Jan Kjaerstad

Femina erecta


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die schweren Kämpfe beim Hotel Klækken, direkt neben ihrem Heimatort, ansonsten aber verbrachte sie die Zeit hauptsächlich damit, ihn mit ihren außergewöhnlichen, auf- und zuklappenden Augenlidern zu betrachten und ihn reden zu lassen. Er hatte den Eindruck, dies sollte nur als Einleitung dienen, wusste aber nicht, für was. Er hatte viel über den Vorfall am Nibbitjern nachgedacht, über die Nacht, die sie zusammen verbracht hatten, über den Kuss, den sie zu seiner Überraschung erwidert hatte – wie das Rucken an der Angelschnur in einer Nacht, in der man nicht mit einem Fang rechnet. Aber er hatte gewusst, dass sie in seinen Bruder verliebt war. Es war Untreue. Deswegen, dachte er, war sie jetzt ihm gekommen. Wegen Harald.

      Dann war sie verschwunden. Sie wohnte irgendwo im Stadtteil Grønland. Anfang Juni aber stand sie wieder da, und diesmal wusste er, dass es für immer war. Sie fingen an, echte Rendezvous zu haben. Einmal spazierten sie zum Frognerparken, um Vigelands Brücke zu bewundern, die kürzlich eröffnet worden war. Auf dem Tørtberg stand noch immer der hohe Bretterverschlag, der den Monolithen verdeckte. Langsam gingen sie an den frisch gegossenen Bronzeskulpturen vorbei. Sigurd wusste, dass seine Mutter für eine der Frauenfiguren Modell gestanden hatte, aber nicht, für welche, und sie wollte auch nicht darüber reden. Weil ihm der Gedanke daran peinlich war, erwähnte er es Maud gegenüber nicht. Mitten auf der Brücke blieb sie dann stehen und nahm seine Hände. »Ich bin schwanger«, sagte sie.

      Die Nacht im Krokskogen.

      Sie heirateten Ende August in der Randsfjord kirke, nur einen Steinwurf entfernt von der Glasfabrik, und zogen gemeinsam in Onkel Alberts Wohnung. Im Dezember kam Kaja zur Welt. Maud liebte ihn nicht, das wusste er, spürte er, aber sie gab sich ihm trotzdem hin, und er ließ es geschehen. Es war, als wären sie einen Pakt eingegangen. Er wurde nie wirklich schlau daraus, wie das mit ihnen beiden gekommen war, ob sie sich in einer Art Resignation einfach dem Nächstbesten in die Arme geworfen hatte, aber was ihn selbst betraf, war es aufrichtige Liebe. Auch ihre Eigenheiten lernte er zu schätzen, wie etwa ihre Angewohnheit, Kräuterschnaps aus kleinen, hübschen Gläsern zu trinken oder jede sich bietende Gelegenheit zum Lesen zu nutzen. Und obwohl er selbst kein Leser war, genoss er es, sie mit einem Buch in der Hand zu sehen, manchmal beobachtete er sie heimlich, wenn sie im Schneidersitz auf einem Sonnenflecken auf dem Teppich in der Stube saß und zwischendurch den Bleistiftstumpf über die Seite führte, als betriebe sie ein Handwerk, bei dem sie Maß nehmen musste. Dafür vergötterte er sie.

      Er nahm sein Jurastudium wieder auf, fühlte sich aber ruhelos. Die ganze Zeit über war er auf der Suche nach einer Möglichkeit, die ihm aus der Schande heraushelfen konnte – er erinnerte sich an Mutters Bericht über das Osebergschiff und an seine Großmutter, die ihm ins Ohr geflüstert hatte: »Du bist von Wikingergeschlecht, vergiss das nie!« Er musste Widerstand leisten, auf die eine oder andere Art. Und als ihm dann Karsten, dessen Vater bei der Gewerkschaft war, eine verbotene Ausgabe der Zeitschrift Fri Fagbevegelse zeigte, machte er sich daran, zusammen mit Karsten und Birger eine illegale Zeitung herauszugeben. Das war im Herbst 1941, nachdem die Deutschen alle Radiogeräte eingezogen hatten und die Menschen immer gieriger wurden nach Nachrichten, die ihnen Aufschluss darüber geben konnten, was in der Welt, und besonders in diesem Krieg, eigentlich vor sich ging. Birger nahm Kontakt zu einem Mann auf, der in seinem Garten am Vettakollen einen Radioapparat in einem Vogelhaus versteckt hatte, und Karsten beschaffte, über seinen Vater, sowohl das nötige Papier als auch den Mimeografen, den sie auf dem Dachboden über Birgers Wohnung in der Observatoriegata aufstellten. »Endlich bin ich Astronom!«, sagte Birger.

      Sie gaben der Zeitschrift den Namen Die Thermopylen, ein Zeichen für Widerstandsfähigkeit, und neben dem Kriegsüberblick, den Neuigkeiten aus London, nicht zuletzt über deutsche Verluste, verfassten sie eine Reihe der Artikel selbst. Das waren seine ersten Versuche, etwas zu schreiben, kleine Abrechnungen mit der Naziideologie, wiedergekäute Gedanken von Konrad Steen, in die er allerdings auch eigene Betrachtungen einstreute und dabei entdeckte, welch großen Gefallen er daran fand, auf der Schreibmaschine zu klappern, zuzusehen, wie die Buchstaben tief in die Matrize geschlagen wurden. Auch Maud schrieb für die Thermopylen, wobei Sigurd rasch merkte, dass das Schreiben bei ihr von einer ganz anderen Lust begleitet war als bei ihm, fast von einer Begierde, als fände sie endlich Verwendung für das, was sie immer in ihren Büchern einkringelte, als könne sie diese Einzelteile zu neuen, erbaulichen Erzählungen zusammenfügen. »Du weißt ja, ich werde Journalistin«, sagte sie. Sie schrieb über alles, angefangen von Ronald Fangens Roman Der Mann, der die Gerechtigkeit liebte bis hin zu Ratschlägen über den Mehranbau in Krisenzeiten, sogar hübsche, einfach gestaltete Zeichnungen konnte sie in die Folie ritzen. Mit hochgekrempelten Ärmeln saßen sie in Birgers Bude und arbeiteten, bisweilen belebt von einem Schluck White Horse aus einem nach wie vor gut gefüllten Lager. »Das hätte Platon gefallen!«, rief Birger. »Ja, endlich machen du und dein Platon sich mal ein bisschen die Finger schmutzig«, sagte Karsten.

      Die Zeitungspakete erreichten die Verteiler am Boden eines Kinderwagens, mit dem sie von der Observatoriegata aus weitertransportiert wurden, mit einer schlafenden Kaja obenauf. Maud, mitunter auch Sigurd, legten die Pakete an Geheimplätzen ab. Die Leute, die sie nachts holen kamen, wussten nicht, wer sie dort abgelegt hatte.

      Sie waren vorsichtig, äußerst vorsichtig. Trotzdem wurden sie erwischt. Das heißt, die Deutschen konnten weder die Redaktion noch ihre Räumlichkeiten ausfindig machen, aber Sigurd wurde geschnappt. Das war im März 1942. Er hatte alle Zeitungen ausgeliefert, hatte nur eine behalten, die er seiner Mutter, Rita, schenken wollte, damit sie stolz auf ihn sein konnte, damit sie sah, dass auch er etwas tat. Dass der Gips ab war. Drei stramme Gestapo-Männer hielten ihn an der Ecke des Schlossparks an, direkt vor seiner Wohnung. Er wurde für seine Waghalsigkeit bestraft, er hätte bedenken sollen, dass ein Mann mit Kinderwagen – mitten am Tag – Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde, und sehr schnell fanden sie das eine Thermopylen-Exemplar unter Kajas Matratze. Es half nichts, dass Kaja zu weinen anfing. Sie begleiteten ihn hinein. Zum Glück war Maud zu Hause und konnte sich um das Kind kümmern, während die Deutschen auf rücksichtsloseste Weise die Wohnung durchsuchten, allerdings ohne das Geringste zu finden. Ein Passant habe ihm die Zeitung zugesteckt, er habe sie wegwerfen wollen, sie sollten etwas Verständnis zeigen, sagte er in fast einwandfreiem Deutsch und erzählte sogar, sein Großvater, ein deutscher Architekt, habe gleich hier um die Ecke in Homansbyen gewohnt.

      Nichtsdestotrotz nahmen sie ihn mit zur Victoria Terrasse. Nach Sigurds Einschätzung wussten die Deutschen mehr, als sie zu wissen vorgaben. Hatte sie jemand verpfiffen? Oder nur ihn? Das Verhör verlief zunächst gemäßigt. Dann streng. Die ganze Zeit, während die Schläge auf ihn niederhagelten, dachte er, dass er es verdient habe, und hielt durch. Er wagte nicht, das später laut zu sagen, aber er genoss es beinahe, gefoltert zu werden, es linderte die Scham, das Gefühl, ein Verräter zu sein. Er hielt an seiner Geschichte fest. Tags darauf wurde er nach Grini gebracht.

      Für einige war Grini die Hölle. Monate in der Einzelzelle. Schraubstöcke. Nadeln unter die Fingernägel. Auch Sigurd war mitunter Peinigungen ausgesetzt und bekam Fäuste ins Gesicht, dennoch stellte seine Zeit hier einen positiven Wendepunkt dar: »Grini hat mich wieder zu einem Menschen gemacht«, sagte er gegen Kriegsende bei einem ihrer kurzen Besuche zu Maud. Er wusste, sie würde das nicht verstehen, denn wie konnte man etwas Positives verbinden mit einem Ort, der für die meisten der Inbegriff des Grauenerregenden und Diabolischen war?

      Von vielen wurde die außergewöhnliche Solidarität hervorgehoben, die sich zwischen den Gefangenen des Konzentrationslagers herausbildete, doch wenn man Sigurd Bohre fragte, waren das Wichtigste die Gespräche. Ja, über längere Phasen hinweg litten sie Hunger, wurden von den launischen, affektierten deutschen Offizieren schikaniert, mussten höllische Razzien, sadistische Nachtappelle, Strafexerzieren im Schlamm über sich ergehen lassen; sie lebten in der ständigen Gefahr, nach Deutschland verfrachtet oder schlicht und einfach hingerichtet zu werden – für Sigurd tat dies alles seiner inneren Freude, der Zufriedenheit, die er im Dialog, in den Diskussionen erfuhr, keinen Abbruch. In den ersten Monaten nach der Invasion war er verärgert gewesen, weil er, obwohl der Unterricht weiterhin stattfand und er hin und wieder den Lesesaal aufgesucht hatte, sein Studium nicht so intensiv betreiben konnte, wie er es wollte. Ihm fehlte die Motivation. Hier in Grini aber trat er in eine Universität ein, die alles in den Schatten stellte, was er sich je von einer Universität erträumt hatte.

      Für