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Sprachliche Höflichkeit


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Verhalten ersetzt. Ebenso fehl am Platz erscheint sie auch in ganz persönlichen Situationen (z.B. bei Liebeserklärungen); hier kann sie sogar kontraproduktiv wirken.1

      Wie Höflichkeit aktuell konstruiert bzw. fortlaufend rekonstruiert wird, ist so ein Akt der BalanceBalance, bei dem Intentionen und Situationseinschätzungen der Beteiligten miteinander verarbeitet und die dabei mehr oder weniger bewusst unterstellten Höflichkeitsregeln auf ihre Anwendbarkeit und Geltung hin überprüft werden müssen. Dabei erwecken Anstandsbücher bei ihren Demonstrationen von gesellschaftlich relevantem Höflichkeitsverhalten (der „feinen Art“, wie es früher gern hieß) oft den Eindruck, als gäbe es nur die Alternative zwischen regelkonformem („höflichen“) und regelabweichendem („unhöflichen“) Verhalten, während in der Realität, z.B. bei unterschiedlichen sozialen Konstellationen eine größere Bandbreite von Möglichkeiten des Einsatzes von Höflichkeitstechniken oder Höflichkeitsverstößen beobachtbar ist. Darüber hinaus wird leicht der Eindruck vermittelt, gute Höflichkeit erfordere eine gewisse Kooperativität zwischen den Beteiligten, die sich u.a. in Symmetrien oder der Reziprozität des Verhaltens zeige. Tatsächlich dürften sich aber den beobachtbaren Konsonanzen ebenso häufig Dissonanzen, z.T. als bloß fakultative Varianzen, z.T. als Konfliktmarkierungen an die Seite stellen lassen. Nehmen wir wieder ein Beispiel aus dem Alltag.

      Der in so vielen Sprachen und Kulturen beliebte Tageszeitgruß (Guten Tag!), der meist nur noch als reduzierte Wunschformel verstanden wird oder sogar bloß noch ein semantisch leerer HöflichkeitsmarkerHöflichkeitsmarker ist, wird im Normalfall mit einem symmetrischen Respons (_guten Tag!) verbunden. Abweichungen von dieser Praxis z.B. in der Umgangssprache sind aber sehr häufig und aus verschiedenen Gründen beliebt: So werden als Reaktionen gerne verkürzte Varianten (’n Tag! bzw. Tach!) eingesetzt, die je nach Tonfall positive (Kollegialität, Vertrautheit) oder negative Bedeutungen (Desinteresse, Abwehr) signalisieren können. Durch Aufwertung mit Diminutiv (Tachchen!) kann dabei eine negative Funktion der Verkürzung wieder aufgefangen werden. Die Neutralität des Standards (Guten Tag!) kann durch Nutzung regionaler Varianten (z.B. Moin in Norddeutschland, Grüß Gott! im Süden) oder ein Hallo als Lockerungsübung), weiterhin durch fremdsprachige Alternativen (Hey! Salus!) korrigiert und mit zusätzlicher Bedeutung aufgeladen werden, wobei das bei unterschiedlichen Situationseinschätzungen aber auch falsch (z.B. als Aufdringlichkeit oder Affektiertheit) verstanden werden kann. Eine pointierende, silbenbetonende Aussprache wird eher als Anzeichen größerer Formalität, eventuell sogar konfliktindizierend gedeutet; das gilt auch für Erweiterungen der Grußformel durch Titel und Namen. Nur die Grußformel zu benutzen kann darauf hinweisen, dass kein Gesprächskontakt möglich (Eile) oder erwünscht ist (Vermeidung); wird er jedoch gewünscht, folgen häufig Fragen nach dem Wohlbefinden, bei der wiederum eine minimale (lakonische) Replikation (gut!) wiederum kontraproduktiv wäre. Wie dies alles aber im konkreten Fall im Sinne einer Höflichkeitsgestaltung interpretiert und eingesetzt wird, muss jeweils Schritt für Schritt von den Beteiligten unter Nutzung verschiedener Informationen rekonstruiert und im Fortgang der Interaktion überprüft werden.

      Während dissonante Höflichkeitsgestaltung dieser Art sich nur auf einzelne sprachliche Mittel bezieht und Fehlinterpretationen dabei leichter durch Korrekturen, notfalls auch durch metakommunikative Vergewisserungen repariert werden können, macht der Gebrauch unterschiedlicher Höflichkeitsstile erheblich mehr Schwierigkeiten. Das kann z.B. generational (Jugendliche vs. Erwachsene), sozial (Unterschicht vs. Mittelschicht) oder regional (Dialekt vs. Standardsprache) bedingt sein, kann aber auch mehrdimensional (z.B. Dialekt- vs. Schicht- vs. Generationenkontraste) fungieren. Ein besonders schönes Beispiel dafür hat Thomas Mann mit einer Szene in den „Buddenbrooks“ (1894) geliefert, wo der Münchner Permaneder nach Lübeck kommt, um bei der Familie des Senators um die Hand der Schwester Toni anzuhalten. Da ich auch diese literarische Szene ebenfalls schon an anderer Stelle in ihrem Ablauf genauer behandelt habe (vgl. Cherubim 2009, 106ff.), kann ich mich hier auf die Verdeutlichung einiger DissonanzenDissonanzen und ihrer Folgen für die Höflichkeitsgestaltung im ersten Gespräch beschränken.

      Die Szene (Teil VI, Kap. 4), die ja ebenso durch charakterisierende Hinweise des Erzählers oder der Figuren interpretativ abgesichert wird, lebt vor allem vom Gegensatz zwischen zwei Welten, was primär am Sprachverhalten verdeutlicht, aber ebenso auf anderen damit verbundenen Ebenen sichtbar gemacht wird. Dabei wird der Unterschied zwischen süddeutschem (bair.) Dialekt und norddeutscher Umgangssprache2 gerade auch als soziale Differenz zwischen einer groben, direkten Sprechweise des Besuchers, die weniger Rücksicht auf die Adressaten nimmt als darauf abgestellt ist, die eigene Befindlichkeit zu artikulieren, und einer „feineren“, beherrschten Sprechweise der alten Konsulin, die Verbindlichkeit intendiert, notfalls aber auch ins Unverbindliche ausweicht, dargestellt. Für das Dienstmädchen mit seiner einfacheren Weltsicht ist es sogar eine Differenz zwischen „deutsch“ (dütsch) und „nichtdeutsch“. Die Grobheit der Sprechweise des Besuchers wird paraverbal durch Merkmale wie „laut“, „(starke) Betonung“, „knorrig“ gekennzeichnet; ihrer als unkultiviert3 und aufdringlich empfundenen Wirkung entsprechen Erscheinung und Bekleidung des Gastes ebenso wie seine Mimik und Gestik (vertrauliches Blinzeln, unruhige Handbewegungen). Vor allem aber sind es die durchgängige Neigung zu direkten Gefühlsausbrüchen (Äußerungen des Unbehagens, der Freude) und vereinnahmende dialogische Formeln wie gelten’s, die das Selbstbild der um Beherrschung ringenden Konsulin mehrfach in Frage stellen:

      Die Konsulin hatte sich nun völlig erhoben und trat mit seitwärts geneigtem Kopf und ausgestreckten Händen auf ihn zu …

      „Herr Permaneder! Sie sind es? Gewiß hat meine Tochter uns von Ihnen erzählt. Ich weiß, wie sehr Sie dazu beigetragen haben, ihr den Aufenthalt in München angenehm und unterhaltend zu machen … Und Sie sind in unsere Stadt verschlagen worden?“

      „Geltn’s, da schaun’s!“ sagte Herr Permaneder, indem er sich bei der Konsulin in einen Lehnsessel niederließ, auf den sie mit vornehmer Bewegung gedeutet hatte, und begann, mit beiden Händen behaglich seine kurzen und runden Oberschenkel zu reiben …

      „Wie beliebt?“ fragte die Konsulin …

      „Geltn’s, da spitzen’s!“ antwortete Herr Permaneder, indem er aufhörte, seine Knie zu reiben.

      „Nett!“ sagte die Konsulin verständnislos und lehnte sich vor, die Hände im Schoß, mit erheuchelter Befriedigung zurück. Aber Herr Permaneder merkte das; er beugte sich vor, beschrieb, Gott weiß, warum, mit der Hand Kreise in der Luft und sagte mit großer Kraftanstrengung:

      „Da tun sich die gnädige Frau halt … wundern!“

      „Ja, ja, mein lieber Herr Permaneder, das ist wahr!“ erwiderte die Konsulin freudig, und nachdem dies erledigt war, trat eine Pause ein. Um aber diese Pause auszufüllen, sagte Herr Permaneder mit einem ächzenden Seufzer:

      „Es is halt a Kreiz!“

      „Hm … wie beliebt?“ fragte die Konsulin, indem sie ihre hellen Augen ein wenig beiseite gleiten ließ …

      „A Kreiz is!“ wiederholte Herr Permaneder außerordentlich laut und grob.

      „Nett“, sagte die Konsulin begütigend, und somit war auch dieser Punkt abgetan.

      Auch andere Seiten dialektal geprägter Direktheit, z.B. eine brüske Reaktion auf ein höflich gemeintes Kompliment der Konsulin („Is scho recht. Davon is koa Red“), später noch die anbiedernde Anrede (Herr Nachbohr) und die unverstellte Demonstration bäuerlicher Schläue („ungewöhnlich hurtiger Blick“) gegenüber dem jungen Konsul kommen hier zum Zuge. Kein Wunder also, dass dies von der Familie beim späteren „Nachverbrennen“ als Stilwidrigkeit und fehlende Weltläufigkeit (Provinzialität) eingeschätzt wird, mit der man im Höflichkeitsmanagement schwer zu Recht kommt, sich bisweilen auf Unverbindlichkeiten zurückziehen muss wie die alte Konsulin („ein angenehmer Mann“) oder über die man sich (hinterher) arrogant „moquieren“ kann.

      4. Mögliche Höflichkeitsdissonanzen In Anstandsbüchern

      Während man für