren nicht wie festgenagelt saßen in dem kollektiven Gedächtnis dieses kleinen Volks. Wie unvorstellbar scheint es doch, dass ein Land, das so etwas erfahren hatte, denselben Fehler später noch einmal begehen sollte! Zwar erklang bei Festansprachen und Gedenkreden ein paar Generationen lang der Refrain »Wir dürfen niemals vergessen«, doch im Vorfeld des Siebzigjährigen Krieges schien alle erworbene Weisheit zerbröckelt, und abermals traf das Unglück unvorbereitete Norweger wie im Schlaf.
Aber zurück zu Sigurd auf der Brücke, der gerade an all diese Stützen der Gesellschaft denkt, an all diese Repräsentanten der Machtelite, die sich jetzt, Mitte Juni 1940, für eine Zusammenarbeit mit den Deutschen ereifern. Er muss sich an die Brüstung stützen, fühlt sich wieder elend.
Wie von selbst wandern seine Gedanken zu Maud, und nur der Gedanke an sie vermag zu verhindern, dass er nicht vornüber hinunterstürzt. Auch im Zug auf dem Rückweg von Askim ist er in Gedanken bei Maud. In diesen Tagen der Schwermut und der Selbstvorwürfe, die er bei zugezogenen Gardinen und mit einem Tablettengläschen auf dem Nachttisch im Bett verbringt, ist es allein der Gedanke an Maud, der ihm das Leben erträglich macht. Er weiß, nur sie allein kann ihn retten. Das ist ihm schon bewusst geworden, als sie während des Lieds »Leben heißt lieben« seine Hand nahm, und noch deutlicher wurde es ihm bewusst, als sie eines Tages plötzlich vor seiner Tür stand. Das war ein paar Wochen nach Haralds Beerdigung, sie sei zufällig vorbeigekommen, sagte sie, und habe