Dominik S Walther

Resonanzfrequenz


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ist nicht schwer, eins und eins zusammen zu zählen. Dafür kenne ich dich doch schon lange genug. Dafür haben wir zu viele Gespräche wie dieses geführt.«

      »Du verkennst den Ernst der Situation!«

      Stefano lässt die leere Bierflasche in seiner Hand rotieren. Die Worte hallen in ihr nach. Sie klingen hohl. Die linke Augenbraue bewegt sich überraschend und fragend auf den zurückweichenden Haaransatz.

      »Du bist mir weniger ein Rätsel, als du es dir selbst bist.«

      Ohne eine Replik abzuwarten quetscht Stefano sich aus der engen Wandnische und schlendert durch die Studentengruppen zum Tresen. Sonntagabend. Die Palästina–AG hat im Gemeinschaftsraum direkt nebenan getagt. Inzwischen sind die arabischen Studenten herüber gekommen, träufeln Tabascosauce auf ihre Chips und trinken eiskaltes Bier aus kleinen Flaschen. Brent grinst verlegen. Auch dieser Abend wird noch lange dauern.

      Stefano lehnt am Bartresen, er wechselt einige Worte mit dem Studenten dahinter. Er hat ihn bestimmt beim Vornamen angesprochen, denkt Brent. Stefano ist so ein Typ. Er merkt sich Namen. Er freut sich, wann immer er ein bekanntes Gesicht sieht und lässt den anderen an seiner Freude Teil haben. Brent dagegen muss Platz haben, Räume in denen er keine sozialen Verpflichtungen verspürt. Diese Kneipe ist wie eine Fortsetzung seiner Reisen: man fühlt sich nie unwillkommen, aber auch nie wirklich heimisch. Die perfekte Mischung. Hier kann er sich voll und ganz auf das Gespräch konzentrieren. Sonst nichts. Keine Verpflichtung gesellig zu sein. Aus diesem Grund hat Brent sich entschieden, keine Nähe zu den Menschen in dieser Kneipe entstehen zu lassen, obwohl ihm einige der Gesichter im Laufe der letzten Jahre vertraut geworden sind. Aber er verabscheut die Unhöflichkeit, ein fremdes Zusammensein mit der eigenen Präsenz zu stören. Das Bedürfnis nach Geselligkeit ist immer aufdringlich. Schon ein freundschaftlicher Gruß kann ein Besitzanspruch bedeuten und eine fremde Zweisamkeit belasten. Auch die Exklusivität ihrer Freundschaft verteidigt Brent. Eine Notwendigkeit, die Stefano trotz seiner Scharfsinnigkeit vernachlässigt.

      Als Stefano mit zwei Flaschen Bier und einem Teller salziger Erdnüsse zurück kommt, ergreift Brent sofort die Initiative. Um zu vermeiden, dass Stefano sich schuldig fühlt, beginnt er ansatzlos und schnell zu sprechen.

      »Du kennst mich weniger, als du meinst. Was sind vier Jahre? Du kennst mich als Student. Gut. Du kennst den Studien–Brent. Und du hast ein paar Eindrücke von meinen Reisen im Kopf. Fragmente, die ich dir erzählt habe. Aber du solltest nicht glauben, alles zu kennen. Damit machst du es dir zu leicht. Es gibt noch viele andere Brents. Es gibt Dinge an mir, von denen du nicht einmal ahnst, dass sie existieren.«

      Stefano zuckt mit den Schultern.

      »Na gut, Studien–Brent. Was gedenkst du denn zu machen? Lass mich wissen, was dein B–Plan ist. Es muss doch ein Exit–Szenario geben, bei deinem bewegten Leben.«

      Brent ist nicht sicher, ob Stefano sich wirklich einlässt, oder ob er bereits die nächste Attacke vorbereitet.

      »Ganz ehrlich?«

      Brent fixiert Stefano über den Hals seiner Bierflasche hinweg. Der Rauch ihrer Zigaretten, die im schwarzen Plastikaschenbecher zwischen ihnen glimmen, fängt sich in Stefanos langen Haaren. Qualm von vielen Gesprächen, aus vielen Mündern. Die billigen Wandlampen werfen nur schwache Lichtflecken ins Dämmerlicht. Auch die Kerze auf der mit dicken Wachsresten überzogenen Weinflasche spendet kein Licht, lässt lediglich Schattenflecken durch Stefanos Gesichter zittern. Es ist Zeit für die nächste Überraschung.

      »Ich denke darüber nach etwas ganz anderes zu machen. Etwas handfestes. Ein anderes Leben. Ein anderes Studium. Informatik vielleicht. Oder Maschinenbau.«

      Brent kann sehen, wie sich Stefano bemüht, die Verwunderung nicht anmerken zu lassen. Sein Gesichtsausdruck changiert zwischen Belustigung und Ärger. Seine Gedanken lassen sich ablesen: Macht er sich über mich lustig? Meint er das ernst? Was ist in ihn gefahren? Stefano kämpft, aber er hat wenig Chancen. Jetzt kann er nur noch ein guter Verlierer sein.

      »Informatik?«

      Das fremdartige Wort poltert aus Stefanos Mund, schlägt dumpf zwischen ihnen auf den Tisch, wo es liegen bleibt. Es sieht nach Steinkohle aus, schimmert feucht und metallen. Kleine Bruchstücke haben sich von ihm gelöst und auf dem dunklen Holz des Tisches verteilt. Stefano klingt irritiert.

      »Wie kommst du denn darauf?«

      Brent fährt

      »Drei Jahre altsprachlich–naturwissenschaftliches Gymnasium. Physik–Mathematik–Leistungskurs, Abiturnote Einskommadrei. Ich hatte Ehrgeiz und sogar Interesse daran. Das ist der Brent, der Programmiersprachen beherrscht und Software schreibt. Nur so zum Spaß. Du weißt, wie das mit dem Gehirn ist: alles bleibt irgendwo gespeichert. Ein neuronales Netz. Ich habe vor acht Jahren einen Preis für ein Schulprojekt gewonnen: die Computersimulation eines neuronalen Netzes. Alle Informationen schlummern in organischen Zellkonfigurationen, man kann nur nicht nach Belieben darauf zugreifen. Man kann versuchen, zu vergessen, aber das Vergessen lässt sich nicht steuern. Und ich habe mich schließlich damit abgefunden, dass es nicht passieren wird. Alles hat seinen Platz. Im Gedächtnis, aber auch im Leben. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, diesem Teil von mir wieder mehr Platz einzuräumen.«

      Brent zieht sein Hemd zurecht, das über seinem Bauch spannt und redet weiter.

      »Dieses Studium macht mich krank. Das Selbstverständnis dieser Leute kotzt mich an. Ihre Blasiertheit ekelt mich. Die Ignoranz der Naturwissenschaften und Techniker ist wenigstens weniger überheblich.«

      Er lässt Stefano die Chance, etwas auf seine Ausführungen zu erwidern. Aber Stefano ist noch mit seiner Überraschung beschäftigt. Er lässt die Chance ungenutzt vorüber ziehen.

      »Alles ist nützlich. Aber wir in unserem selbstverliebten, egozentrischen Kunstuniversum sind so ahnungslos. Technik? Naturwissenschaften? Fehlanzeige! Diese Künstler, Lehrer und selbsternannten Intellektuellen, die ohne fremde Hilfe keine Mail verschicken können finde ich lächerlich. Da hat niemand eine Vorstellung, was passiert, wenn er die Enter–Taste auf seinem Computer drückt. Noch schlimmer finde ich, dass die meisten nicht einmal Interesse haben, es herauszufinden. Und dann verströmen sie diese unglaublichen Arroganz, die ganze Welt erklären und verstehen zu können. Wir tun, als verfügen wir über das wichtige und richtige Wissen, nur weil wir ein paar Artikel über Andy Warhol und Judith Butler gelesen haben, ein Seminar über die frühen Kubisten belegen und wissen, wie Duchamp das Kunstsystem verarscht hat. Ästhetik, Kunstgeschichte und Theorie. Das ist uns wichtig, und wenn ein mittelmäßiger Galerist einem uninteressierten Kunden dein Bild aufschwatzen konnte, weil es farblich zur Wohnzimmereinrichtung passt, nennt man das Erfolg.«

      Brent wartet auf eine Reaktion, doch Stefano schaut ihm regungslos aber interessiert zu.

      »Dieses Studium geschieht im luftleeren Raum. Und ich will wieder atmen können. Kennst du die beiden Hauptsätze der Thermodynamik?«

      Stefano schüttelt langsam den Kopf.

      »Damit bist du nicht alleine. An unsrer Schule kann dir sicher niemand sagen, was sie sind und warum sie für alle physikalischen und chemischen Prozesse so zentral sind. Es ist, als ob man Kunst sammelt, aber noch nie von Picasso gehört hat.«

      »Oder von den Impressionisten?«

      »Du fängst also langsam an, mich zu verstehen?«

      »Allgemeinwissen einer modernen Gesellschaft! Anforderungen eines technisierten Zeitalters! So in dieser Art? Jetzt verstehe ich wenigstens deine Arbeiten. 'Entropiemessung einer Paarbeziehung', 'Resonanzfrequenz'. Jetzt macht vieles Sinn. Nein. Sinn macht es nicht. Es erklärt ein wenig, wie du auf diese merkwürdigen Titel gekommen bist. Schräg, mein Freund, ganz schräg. Aber großartig. Nur: Warum gleich alles hinschmeißen? Das verstehe ich nicht. Du meinst das ernst, oder?«

      Brent grinst.

      »Würdest du es mir denn glauben?«

      Stefano zuckt mit den Schultern.

      »Und ein anderes Studium anfangen?«

      »Warum nicht?«