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Sprachliche Höflichkeit


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kann sich jeder aufführen wie offene Hose.“ Das Niedermachen anderer sei üblich, sogenannte „Führungskurse“ brächten nichts. „Lustgewinn aus Demütigung, verstehst? Und nachher scheißfreundlich. Die Heuchelei ist Grundprinzip. Wie heißt’s? Anstand ist eine Zier, aber weiter kommt man ohne ihr.“

      Die Folgen des vom Soziologen Wilhelm Heitmeyer in zahllosen empirischen Details beschriebenen „rabiaten Klassenkampfes von oben“, der vor Jahren angezettelt worden ist, sind allenthalben zu gewahren – bei den Auftritten der, mit Karl Kraus zu reden, „elektrisch beleuchteten Barbaren“ in Scripted-Reality-Shows und in den Schlangen im Supermarkt und auf der Post und in den Chefetagen und sonstwo.

      Es scheine „mit der Angst vor dem Abstieg auch die Bereitschaft zu wachsen, sich im Verteilungskampf mit härteren Bandagen Vorteile zu verschaffen“, liest man auf der Website des WDR. Die Deregulierung des Sozialen ist weit vorangeschritten. Große Teile der Gesellschaft befinden sich im oder fürchten den „ständigen Abstiegskampf“ (ein winziger Teil organisiert ihn), sagt Oliver Nachtwey vom Frankfurter Institut für Sozialforschung (Spiegel Online, 14. August 2016). Der „gesteigerte Wettbewerb“ sei, erläutert er, „heute so schwer als solcher erkennbar, gerade weil er im Namen der Selbstentfaltung stattfindet“. Man denke etwa „an die sogenannten Helikoptereltern. Die sagen häufig, sie schicken ihr Kind schon mit vier Jahren zum Mandarinlernen, damit es gebildet ist. In Wirklichkeit wollen sie aber auch, daß es in Zukunft, wenn es noch viel härter wird da draußen, der Konkurrenz standhalten kann. Gerade in linken, liberalen Milieus findet sich diese Lebenslüge: Man ist ja immer für soziale Integration auf allen Ebenen – aber nicht mehr, wenn es um den eigenen Nachwuchs geht.“

      Man ist geneigt, den „allgemeinen Kompetitionslärm“ (Joseph Vogl) soziolinguistisch auf den Begriff zu bringen. Bei Valentin Volosinov (Marxismus und Sprachwissenschaft – Grundlegende Probleme der soziologischen Methode in der Sprachwissenschaft, 1929) gilt das Wort (oder Wortzeichen), das „empfindsam die feinsten Veränderungen des gesellschaftlichen Seins“ wiedergibt, als multidimensionales, mehrfach gebrochenes „ideologisches Zeichen“. In ihm kollidieren die heterogenen Ziele und Weltansichten, es artikuliert „die Überschneidung unterschiedlich orientierter gesellschaftlicher Interessen innerhalb einer Zeichengemeinschaft“. Das Wort, eine Art Akzentuierungsagent der Konfrontation, der Text, die Rede, die „ideologische Kommunikation“ werden somit „zur Arena des Klassenkampfes“.

      Für Brecht war Freundlichkeit eine politische Kategorie, eine erlernbare Haltung, und „wo Freundlichkeit nicht geübt werden kann, wegen der Härte der Klassenauseinandersetzungen, leben wir in finsteren Zeiten“ (Christian Semler).

      Adorno notierte in den Minima Moralia, „daß in der repressiven Gesellschaft Freiheit und Unverschämtheit aufs gleiche hinauslaufen“ (§ 72). Und Richard Sennett hielt in Verfall und Ende des öffentlichen Lebens – Die Tyrannei der Intimität (Frankfurt/Main 1983) fest, Zivilisiertheit bedeute, daß man „nicht das eigene Selbst zu einer Last für andere macht“. – „Zivilisiertheit ist ein Verhalten, das die Menschen voreinander schützt und es ihnen zugleich ermöglicht, an der Gesellschaft anderer Gefallen zu finden.“

      Mir scheint, davon sind wir weiter denn je entfernt.

      Kulturhistorische Dimensionen

      Höflichkeitsdissonanzen. Zum Gebrauch unterschiedlicher Höflichkeitsformen in historischen Texten und Gesprächen

      Dieter Cherubim

      Politeness may be reconstructed as a means of controlling social distance, depending on the evaluation of situations and cultural factors. In managing politeness the communicative behaviour need not be symmetrical but can be complementary or even dissonant. Two examples from 19th century literary texts (Karl May, Thomas Mann) are used to illustrate how this was achieved and also commented in poetic contexts. Some examples from an Austrian guide for polite behaviour (so-called Complimentirbuch) of the early 19th century (Rittler 1834) are quoted to illustrate ways of resolving social conflicts without losing composure.

      1. Höflichkeitskonstruktionen und kultureller Kontext

      Höflichkeit ist ein soziales Konstrukt zur Steuerung von menschlichen Interaktionen, das im Kern auf Variationen von Distanz oder Respekt beruht und sich in unterschiedlichen, u.a. auch sprachlichen Formen äußern kann (Cherubim 2011, 4ff.). Dabei stellt das Höflichkeitsverhalten, das sich notwendig kommunikativen Akten und deren Wahrnehmung und Interpretation bei den Beteiligten verdankt, eine „mittlere“ Stufe von Beziehungssteuerung zwischen den Interaktanten dar: zwischen Formen eines „kalten“, feindseligen oder aggressiven Verhaltens auf der einen Seite und Formen eines „warmen“, freundschaftlichen oder sogar liebevollen Verhaltens auf der anderen Seite, und es ist janusartig beiden Extremen zugewandt (vgl. Schema 1). Denn feindseliges Verhalten kann aus pragmatischen Gründen auf ein distanziertes Verhalten reduziert werden und aus Respekt kann sich mit der Zeit und bei entsprechenden Bedingungen ein freundschaftliches Verhältnis entwickeln, seltener auch wieder umgekehrt.

      Schema 1

      Was Höflichkeit ist oder als höfliches Verhalten verstanden wird, ist so nicht nur variabel und instabil, sondern auch sprach- und kulturabhängigkulturabhängig, wie man es sich schon am klassischen Beispiel der Anredepronomina verdeutlichen kann: In engen, relativ geschlossenen Gemeinschaften braucht man im allgemeinen keine unnötigen Komplikationen mit mehreren situationsspezifischen Alternativen oder setzt sie, falls doch vorhanden, gerne durch Zusatzregeln („Ab 2000 m Höhe / unter Wasser wird geduzt!“) außer Kraft. Entwickelte Gesellschaften mit ihren Differenzierungen und komplizierten Übergängen zwischen einzelnen Bereichen oder Sphären tendieren dagegen zur Ausprägung mehrerer Möglichkeiten, die in der Sozialisation von Kindern oder bei der Integration von Fremden erst mühsam erlernt werden müssen; und dies gilt vor allem, wenn sie mit anderen Möglichkeiten wie z.B. dem Gebrauch von Eigennamen gekoppelt sind. Im Deutschen ist etwa die Anrede mit dem VornamenVornamen meist mit dem Duzen verbunden, während das Siezen die Anrede mit dem Familiennamen (plus vorangestellten Titeln) verlangt; Ausnahmen davon sind aber in bestimmten Berufsfeldern (Kaufhaus) oder engeren Arbeitsgemeinschaften (auch in der Wissenschaft) möglich (Heringer 2009). Im Standardchinesischen gibt es hingegen nur eine Anredeform, die aber nicht mit dem Gebrauch des Vornamens verbunden werden darf; eine dem Siezen vergleichbare Form der Anrede ist (wie auch im Schwedischen) nur für wenige honorative Anreden reserviert (Liang 2009). Auch für das Englische gibt es bekanntlich nur die eine Möglichkeit des you, und selbst das in älteren Texten oder in religiösen Zusammenhängen noch verwendete thou fällt nicht aus diesem Rahmen, sodass soziale oder situative Differenzierungen auf andere formelle Techniken zurückgreifen müssen. Höflichkeitskonzepte sind also stets Antworten auf zivilisatorische Prozesse, die dann ihre eigene, durchaus ambivalente Kraft (z.B. Differenzierung, Identifikation und soziale Kontrolle) entfalten können. Selbst der deutsche Ausdruck Höflichkeit zeigt noch diese historische Relativität, insofern die Kultivierung des guten Geschmacks bzw. der „feinen“ Unterschiede durchaus mit der Institution der Höfe bzw. der höfischen Gesellschafthöfischen Gesellschaft in der Frühen Neuzeit zu tun hatte.1

      Der konstruktive Charakter von Höflichkeit ergibt sich daraus, dass entsprechende Verhaltensweisen eben nicht absolut, sondern erst im Zusammenhang oder als Ergebnis interaktiver Akte als mehr oder weniger höflich, nicht-höflich oder sogar als unhöflich bestimmt werden können und dass sie eine Verarbeitung unterschiedlicher Faktoren voraussetzen: vor allem von Intentionen, die dabei verfolgt werden, von Höflichkeitsregeln, die in verschiedener Form (z.B. durch kommunikative Praxis oder Regelbücher) vermittelt werden, und von Situationseinschätzungen, die selbst wieder komplexer Natur sind (Bayer 1977). Dabei wird oft davon ausgegangen, dass der Gebrauch von höflichen Verhaltensweisen eine Art SymmetrieSymmetrie, d.h. den Bezug auf gleiche oder wenigstens vergleichbare Höflichkeitskonzepte beinhalte, sodass Höflichkeit und Unhöflichkeit den gleichen Maßstäben unterliegen. Dies ist aber eine kontrafaktische Annahme, die nicht der vielseitigen Realität des Höflichkeitsmanagements in kommunikativen Zusammenhängen und damit auch nicht unseren