Jan Kjaerstad

Femina erecta


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ihren Unterredungen in Säulengängen lustwandelt, aber sie redeten auf dem Weg zur Morgenwäsche, zum Appellplatz, während der verschiedenen Kommandos, drinnen wie draußen, und nicht zuletzt nach Ertönen des Abendsignals. Hier, dachte Sigurd, erfuhr er schließlich, was Birger, sein platonbegeisterter Freund, ihm über den Segen des Dialogs mitzuteilen versucht hatte, nämlich nicht nur jedes Gegenargument zu verfolgen, sondern auch alle Nebenstränge, wohin auch immer sie führen mochten. Grini war für Sigurd ein kontinuierlicher Dialog, in dem alles beleuchtet wurde und die Ideen durch ihr gemeinschaftliches Streben Funken erzeugten. Es war, dachte Sigurd, seine Lebensbildungsreise. »Jeder sollte seine eigene Arche haben«, lautete eines von Mutters Mantras in seiner Kindheit und Jugend, und er hatte nie verstanden, was sie damit gemeint hatte. Erst jetzt verstand er. Grini sollte seine Arche werden, ein Ort, an dem seine wichtigsten Gedanken beheimatet waren.

      Seine Unterbringung im Lager fand gerade noch rechtzeitig zu Francis Bulls Vortrag vor den Lehrern statt, am Palmsonntag 1942; die Vorträge wurden in einem Raum des Hauptgebäudes abgehalten, der Die Kirche genannt wurde, und in der darauffolgenden Zeit sollte Sigurd noch viele weitere Vorlesungen unterschiedlichen Inhalts hören, von Kaj Munks Predigten bis hin zum Erlegen von Schlagbären. Sigurd kam zu der Zeit nach Grini, als gerade eine Lagererweiterung vorgenommen wurde, und war somit einer von vielen aus allen Landesteilen und den verschiedensten Bevölkerungsschichten stammenden Häftlingen, die in alten Gardeuniformen und mit diesen ulkigen Schiffchen als Kopfbedeckung jene Baracken errichteten, über welche die Leute später noch reden sollten. Doch obwohl sie ihr eigenes Gefängnis bauten – zuerst stellten sie den Stacheldrahtverhau her und bald darauf den elektrischen Zaun mit seinen Betonpfosten und Wachtürmen –, hatte Sigurd nie eine solche Freiheit, eine solche innere Öffnung erfahren, womit nicht nur seine Beteiligung bei der illegalen Lagerarbeit gemeint ist oder seine einfallsreichen Beiträge zur Umgehung der Verbote und Befehle seitens der Deutschen, ebenso wenig das Schmuggeln von ein wenig extra Gemüse oder Kartoffeln, oder dass sie ihre Zuckerration erhöhten, indem sie Tee aus Himbeerblättern brühten, sondern die Erfahrung, wie lebensnotwendig es war, seine Gedanken und Ansichten mit anderen Menschen zu teilen.

      Nie wieder werde ich einen ähnlichen Wissensdurst erleben, dachte Sigurd, als allen klar war, dass der Krieg sich dem Ende zuneigte. Er lag hinter dem Stacheldraht und dem elektrischen Zaun und wusste, wie sehr er das alles vermissen würde.

      Das Wertvollste an dieser Erfahrung war, dass sie ihn dazu inspirierte, selbst Vorträge zu halten, am liebsten über norwegische Geschichte von der Sagazeit an. Beim Kartoffelschälen in der Küche, bei der Arbeit in der Wäscherei oder beim Ausgraben von Steinen, die sie später an anderer Stelle wieder eingraben mussten, nahm er im Geist bereits eine Gliederung vor für das Thema, über das er am Abend sprechen wollte, und seine Zuhörer wussten diese Vorträge zu schätzen, die er immer heimlich an verschiedenen Stellen im Lager hielt, ganz gleich, wie sehr das Feldroden oder die albernen Außenkommandos im Steinbruch ihn erschöpft hatten. Eine seiner beliebtesten »Vorlesungen« handelte von der Kindheitsoffenbarung seiner Mutter, dem Anblick des aus der Erde aufsteigenden Osebergschiffs, denn es war, als sähen seine Hörer darin eine Hoffnung, so als dachten sie, eines Tages werde auch das freie Norwegen aus dem Nazibodensatz aufsteigen, unter dem es jetzt noch begraben lag. Sigurd Bohre war kein Dichter, aber es fehlte nicht viel, dass er hier in Grini, wo er diese Geschichte so oft erzählte, zumindest vor seinen Hörern etwas ebenso Bedeutungsvolles, symbolisch Aufgeladendenes und Schöpferisches vollbrachte wie Adam Oehlenschläger mit seinem großen Gedicht über den Fund der Goldhörner in Dänemark, dieser »Glanz aus alten Zeiten«, der »Da klingt in der Erde / das alte Gold«.

      Sigurd war die meiste Zeit in Baracke 8, Zimmer 2, untergebracht, wo er auch die meisten seiner Vorträge hielt, auch zur Gänze improvisierte – zum Beispiel über amerikanische Filme –, während die anderen auf drei Seiten unten oder oben auf ihren Betten saßen und Sigurd sich fühlte wie auf einer Theaterbühne, mit Publikum im Parkett und auf den Balkonen. Besonders beliebt war seine Reihe von Kurzvorträgen über berühmte Schlachten, beginnend bei dem entscheidenden Sieg des Perserkönigs Kyros über die Lydier – durch Anwendung einer »Viereckformation«. Mit der Zeit bekam er von den in der Buchbinderei Arbeitenden große Papierbögen, so dass er Bildtafeln über den Verlauf der Schlachten zeichnen konnte, Illustrationen, die sie dann im Anschluss an die Vorträge im Ofen verbrannten.

      Endlich hatte er auch ausreichend Zeit, von der Skagerrakschlacht zu erzählen, ja, er hatte alle Zeit der Welt, die anderen lagen mit weit geöffneten Augen in ihren Betten und hörten ihn in aller Ausführlichkeit von diesem gewaltigen Zusammenstoß zwischen den Seeungeheuern der zwei größten Kriegsflotten der Welt berichten. Er erzählte von seinem Onkel Henry, dem Vagabunden und angehenden Journalisten, der in Edinburgh gewesen war, um über Darwin zu schreiben, der dann aber bei einem Spaziergang außerhalb der Stadt die riesigen Kriegsschiffe in der Marinebasis bei Rosyth, direkt an der Forth Bridge, gesehen hatte und neugierig geworden war. Ihm war eine Idee für einen Artikel gekommen, und am Dienstag, den 30. Mai 1916, am späten Nachmittag, gerade als der Alarm losging, war es ihm gelungen, an Bord eines dieser Kolosse zu gelangen, so dass er, halb freiwillig, Zeuge der größten Seeschlacht des Ersten Weltkriegs geworden war, an der 250 kleine und große Schiffe beteiligt waren, deshalb nämlich, weil es sich bei dem Schiff, bei welchem er an Bord gegangen war, um die HMS Lion des Vizeadmirals David Beatty handelte, das Flaggschiff der 1. Schlachtkreuzerschwadron, und der Onkel bald Edinburgh hinter sich verschwinden sah. »Jetzt haben Sie endlich was, worüber Sie schreiben können«, soll der Admiral um drei Uhr am darauffolgenden Tag gesagt haben, kurz bevor die vorderste Streitmacht mit der Speerspitze der Deutschen aufeinanderprallte, unter der Leitung von Admiral Franz von Hipper an Bord der SMS Lützow. Darüber, dass sein Onkel diese Schlacht als einen Tag des Jüngsten Gerichts erlebt hatte, ließ Sigurd vor der Versammlung nichts verlauten, obwohl Onkel Henry genau das in seinem kritischen, praktisch direkt im Anschluss an die Schlacht verfassten Artikel zu vermitteln versucht hatte, denn von der Brücke aus hatte Henry gute Aussicht gehabt und gesehen, wie in der ersten Phase zwei britische Schlachtkreuzer so schwer getroffen wurden, dass beide Giganten explodierten und versanken, und wie danach, in einer späteren Phase, zwei weitere britische Kreuzer in ein titanisches Feuerwerk verwandelt wurden und mit Tausenden von Männern an Bord untergingen. Und nicht nur das, auch die HMS Lion kassierte eine Reihe von Treffern, wodurch kontinuierlich irgendwo an Bord Feuer ausbrach und jener Norweger, der am Morgen des 2. Juni in Schottland an Land ging, dermaßen geschockt und desillusioniert war, dass er bald in die USA flüchtete, weil er in einem Land leben wollte, in dem Menschen vieler Nationalitäten zusammen existierten. Darüber verlor Sigurd kein Wort, sondern verwendete aus dem Artikel des Onkels nur die harten Fakten. Sigurd wusste alles, absolut alles über die Skagerrakschlacht, und jetzt, in der Baracke in Grini, bot sich ihm die Gelegenheit, in aller Ruhe die Namen der größten Schiffe und ihrer Kapitäne aufzuzählen, sowohl die der Grand Fleet als auch die der deutschen Hochseeflotte, Papier um Papier füllte er mit Zeichnungen über den Verlauf der Schlacht, die Positionen der Schiffe, und legte seinen Mithäftlingen die Fehleinschätzungen der Deutschen, insbesondere aber der Briten dar – wie etwa, dass Admiral Beatty in der ersten Phase seine Schiffe nicht im Verband geführt hatte und der Oberkommandierende, Admiral John Jellicoe, die Deutschen im Laufe der Nacht entkommen ließ. Dieser Vortrag wurde beinahe mit stehenden Ovationen beantwortet – als ob diese Menschen Trost darin fanden, über den Wahnsinn des Krieges zu hören –, und Sigurd musste ihn auch in anderen Baracken mehrmals halten. Über mehrere Wochen hinweg wurde er nur der Admiral genannt.

      Für Sigurd Bohre war dies eine höchst befriedigende Zeit. Für eine Geringfügigkeit wurde er ins Gesicht geschlagen, hatte oft vor Hunger ein Loch im Bauch, doch gleichzeitig jubelte er innerlich. Nie zuvor hatte er etwas auch nur annähernd so Bedeutungsvolles erfahren wie bei seinem Aufenthalt in diesem Lager.

      In seinem ersten Herbst in Grini erhielt Sigurd eine gute und eine schlechte Nachricht.

      Auf einem seiner Außenkommandos in der »Waldgruppe« traf er Maud auf dem Berghang oberhalb von Grini, wo sie ihm berichtete, dass sie wieder schwanger sei. Er schaute sie an, ihre Augenlider, die sich ein wenig langsamer bewegten als bei anderen, besonders dann, wenn sie über etwas Ernstes oder Wichtiges sprach. Immer war es der Gedanke an Mauds Augenlieder, an dem er sich aufrichtete, wenn er wieder einmal in die Einzelzelle gesteckt wurde.

      Ende