Sigurd fiel hintenüber, und sein Kopf traf auf die Kante eines Pflastersteins, der etwas weiter herausstand und außerdem schief war. Wahrscheinlich schlug er auch deshalb so hart auf, weil er das Gleichgewicht verlor und sich im Fallen nirgendwo abstützen konnte.
In einem Hinterhof in der Welhavens gate, während in der Stadt um ihn herum die Menschen den Frieden bejubelten, lag Sigurd auf den Pflastersteinen. Er lag da im weißen Hemd, mit hochgekrempelten Ärmeln, während das Blut und das Leben aus seinem Körper flossen.
II
MEIN SCHIFF
Gemäß den Prinzipien der organischen Methode, auch konzentrische Methode genannt, wurden – wie bereits im Vorwort erwähnt – die vorangehenden Kapitel einer Beurteilung durch die Fakultät unterzogen, und nach einer zu unseren Gunsten ausfallenden Abstimmung wurde der Nuówēi-Gruppe die für die Fortsetzung des Projekts nötige Unterstützung bewilligt, eines Projekts zur Ausweitung einer Geschichte, die uns in die Zeit mitnehmen wird, als im 21. Jahrhundert die ersten Mitglieder einer Sippe aus einem fernen, vergessen Land namens Norwegen nach China auswanderten. Auch Mitglieder anderer norwegischer Familien emigrierten, besonders in der Zeit vor dem Siebzigjährigen Krieg, doch obwohl die Zahl ihrer Nachfahren in der Chinesischen Föderation groß ist, können diese sich nicht mit den ersten Bohre-Emigranten an Bedeutung messen. Der Grund unserer ausschließlichen Fokussierung auf diese spezielle Familie leuchtet ein: Wir tun dies, weil die Long-Dynastie, die seit tausend Jahren mehr oder weniger die Führung der Chinesischen Föderation innehat – und die diese Führung mit facettenreicher Weisheit und einer hochentwickelten Vorstellungskraft betreibt –, jene ersten Mitglieder aus dem Geschlecht der Bohre als ihre Stammmütter und -väter betrachten.
Gleichzeitig mit der hier folgenden Präsentation unserer Forschungsergebnisse möchten wir darauf hinweisen, worin nunmehr die Herausforderung besteht: Während wir uns im vorigen Teil unserer Erzählung auf eine kurze Periode und auf ein begrenztes Gebiet konzentrieren konnten, werden die folgenden Teile sowohl zeitlich als auch räumlich eine weit größere Ausdehnung aufweisen und somit denjenigen, die den Wurzeln der Long-Dynastie, ihrer erstaunlichen women guóijā, auf die Spur zu kommen trachten, höhere Anforderungen abverlangen. Auf der anderen Seite jedoch mag darin auch ein Ansporn zu finden sein, da wir wissen, dass die heutigen Leserinnen und Leser über einen Vorteil verfügen, der in der sogenannten Glanzzeit des Romans weniger verbreitet war: die Fähigkeit zur Erkennung triangulärer Zusammenhänge, historischer Verschiebungen sowie der mehr oder weniger verborgenen Fernverbindungen.
In der Version der Ōuzhōu-Gruppe findet Laila Berger keine Erwähnung, doch nach Auftauchen der Chronik von Little Green, und nachdem wir auch bis dato unbeachtete Quellen untersuchen konnten, haben wir uns dafür entschieden, an dieser Stelle einen Teil ihrer fiktionalisierten Geschichte einzufügen, wobei es nicht unnatürlich scheint, mit dem Kaffeekränzchen zu beginnen, das Laila zusammen mit ein paar anderen Familienmitgliedern anlässlich eines der großen öffentlichen, in den 1960er-Jahren in Norwegen stattfindenden Ereignisse veranstaltete. Die Idee dazu war ihr am Wochenende davor gekommen, als sie am Sognsvannsee zufällig ihrer Cousine Kaja und ihre Tante Maud über den Weg gelaufen war. Sie sah die beiden viel zu selten, obwohl sie immer las, was Maud in der Zeitung schrieb, und deshalb lud sie beide für den kommenden Donnerstag zu sich nach Tåsen ein. »Kaffee und Kuchen und viel zu lachen«, sagte sie. Kaja wollte gern kommen, doch Maud lehnte entschieden ab. »Ich suche lieber Zuflucht in der Hütte im Krokskogen«, sagte sie. »Ich will mich am besten so weit wie möglich von diesem anachronistischen Unsinn fernhalten. Wer weiß, vielleicht bekommt das Leben endlich einen Sinn, wenn ich eine Libelle entdecke, die nach mir benannt wird.« Maud lachte, und obwohl sie nicht verstand, worüber ihre Tante lachte, lachte Laila mit.
Zu Hause angekommen, rief Laila ihre Großmutter an und lud sie ebenfalls ein. »Eigentlich hatte ich vorgehabt, an diesem Tag etwas mit deiner Mutter zu unternehmen«, sagte Rita. »Bjørg und ich treffen Ragnhild und Hilde in Halvorsens Conditori, das haben wir schon im Sommer ausgemacht, wir haben bloß vergessen, das Rote Kreuz, oder nein, ein rotes Kreuz im Kalender zu machen.« Ragnhild, Tochter des Reeders Albert Bohre, war die Cousine von Lailas Mutter und Hilde ihr einziges Kind. Sie wohnten in Vålerenga. »Na, dann verlegen wir das Halvorsens doch einfach hierher«, sagte Laila, »als Vorwand, dass wir uns hier treffen. Ich verspreche dir eine Torte, die mindestens genauso gut ist wie im Halsvorsens.«
»Ja, vielleicht wäre es das Beste, in dieser traurigen Stunde zusammenzuhalten«, sagte Rita.
Damit war für diesen Donnerstag Ende August der Kaffeetisch gedeckt, und besonders nett fand Laila, dass ihre Mutter bei ihr zu Besuch war – das kam inzwischen immer seltener vor. Sie versammelten sich im Wohnzimmer, alle das Gesicht einem Tandberg-Fernsehgerät zugewandt, einem Produkt, das Lorang Berger, Lailas Vater, seinerzeit stolz von seinem Arbeitsplatz nach Hause getragen hatte, ein Apparat mit einem Kasten aus Teakholz und einer praktischen Tür, die vor den Bildschirm geschoben werden konnte, doch hier und jetzt wollte keine von ihnen etwas zwischen sich und die Schwarz-Weiß-Bilder schieben, deren Ausstrahlung bewirkte, dass auch der Rest des Landes, zumindest aber der Großteil der Bevölkerung, völlig gefesselt vor den Fernsehgeräten saß. Vor einigen Monaten noch waren auf demselben Bildschirm Bilder von beunruhigenden Ereignissen wie den Morden an Martin Luther King und Robert Kennedy, von den Studentenunruhen in Paris und der Invasion in der Tschechoslowakei gezeigt worden, und auch wenn viele Menschen davon aufgerüttelt worden waren, gab es doch nichts, was das norwegische Volk lieber mitansehen wollte als das langsame Ritual, bei welchem die Kaufmannstochter Sonja Haraldsen mit dem Kronprinzen Harald vermählt wurde. Der Thronerbe hatte sich eine Frau aus dem Volk zur Gattin gewählt. Das stellte alles in den Schatten. Eine willkommene Ablenkung. Ein Märchen, an dem die meisten teilhaben wollten.
Lailas Vater zeichnete für die Marzipantorte verantwortlich. »Ich hätte Konditor im Grand Hotel werden sollen«, sagte Lorang Berger, als er sich mit dem Wunderwerk in der Tür zeigte, fast ebenso stolz wie früher, wenn er mit neuen Sensationen aus der Radiofabrik Tandberg nach Hause gekommen war. Sogar die Marzipandecke hatte er mit Krone und Herz und den Namen der Brautleute dekoriert. Er stellte das Teakholztablett – alles musste jetzt aus Teak sein –, mit dem Meisterwerk auf dem Tisch ab und zog sich zurück, indem er irgendetwas über einen Kameraden, das Lanternen und ein kaltes Pils murmelte.
Bjørg, Lailas Mutter, saß mit regungslosem Gesichtsausdruck am Tisch. Ragnhild hatte eine Hand leicht auf ihren Arm gelegt, und Laila beobachtete, wie sie ihn ab und zu drückte. Ragnhild war Kinderkrankenschwester in Ullevål, und Laila wusste, dass sie Bjørg oft nach Arbeitsschluss in Gaustad besuchte. Kaja wischte sich Tränen aus dem Gesicht, versuchte aber gleichzeitig, sie zu verbergen. Rita, ihre Großmutter, war dagegen rasend vor Wut. »Es ist furchtbar«, sagte sie. »Jetzt wurde der Kampf, Norwegen zu einer Republik umzugestalten, wieder für Jahrzehnte unmöglich gemacht.«
Laila versuchte, sie zum Schweigen anzuhalten. »Vergiss nicht, Großmutter, du bist jetzt in Rente, du solltest es ein bisschen ruhiger angehen.«
»Nur weil ich eine Emerita bin, habe ich nicht zu arbeiten aufgehört«, sagte Rita, »einmal Paläontologin, immer Paläontologin.«
»Warst du nicht im Sommer auf Spitzbergen?«, fragte Ragnhild.
»Ja, meine siebte Spitzbergen-Tour«, sagte Rita sichtlich stolz. »Mehr werden es kaum werden. Aber du weißt ja, ich musste mir diese Dinosaurierfußspuren in den Kreidezeitschichten am Grønnfjord ansehen. Genauso alt wie das Patriarchat.« Sie lachte und zwinkerte Hilde zu. »So weit oben im Norden hat man solche Spuren noch nie gefunden. Ein Beweis für die Kontinentalverschiebung. Diese Landstücke müssen einst viel weiter südlich gelegen haben.«
Hilde, Ragnhilds Tochter, schien sich über Rita Bohre zu amüsieren. Oder ihr Anerkennung zu zollen, weil sie als ältere Frau immer noch aufbegehrte. Hilde war in einem dünnen Afghanenmantel und mit blauer John-Lennon-Brille erschienen. Rußschwarze Augen und Sommersprossen über der Nase. Laut Ragnhild saß sie die meiste Zeit in ihrem Zimmer und hörte sich Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band und ähnlich unbegreifliche Musik an. Das heißt, während sie nebenbei ihr letztes Jahr an der Berufsschule absolvierte. Laila schielte neidisch zu ihr hinüber. Sah sich selbst vor zehn Jahren, als ihr noch alle Möglichkeiten