Jan Kjaerstad

Femina erecta


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in jenem Dezennium vom Stapel gelassen wurde: die MS Bergensfjord, ein Schiff, das die Tradition der DS Bergensfjord weiterführen sollte, die, bevor sie schließlich verkauft wurde, 33 Jahre lang für die Reederei im Einsatz gewesen war.

      Aus diesem Grund stand Laila so verliebt vor der neuen Bergensfjord. Kein anderes Schiff war mit solchen Kurven ausgestattet – wenn, dann höchstens die bereits erwähnte Stella Polaris, mit ihren Linien, die wie von den Sternen herabgeholt wirkten. Bis dahin hatte Laila kein Wasserfahrzeug bestiegen, das größer war als die Nesodd-Fähre zur Halbinsel nahe Oslos, doch nun befand sie sich plötzlich an Bord eines schwimmenden Palasts oder, warum nicht, einer ganzen kleinen Stadt: Sie hatte sich diese Welt nie vorstellen können, die gut hundert Kabinen für die Passagiere der ersten Klasse und die fast achthundert in der Touristenklasse. Obwohl die Reisenden dazu angehalten wurden, sich in ihrem Teil des Schiffs aufzuhalten, konnte Laila sich nicht zurückhalten, sondern packte die Gelegenheit beim Schopf, um sich frei auf dem Schiff zu bewegen, sich einen Eindruck zu verschaffen von dem Leben auf den Sonnendecks, auf dem Sportdeck und dem Promenadendeck, wo sie die verschiedenen Gerüche des Schiffs inhalierte, angefangen beim Bug bis hin zur Brücke, Treibstoff, Putzmittel, Parfüm, Salzwasser. Sie warf einen Blick in die Speisesäle, in denen die Mahlzeiten mit einem Glockenspiel oder durch einen Gong angekündigt wurden und wo es Fruchtcocktail, Schildkrötensuppe mit Sherry, gefülltes Mignon Rossini, Omelette Surprise und Champagne Sherbet zu essen gab; sie schlich sich für einige Sekunden in die Salons und Festsäle, in die Bars und ins Verandacafé, in den Wintergarten und in die Bibliothek, zum Swimmingpool und in den Gymnastiksaal auf Deck D, lief mit blinzelnden Augen umher, denn es fehlte wirklich an nichts, nicht einmal dann, wenn einem der Sinn danach stand, sich die Haare schneiden oder sich rasieren zu lassen, oder wenn man – Gott behüte – krank wurde.

      Die größte Überraschung bot für sie jedoch die Dekoration. In den Speisesälen und Salons waren Arbeiten der besten norwegischen Maler und Holzschnitzer, Keramiker, Textil- und Glaskünstler ausgestellt, und als Laila im Speisesaal der Touristenklasse Per Krohgs riesiges, sich über eine ganze Wand erstreckendes Gemälde Journey of Dreams bewunderte, dachte sie sich dieses Schiff wie das Osloer Rathaus, ein Stück repräsentatives Norwegen, das wie ein verlockendes Werbeplakat übers Meer schwamm.

      Selbstverständlich gab es auch ein Orchester an Bord, das an mehreren Orten auf dem Schiff spielte – auf dem Promenadendeck etwa, wenn das Wetter schön war –, jedoch fand Laila nur abends Gelegenheit, es sich anzuhören, im Festsaal draußen an der Hufeisenbar der Touristenklasse. Für gewöhnlich schlich sie sich nach oben, stellte sich nahe an die Tür und tat, als warte sie auf jemanden. Die Passagiere saßen an kleinen Tischen im Kreis um eine freie Fläche, auf der einige Paare tanzten, und für ein paar Sekunden war es ihr unmöglich, nicht daran zu denken, dass sie noch vor wenigen Tagen mit einem waschechten Kronprinzen Swing getanzt hatte.

      Während sie von draußen zuhörte, summte sie die bekanntesten Melodien mit und studierte die fünf Musiker auf dem Podium, alle in schwarze Hosen und schwarze Smokingsakkos gekleidet, doch anstatt ihren Blick auf den Trompetenspieler zu heften, war ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Bassisten gerichtet, den Mann, der zwischen dem Orchesterleiter am Flügel und dem Schlagzeuger stand und sein großes Instrument balancierte, denn er war der einzige Schwarze, und tatsächlich mochte sein Gesicht an jenes von Miles Davis auf dem Cover von Milestones erinnern, wo er auf einem Stuhl lungerte und einen mit prüfendem Blick ansah. Laila hatte dieses Bild sehr oft angestarrt, und es war, als ob sie in dem Blick des Mannes hinter dem Kontrabass auf dem Podium eine Erwiderung fände. Ihr war klar, dass er ein außerordentlich fähiger Musiker sein musste, ansonsten hätte er diesen Job nicht bekommen, sie hatte auf dem Schiff sonst keinen einzigen schwarzen Menschen gesehen – er war ihr sofort nach dem Rettungsbootmanöver am ersten Tag nach dem Ablegen aufgefallen, ein Gesicht, das unter all den weißen herausstach. Laila lauschte heimlich, hörte, wie gut er war, hörte es an dem Ton, denn in seinen Bassläufen steckte ein Singen, das sie sonst für gewöhnlich nicht hörte, ein eigentümlicher Drive oder wie sie es nennen sollte. Wie sehr er von den anderen Musikern geschätzt wurde, war auch an dem fortwährenden Nicken und den anerkennenden Blicken abzulesen, besonders zwischen ihm und den beiden Bläsern, dem Saxofonisten und dem Trompeter.

      Er sticht wirklich heraus, dachte sie auf dem Weg in ihre Kabine. Ein stolzes, aristokratisches Antlitz. »Cooler« als irgendjemand sonst an Bord.

      Es war einer der letzten Abende, und während die Orchesterleute ihre Sachen zusammenpackten, blieb Laila noch stehen. Der Bassist kam auf sie zu – sie war ihm natürlich aufgefallen, nachdem sie mehrere Abende hintereinander dicht neben der Tür gestanden hatte – und fragte sie, vorsichtig, höflich, ob sie eine Runde an Deck mit ihm spazieren wolle, er könne ein wenig frische Luft gebrauchen. Auch in seiner Stimme lag ein besonderer Rhythmus, in der Art, wie er sprach. Ihr fiel der hässliche Blick auf, mit dem der Kellner, der die Gläser von den Tischen abräumte, sie bedachte – oder ihn, den schwarzen Mann, der sich die Freiheit nahm, sich mit einer weißen Frau zu unterhalten.

      Sie gingen hinaus, nach oben, bis ganz auf das oberste Sonnendeck. Er hatte zwei Coca-Cola geholt. Niemand sonst war dort. Es war ein stiller Abend, und die Luft wirkte eher angenehm kühlend als kalt. Der Kielwasserstreifen, weiß in der Dunkelheit, hing wie ein langer Schweif hinter dem Achterende. Das Meer war ruhig und der Himmel zeigte alles, was er an Sternen zu bieten hatte, auch Stella Polaris, den Polarstern. »Wir sind an Bord eines Raumschiffs«, sagte er. »Oder einer riesigen Füllfeder«, sagte sie. Er hieß Richard Ellison und kam aus Washington. Er legte seinen Arm um sie und fragte, ob ihr kalt sei. Ohne langes Drumherum lehnte sie ihren Kopf an seinen Hals und musste dabei an die Blume denken, die sie als Kind am liebsten gemocht hatte, das Stiefmütterchen, zu dem sie auch »Tag und Nacht« gesagt hatten. Später erinnerte sie sich nicht mehr, worüber genau sie gesprochen hatten, in ihrem Körper pochte ein Puls, den sie nie zuvor gespürt hatte und der jedenfalls nicht dagewesen war, als sie mit dem Kronprinzen getanzt hatte, und das Ganze endete damit, dass sie zusammen nach unten gingen und ohne ein Wort eine Kabine fanden, in der sie für ein paar Stunden allein sein konnten, und auch von diesen Stunden hatte Laila nicht viel in Erinnerung behalten, sie fühlte sich unwiderstehlichen Kräften ausgesetzt, angeschmiegt an einen Körper voller Musik, in einer kleinen Kabine auf einem riesigen Schiff auf einem der Weltmeere, und sie war klein und gleichzeitig unendlich groß.

      Sie bereute es keine Sekunde. Sie glaubte erst auch nicht, dass jemand sie gesehen hatte.

      Aber jemand hatte sie gesehen.

      Das wurde ihr bereits klar, als sie in der Mannschaftsmesse ihr Frühstück aß. Viele seltsame Blicke, auch von einigen der Frauen, die achteraus in der Wäscherei arbeiteten. Vielleicht nicht unbedingt böse gesinnt, sondern eher, als könnten sie nicht glauben, was sie soeben gehört hatten.

      Erst am Abend – am letzten Abend, an dem das Farewell Gala Dinner stattfand –, fiel ihr auf, dass Richard verschwunden war. Als das Orchester im Festsaal zu spielen begann, fehlte plötzlich der Bassist. Laila hörte sich um. Nein, es habe ihn niemand gesehen. Schließlich fragte sie den Purser. »Haben Sie den Orchesterbassisten gesehen?«

      Er blickte sie scharf an. »Sie meinen den Neger?«

      »Ich meine Mr. Ellison«, sagte Laila.

      »Er ist verschwunden«, sagte der Purser. »Wir haben überall nach ihm gesucht, er ist spurlos verschwunden.«

      »Aber ein Mann« – um ein Haar hätte sie gesagt: ein schwarzer Mann – »kann doch nicht einfach verschwinden.«

      Sie wagte nicht, den Gedanken zu denken, aber der Purser dachte ihn für sie. »Wir fürchten, er könnte über Bord gegangen sein. Es wird erzählt, er soll heimlich getrunken haben. Sehr traurig. Aber Sie wissen ja, wie die sind, die Neger«, sagte er und schnitt eine Grimasse. »Vielleicht war er betrunken und wollte frische Luft schnappen« – es war, als hörte Laila »trunken vor Liebe« in ihrem Kopf. »Vielleicht musste er sich übergeben und hat sich über die Reling gebeugt, da kann man leicht das Gleichgewicht verlieren.« Der Purser machte eine Pause, und Laila kam es vor, als ob er ihr einen vorwurfsvollen Bick zuwarf. »Es könnte natürlich auch Selbstmord gewesen sein«, fuhr er fort und zupfte leicht an seiner stattlichen Uniformjacke. »So was kommt vor. Und wenn es in der Nacht passiert, fällt es keinem