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Sprachliche Höflichkeit


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Im näheren: „Gerade die Politik der eigenen Identität bedient sich der Gefühle als entscheidender Filter. Was als verletzend empfunden wird, ist anstößig. Und dagegen ist kein Argument gewachsen. Selbst die hehrsten Absichten zerschellen an den Klippen der Empfindsamkeit. Das gilt inzwischen für alle Gruppen, selbst für konservative Weiße. […] Es kann also jeder im Saft der eigenen Überempfindlichkeit schmoren.“ Die Konsequenzen für Lehrinhalte und -gegenstände sind verheerend: „Wenn StudentInnen sich erfolgreich beschweren können, daß ihnen ‚anstößige‘ Texte von Mark Twain und Edward Said (ein Beispiel von vielen) vorgesetzt worden seien, werden vorsichtige, karrierebewußte DozentInnen all jene Texte aussondern, die provozieren, verwirren und irritieren.“

      Und das haben andere ja auch schon mal angeordnet.

      „Die Sklaverei der deutschen Sprache ist in den Höflichkeitsformeln bis zum kriechendsten Unsinn gesunken und hat bloß dadurch die mehrsten Abstufungen des Knechtsinns gewonnen“, schimpfte Johann Gottfried Seume. Heute führt die Unterwerfung unter dekontextualisierende, outrierte, nicht selten fanatisch eingeklagte sprachliche Umgangsnormen zu erheblichen Einschränkungen von Entfaltungsmöglichkeiten. Der Blogger und Datenschutzaktivist Felix von Leitner, der entschieden für „mehr Empathie und eine Rückkehr zum Solidargedanken“, für „mehr Zusammenarbeit und weniger Kämpfen, mehr Respekt voreinander“ eintritt, beklagt sich in einem Interview auf nachdenkseiten.de (20. September 2016) über eine Kampagne der Amadeu-Antonio-Stiftung gegen „Hate-Speech“, die in Kooperation mit dem Bundesfamilienministerium initiiert wurde. „Unter dem Label der Bekämpfung von ‚Hate-Speech‘ wird jetzt eine moralische Grundlage für das Unterdrücken von unerwünschten Meinungen im Internet geschaffen“, legt er dar. „Zensur ist ein inhaltlich neutrales Machterhaltungsinstrument, das den Eliten dient, um den Rest der Bevölkerung daran zu hindern, sich darüber auszutauschen, was das Problem ist, daß es überhaupt ein Problem gibt und man nicht der einzige ist, der sich das fragt – und was hiergegen getan werden muß. […] Für eine Zensurinfrastruktur reicht es in diesem Sinne bereits aus, wenn Menschen sich nicht mehr trauen, bestimmte Themen zu diskutieren oder bestimmte Thesen zu diskutieren, weil sie mit einem öffentlichen Pranger rechnen müssen, wie ihn die Amadeu-Antonio-Stiftung nicht nur vorgeschlagen, sondern bereits betrieben hat.“

      Den Meistermotzer und Eristiker Schopenhauer, der die Polemik ad personam und an die Adresse ganzer Gruppen von Menschen mit Wollust auf die Spitze trieb, würde man aus der Zunft der Philosophen ausschließen. Ebensowenig sähe der unbestechliche Herbert Wehner, der langjährige Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, in diesen Tagen der leeren, pflaumenweichen Politrhetorik der „Lächelmasken“ (Mießgang) noch Land. Er pflegte zu einer Zeit, als auf der Agora Konflikte mit politischen Kontrahenten mit notfalls erheblicher Schärfe, indes zivilisiert austragen wurden, die Kunst der Verbalinjurie, des gezielten Aktes verbaler Gewalt, wie kein zweiter. Wehners Schimpfattacken und -kanonaden, stets institutionell gerahmt, sind legendär, seine mit einer Rekordserie von Ordnungsrufen prämierten Schmähzwischenrufe sind Legion. Jeder Malediktologe hätte an Wehners Kreationen seine helle Freude: „Einstudierter Pharisäer!“ – „Wir können ja nicht auch noch die Dummheit verstaatlichen, die Sie verkörpern!“ – „Staatszwerg!“ – „Wenn man Sie sieht, vergeht einem die Lust am Kinderkriegen!“ – „Schämen Sie sich, Sie Frühstücksverleumder!“ – „Geistiges Eintopfgericht!“ – „Sie Salatöl!“

      Verschwunden oder im Verschwinden begriffen also ist in bestimmten Bereichen der einerseits medial deformierten, andererseits medial uniformen Öffentlichkeit die klärende, konfrontative, bisweilen anarchische Intervention. Dafür nimmt sich in der alltäglichen Interaktion, scheint’s, jeder überall zu jedem Zeitpunkt die Freiheit, der plansten und niedersten Gesinnung freien Lauf zu lassen. Thomas Mießgang konstatiert, daß in dem Maße, in dem der „strategische GrobianismusGrobianismus“ zurückgedrängt wurde (und wird), „die Erosion des Sittengesetzes“ sich fortsetzt, „sich das Vulgäre ausbreitet“ und sich der „Verfall der Umgangsformen“ beschleunigt. „Die Struktur menschlicher Affekte und ihrer Kontrolle“ (Norbert Elias) scheint vielerorts zu zerbröseln.

      Kaum noch jemand kann sich zum Beispiel in einer Lautstärke unterhalten, die aus dem Homo sapiens einen zivilisierten Menschen macht. An nahezu jedem Nebentisch in nahezu jedem Café sitzt eine Ansammlung von Peinfiguren, die ihre unmaßgeblichen Meinungen akustisch derart ostentativ ausbreiten, daß man sich die ridikülen Schweigekreise der achtziger Jahre zurückwünscht.

      Die Verrottung der Lebensumstände, sie schreitet offenbar unaufhaltsam voran. Die Unerträglichkeit namens öffentliches Leben, das nur mehr „Gesellschaftswiderwillen“ (Peter Handke) auslöst: Es ist der permanente monadenhafte, egozentrische Aufruhr, der sinn- wie ziellose Krawall, das unentwegte Affekt- und Affektiergehabe. Jürgen Kaube erkennt darin – bei aller Gleichförmigkeit solcher Aufspreizungen, bei aller Homogenität solcher „Selbstverwirklichungs“-Hampeleien, die nichts mit fröhlicher Pluralität gemein haben – das „Recht zur Normalabweichung“: „Individualität heißt also nicht Originalität und schon gar nicht, daß es möglich wäre, ein Leben diesseits gesellschaftlicher Prägungen zu führen.“ Denn all diese angeblichen Individualisten sind durch und durch nichts anderes als begeistert Angepaßte. Sie gehorchen ausschließlich dem unausgesprochenen Zwang zur Exaltation, konformistische „Identitätspflege“ (derselbe) ist Pflicht.

      Es ist aber nicht bloß das „Erlebnisvolk“ (Stefan Rose), das gewissermaßen als Autistenmasse auf jeden Anflug von Empathie pfeift; es sind nicht bloß die durch die Werbeindustrie, Aufpeitschermedien und andere soziopathisch-ideologische Apparate angestachelten und seelisch amputierten Unterklassen- und Randgruppenexistenzen, die durch die Welt ramentern, als gebe es weder Nachbarn noch Mitmenschen. Die spätkapitalistische Verelendung der Sitten und die Depravation der Gemüter, das insinuierte Naturgesetz befolgend, zu (über-)leben habe nur verdient, wer sich im Dauerkonkurrenzkampf lauter, härter, ungestümer, gemeiner und brutaler geriert als der Nächstbeste, machen vor keiner Schicht halt. Im Juste milieu, in den sogenannten bürgerlich-gebildeten Kreisen, sieht es keinen Deut besser aus.

      Die Schriftstellerin Kathrin Röggla spricht in ihrem Essay „Reden in Zeiten der VerrohungVerrohung“ (Le Monde diplomatique, Mai 2016) von der ubiquitären Zerstörung der „Würde der Rede“ (Frühwald), der überall erlebbaren „Aufkündigung des Gesprächs“ und den zahlreichen „VerrohungVerrohungskampagnen“ (eines ihrer Beispiele: Innenminister de Maizières Satz, „man dürfe sich nicht von Kinderaugen erpressen lassen und müsse diese Bilder eben aushalten“), und sie erzählt folgendes: „Meine Irritation setzte im letzten Jahr auch oft genug beim bürgerlichen Kulturpublikum an. Was ist mit dem Publikum los? fragte ich mich da. Denn plötzlich pöbeln sie, und auch wenn man mir zum Beispiel in der Akademie der Künste sagte, sie haben da immer schon etwas gepöbelt, pöbeln sie jetzt anders, irgendwie lauter. Sie, die kulturinteressierten Bürger, unterbrechen die Leute, die zu hören sie ja gekommen waren. Sie sagen nicht immer zu einem iranischen Pianisten: ‚Reden Sie gefälligst deutsch, wenn Sie in Deutschland spielen!‘ – wie im März in der Kölner Philharmonie, als dieser sich in englischen Worten ans Publikum wandte –, aber oft muß man sie daran erinnern, daß eine Podiumsdiskussion erst mal etwas ist, wo Statements auf dem Podium ausgeführt werden, die dann in einem zweiten Schritt diskutiert werden. […] Für mich stellt gerade die vermeintliche Harmlosigkeit dieser zunehmenden Pöbeleien einen Indikator dar, einen Indikator für eine gewaltige Schieflage in der öffentlichen Kommunikation. Warum kündigen diese Leute die Veranstaltungskonventionen auf? Geht es ihnen um verstärkte Sichtbarkeit, wollen sie mehr gesehen und nicht übersehen werden?“

      In der Cafeteria des geisteswissenschaftlichen Zweiges der Universität Frankfurt ist mir folgende Unterhaltung zu Ohren gekommen (die drei Frauen waren nicht zu überhören): „Diese Hartz-IV-Penner sollen das Maul halten.“ – „Es ist unglaublich, wie die sich aufführen.“ – „Die gehören in Zwangsarbeit gesteckt.“ Am nächsten Tag auf der Terrasse einer Speisegaststätte; zwei höhere Bahnangestellte, beide ungefähr Mitte dreißig; des einen Freundin ruft an; er: „Wieso bist du immer noch nicht da?! Dich mach’ ich rund, du Schlampe!“; und so weiter; nach dem Telephonat beginnt er gegenüber seinem Arbeitskollegen zu prahlen: „Wie ich die Alte heute fertiggemacht hab’, als es um den Posten