Tom Bleiring

Die Chronik des Dunklen Reiches -Band 1-


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spürte, wie die Knochen brachen, dann stürzte er.

      >>Du bist ein Wurm, ein unwürdiges Nichts! , << hörte er Thalon sagen.

      >>Und meine Schwester ist eine Närrin, wenn sie an solche mythischen Kriegerwesen glaubt.

      Der Orden hat niemals existiert! Und wenn es ihn doch einmal gegeben hat, dann sind seine letzten Mitglieder schon vor Ewigkeiten gestorben.

      Andere, viel realere Mächte, wirken nun auf dieser Welt!

      Ich und meine Verbündeten werden wie ein Feuersturm über das Angesicht der Welt fahren und sie nach unseren Vorstellungen neu formen!

      Ihr aber, Gardehauptmann Gajon, sterbt in der Gewissheit, dass ich meine Schwester für ihren Verrat an ihrem neuen Herren hart bestrafen werde. <<

      Thalon stand nun genau über dem alten Soldaten und richtete seinen hasserfüllten Blick auf diesen.

      Der nächste Schlag, der Gajon traf, war derart gewaltig und brutal, dass sein Körper in die weiche Erde unter ihm gedrückt wurde.

      Sein Tod war schnell, aber nicht endgültig.

      **************

      Eine sanfte Brise, warm und nach salzigem Wasser duftend, wehte von Westen her über die Hügellandschaft, bewegte das frische grüne Gras und die ersten Blüten der Obstbäume.

      Die Sonne war erst vor einer Stunde am östlichen Firmament erschienen und sandte ihre wärmenden Strahlen auf das Land.

      Marius, ein Junge von 15 Jahren, stand still auf einer Wiese am Rande der gepflasterten Reichsstraße, hielt die Augen geschlossen und atmete die klare Frühlingsluft tief ein.

      Ein Stück hinter ihm lag sein Vater unter einem Apfelbaum und schlief.

      Marius war schlank, aber kräftig, denn er war auf dem Viehhof seiner Eltern aufgewachsen, wo er seit seiner Kindheit hartem Tagwerk nachzugehen hatte.

      Sein Vater, ein beleibter und grobschlächtiger Mann, hatte von seinem Vater dessen Viehzucht geerbt und sah es als natürlichste Sache der Welt an, dass sein Sohn ebenfalls in seine Fußstapfen treten sollte.

      Der Junge hatte zwar viele Grillen im Kopf, doch diese gedachte sein strenger Vater ihm noch rechtzeitig auszutreiben, ehe er ihm die Verantwortung für den Hof übergeben wollte.

      Nun, da der Frühling über das Land kam, fand zum ersten Mal im Jahr der große Viehmarkt in Ypoor statt, auf dem sich alle namenhaften Rinderzüchter des Umlandes trafen.

      Marius und sein Vater waren ebenfalls aufgebrochen, um den Markt aufzusuchen, denn der Alte wollte dort einen neuen Zuchtbullen erwerben, um das Blut seiner Rinderherden aufzufrischen.

      Sie waren am frühen Morgen aufgebrochen, lange noch bevor die ersten Sonnenstrahlen den Himmel erhellt hatten.

      Kurz vor der Stadt hatte Marius‘ Vater beschlossen, noch eine kurze Rast einzulegen, um frisch und wach auf dem Markt erscheinen zu können.

      Während sein Vater nun also ein kurzes Schläfchen hielt, erkundete Marius neugierig das nähere Umland und genoss die Wärme der Frühlingssonne.

      Ihm war bewusst, weshalb sein Vater ihn mit auf den Markt nahm.

      Er sollte dort das Feilschen erlernen, ebenso die Kunst, gutes und schlechtes Vieh voneinander zu unterscheiden.

      Doch Marius dachte nicht im Traum daran, dem Wunsch seines Vaters nachzukommen.

      Schon vor Jahren hatte entschieden, seinem selbstgerechten und teils tyrannischen Vater ein Schnippchen zu schlagen und ein anderes Handwerk zu erlernen.

      Und er hatte ein sehr Spezielles im Sinn, nämlich die Kunst der Zauberei und Magie.

      Seit seine Großmutter ihn das Schreiben und Lesen gelehrt hatte, und er so die Möglichkeit hatte, allerlei Bücher zu studieren, trug er sich mit dem Wunsch, ein Hexenmeister zu werden.

      Natürlich wollte er ein guter und weiser Zauberer werden, kein böser und furchteinflößender Magier, wie ihn die meisten Kindergeschichten beschrieben.

      Von daher hatte er freudig zugestimmt, als sein Vater ihm den Vorschlag gemacht hatte, nach Ypoor zu reisen.

      Seine lang ersehnte Gelegenheit war nun gekommen, dem heimatlichen Trott zu entkommen, denn in der Stadt der Künste, wie Ypoor auch genannt wurde, stand eines der Gildenhäuser der Bruderschaft der Erleuchteten, eine Schule für weißmagische Künste.

      Marius sehnsuchtsvoller Blick suchte in der Ferne die glitzernden Dächer der Stadt, darunter jenes Goldene, welches zur Zauberschule gehörte, und seufzte.

      Auf dem Markt musste es ihm nur irgendwie gelingen, seinen Vater abzuhängen, dann würde er zur Gildenschule gehen können und sich dort einschreiben.

      Sobald dies geschehen wäre, hätte selbst sein Vater keine Möglichkeit mehr gehabt, ihn von dort fort zu schleppen.

      Marius hörte, wie sein Vater sich regte und eilte zu ihm, aus Angst, dieser könnte ihn für seine Träumerei schelten.

      Doch dieser schien gut gelaunt, klopfte seinem Sohn sogar auf die Schulter, ehe sie gemeinsam den Weg fortsetzten.

      Marius nahm jedes Detail der sich nähernden Stadt in sich auf, während sie sich in die lange Schlange derer einreihten, die durch das Stadttor hinein wollten.

      Die trutzige Wehranlage beeindruckte ihn zutiefst, ebenso wie die Burg, die auf einer Klippe über dem Hafen der Metropole thronte.

      Als sie sich langsam dem Tor näherten, drang der Geruch der Großstadt über die Wehranlage zu ihnen.

      Zuerst nahm Marius die unschönen Ausdünstungen wahr, Schweiß und den Gestank von Exkrementen, den säuerlichen Geruch aus dem Gerberviertel und den Ställen.

      Doch es schlichen sich auch feinere Düfte in seine Nase, die von exotischen Früchten und erlesenen Parfüms.

      Etwas weiter vorn in der Schlange der Wartenden erblickte er Gladiatoren, dunkelhäutige und muskulöse Männer, deren von Narben überzogene Körper im Sonnenlicht glänzten.

      In ihrer Nähe saßen junge und anmutige Frauen in hauchdünnen Seidenkleidern auf einem Pferdewagen und schwatzten, doch sein Vater, der seinen Blicken gefolgt war, gab ihm einen Klaps in den Nacken und sagte, dass er sich von solchen Weibern fernzuhalten habe.

      Als sie die Torwache schließlich erreichten, würdigte diese sie nicht eines einzigen Blickes und winkte sie durch, was die Laune von Marius‘ Vater verschlechterte.

      >>Da wartet man eine Ewigkeit, um überhaupt ans Tor zu kommen, und dann wird man noch nicht einmal kontrolliert. Faules Wächterpack! <<

      Und so betrat Marius zum ersten Mal die Stadt Ypoor.

      Vom Tor führte eine breite Allee ins Stadtzentrum und zum Forum, wie der Junge wusste, doch sein Vater schlug den direkten Weg in Richtung Viehmarkt ein.

      Sie wanderten durch das Viertel der Gerber, wo Marius noch stärker mit den ätzenden Gerüchen konfrontiert wurde, dann durch das Schlachthausviertel und schließlich durch jene Regionen der Stadt, in denen die großen Lagerhäuser und Viehställe standen.

      Der Viehmarkt selbst lag genau an der Stadtmauer, auf einem großen Platz, dessen lärmende Betriebsamkeit schon von weitem an ihre Ohren drang.

      Es herrschte bereits ein dichtes Gedränge auf dem Markt, was den beiden Neuankömmlingen das Vorwärtskommen erheblich erschwerte.

      Schließlich wurde Marius von seinem Vater an eine Hauswand gedrängt.

      >>Ich komme allein sicher schneller durch, << rief dieser, um den Lärm ringsum zu übertönen!

      >>Du darfst dich ein wenig umsehen, aber verlasse nicht den Marktplatz.

      Hier hast