seine eigenen kommunikativen Erfahrungen, eventuell auch noch begrenzt historische Erfahrungen aus dem Umgang mit älteren Generationen einsetzen kann, ist man für die Vergangenheit auf schriftlich aufgezeichnete Texte angewiesen, die nur annähernde Sinndeutungen von Mustern erlauben, wenn zusätzliche Informationen, z.B. in Form von eingearbeiteten Interpretationen (vor allem bei literarischen Texten) oder in Form von Musterbüchern, zur Verfügung stehen (Linke 1996, 41ff.). So kommen für solche Rekonstruktionen auch nur wenige Textsorten in Frage: Literarische Texte, wie sie auch hier benutzt wurden, wenn sie sich einem -freilich selektiven und poetisch überformten – Realismus verpflichtet fühlen und daher auf musterhafte Erfahrungen ihrer Zeit in vergleichbaren anderen Texten beziehen lassen; Protokolltexte z.B. von Verhandlungen juristischer oder geschäftlicher Art, die allerdings auch eigenen Gestaltungs- und Selektionsprinzipien folgen;2 Lebenserinnerungen in Form von Tagebüchern oder Autobiographien, bei denen ebenfalls mit subjektiven Verkürzungen oder sogar Umdeutungen des realen Geschehens zu rechnen ist.
Zweifellos am interessantesten, aber nicht unproblematisch3 sind die sog. AnstandsbücherAnstandsbücher, die nicht nur mehr oder weniger begründete Standards höflichen Verhaltens liefern, welche in der einschlägigen Literatur (vgl. auch Krumrey 1984) in verschiedenen Varianten existieren können, sondern die auch anhand von krisenhaften Begegnungen mögliche DissonanzenDissonanzen zwischen verschiedenartigen Agenten (alt vs. jung, Damen vs. Herren, Vorgesetzte vs. Untergebene, Adlige vs. Bürger vs. „einfache Leute“) thematisieren oder sogar Entwicklungstendenzen andeuten. Als exemplarischen Fall möchte ich hier ein Anstands- bzw. „Complimentierbuch“ herausgreifen, das in einschlägigen Bibliothekskatalogen kaum nachzuweisen ist und auch in der umfangreichen Literaturliste von Linke (1996, 329ff.) nicht vorkommt: Der Titel lautet:
Echter / Anstand, guter Ton und feine Sitte, / als / bewährte Wegweiser durch das gesellige Leben; / oder / (zur allgemeinen Verständlichkeit) / Neuestes / Wiener-Complimentirbuch, / für Personen beiderlei Geschlechtes, / die sich in allen Verhältnissen des Umgangs mit ihren Neben- / menschen, wahrhaft angenehm und liebenswürdig zu benehmen wünschen.
Verfasser ist ein gewisser Franz Rittler, das Buch ist im Verlag Mayer und Compagnie, Wien 1834 erschienen.4
Die Intention dieses sich ausdrücklich in der Nachfolge Knigges sehenden Buches (mit 17 Kapiteln auf 276 gez. Seiten) richtet sich, wie es schon der Titel formuliert, vorrangig auf die „positive“ Höflichkeit als Vermögen, durch sein Verhalten einen guten, d.h. angenehmen und liebenswürdigen Eindruck auf andere Menschen zu machen, enthält aber auch reichlich Hinweise, wie man Menschen im geselligen Umgang den nötigen Respekt entgegenbringen oder die Achtung ihrer Persönlichkeit sicherstellen kann. Dementsprechend wird zunächst beschrieben und immer wieder an angeblich selbst erlebten „Scenen“ demonstriert,5 wie man durch Aussehen (Physiognomie), Körperhaltung und Kleidung („Tracht“) [Einleitung], dann durch das Sprachverhalten allgemein (Orientierung an der Standardsprache) und im Besonderen (mündlicher und schriftlicher Vortrag, Briefe) einen guten Eindruck bei anderen Menschen erzeugen kann [1. Abschnitt, Kapitel 1–5]. Der Unterstützung bzw. Sicherung dieses guten Eindrucks dienen dann Regeln zur äußeren Gestaltung bzw. „Belebung“ einer prototypischen gesellschaftlichen Situation, wie einer Abendeinladung; hier kommen dann Fertigkeiten wie das „Tafel-Arrangement“, die Technik des Tranchierens, Verhalten bei Spielen (Kartenspiel, Billard) und die Unterhaltung durch Kunstfertigkeiten zur Sprache [2. Abschnitt, Kapitel 6–10].
Für die hier angesprochene Dissonanzproblematik ist besonders der 3. Abschnitt des Buches [Kap. 11–17] ergiebig, denn nun geht es um den Umgang mit „verschiedenen Menschenklassen im Allgemeinen, in steter Berücksichtigung der mancherlei Verhältnisse“. U.a. werden dabei folgende potentiell krisenhaften Abstimmungen zwischen Beteiligten einschlägiger Interaktionen ins Auge gefasst: das Benehmen gegenüber Frauenzimmern, das heikle Verhalten bei der Applikation von Handküssen, die Auswahl von Menschen, mit denen man sich (nicht) umgeben soll, das problemorientierte Verhalten zwischen Schuldnern und Gläubigern und die Behandlung von Untergebenen.
Generell gründet sich das Idealbild eines Menschen „von echtem Anstand, gutem Ton und feiner Sitte“ auf Geistesbildung und bestimmten Grundtugenden (Bescheidenheit, Freundlichkeit […], Billigkeit […] und Wahrheitsliebe: S. 92ff.) die dann zu einer „gesetzten Denkungsart“ (S. 96) und einem ungezwungenen (natürlichen) Verhalten führen, das dazu befähigt, auch mit dissonantem Verhalten (Abgeschmacktheit, linkisches Wesen, Unverschämtheit) fertig zu werden, ohne die höherwertigen „Vorschriften der Wohlanständigkeit“ aufzugeben.6 In der Praxis des (ständisch gegliederten) Alltags ist jedoch diese harmonistische Konzeptionharmonistische Konzeption durch Rücksichten auf besondere Umstände zu modifizieren (S. 230f.):
Ein artiges und höfliches Betragen wird zwar jeder gesittete Mensch stets gegen einen Andern beobachten; er hat aber auch zugleich, gewisse Rücksichten auf das Alter und den Stand der Person, mit welcher er es zu thun hat und auf die unter ihnen gegenseitig bestehenden Verhältnisse zu nehmen. Aufmerksamer, zuvorkommender und submisser wird er in der Wahl seiner Ausdrücke, sogar in der Haltung des Körpers, gegen einen hohen Vorgesetzten, als gegen Seinesgleichen, vertraute Freunde und gute Bekannte, ganz anders gegen diese, als gegen Unbekannte, oder gegen Niedere und Untergebene seyn.
Zum Exempel:
Weit gegründetere Ansprüche auf Achtung und nachgiebige Bescheidenheit hat das, unter Erfahrungen aller Art, mit Ehren ergraute Haar des Alters, als der, die kostbarsten Wohlgerüche verduftende Lockenkopf einer vorlauten, gern alles meisternden Jugend. – Es gibt sogar gewisse Stände in der bürgerlichen Gesellschaft: z.B. alte Militäre, Seefahrer, Personen in früheren Hofdiensten und im Lehrfache ergraute Philologen, die im Allgemeinen, mit einer ganz eigenen Schmiegsamkeit in ihre Denkungsart und angenommene Lebensweise behandelt seyn müsssen, was bei Letzteren besonders durch jenen, bisweilen von Kindheit an genährten Glauben, an die Infallibität [Untrüglichkeit, D.Ch.] ihrer Kathederweisheit, noch um vieles vermehrt wird.
Modifizierende Anpassungen also ja, aber nicht um jeden Preis: Im Falle krasser Differenzen können Zumutungen an die „Contenance“ durchaus deutlich markiert und energisch abgewehrt werden:
Nicht weniger Vorsicht zur Vermeidung unangenehmer Reibungen, heischt das Benehmen gegen Künstler überhaupt, besonders Schauspieler, gegen abstracte Stubengelehrte und nur von sich selbst anerkannte Schöngeister, ganz vorzüglich aber gegen die Kaste der Recensenten und Kritiker von Profession, die, wie in Falten versteckte Wanzen, überall juckende Blasen beißen und nach Verdienst abgefertigt, noch aus Rache wenigstens – stinken.
Und anderer Stelle wird der Verfasser noch deutlicher:
Welch ein unaussprechlich süßer Genuß muss es für einen sellbständigen, sich seiner Vorzüge bewußten, independenten und edlen Mann seyn, ein solches Klotz [hier: einen ungebildeten Parvenu] durchaus in keinem Falle, nach einem anderen Maßstabe, als dem seines eigenen Benehmens zu behandeln und ihm dadurch den thörichten Irrthum seiner Voraussetzung, mit männlicher Energie radicaliter zu benehmen, ohne dabei die Grenzen des, nie außer Augen zu setzenden Anstandes zu überschreiten (S. 235).
Wen würde es auf dem Hintergrund solcher Reflexionen und Beispiele nicht reizen, literarische Darstellungen wie die Beschreibung des Verlaufs der heterogen zusammengesetzten Abendgesellschaft und ihrer Plaudereien in Fontanes „Frau Jenny Treibel“ (1892) neu zu lesen?
Literatur
Augst, Gerhard (1977). Zur Syntax der Höflichkeit. In: Ders. (Hrsg.) Sprachnorm und Sprachwandel. Vier Projekte zu diachroner Sprachbetrachtung.: Wiesbaden: Athenaion, 13–60.
Bayer, Klaus (1977). Sprechen und Situation. Aspekte einer Theorie sprachlicher Interaktion. Tübingen: Niemeyer.
Cherubim, Dieter (1999). Aggressive Höflichkeit. In: Eggers, Eckhard u.a. (Hrsg.) Florilegium Linguisticum. Festschrift für Wolfgang P. Schmid zum 70. Geburtstag. Frankfurt am Main etc.: Peter Lang, 35–54.
Cherubim, Dieter (2009). Höflichkeitsbalancen. Am Material literarischer Dialoge. In: Ehrhardt/Neuland (2009), 97–113.
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