Elisabeth Hug

Ein beinahe hoffnungsloser Fall


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noch aus dem Haushalt seiner Großmutter stammte, und etwas altmodisch, aber sehr stilvoll wirkte.

      Das Körbchen hatte er vorher mit einer schneeweißen, leicht angestärkten Damast-Serviette ausgeschlagen: «Ich lege lieber später noch Brot nach. So sieht es appetitlicher aus», wieder einmal hatte er sich bei einem Selbstgespräch ertappt: «Das bleibt nicht aus, wenn man alleine lebt», sagte er diesmal ganz bewusst und laut zu sich selbst. Er platzierte das Körbchen auf dem gedeckten Tisch. So einfach sein Zuhause sonst auch war, er legte großen Wert auf die Ausstattung seiner Küche, gutes Geschirr und auf die Sanitärräume. In diesen Bereichen duldete er absolut keine Nachlässigkeit. Die Küche und die zwei Bäder des Hauses hatte er aufwändig und mit größter Sorgfalt renoviert, und auch sein Geschirr und die Kücheneinrichtung waren besonders hochwertig. Bommelmütz ließ seinen Blick prüfend über die Tafel schweifen. So wie sich sein Tisch jetzt präsentierte, war er sehr mit sich zufrieden.

      Er war in Gedanken gerade wieder bei Boone, als das helle «Ding Dong» seiner Türglocke ertönte. «Ach herrje, schon so spät!» Beim Weg zur Tür kam er am Garderobenspiegel vorbei. Er warf noch schnell einen prüfenden Blick in den Spiegel, kämmte mit den Fingern die kurz geschnittenen widerspenstigen Haare nach hinten. Seine blauen Augen strahlten wie lange nicht mehr, während er schwungvoll die Tür öffnete.

      Ihm stockte der Atem. Sophie sah einfach umwerfend aus.

      Sie trug eine rote Bluse und einen schwarzen enganliegenden Rock, der kurz vor dem Knie endete. Dazu mit Strasssteinchen besetzte Sandalen an den gebräunten schlanken Beinen mit den makellos manikürten hochrotgelackten Fußnägeln. Bommelmütz war einen kurzen Moment wie benommen. Er suchte nach Worten und starrte sie nur an. Sie streckte ihm eine Flasche Amarone entgegen:

      «Zur Feier des Tages. Ist doch einer deiner Lieblingsweine oder?»

      Dabei funkelten ihre großen dunklen Augen mit den Strasssteinchen ihrer Sandalen um die Wette.

      Bommelmütz war unfähig zu sprechen. Er schloss sie sehr viel länger, als es üblich war, in seine Arme und drückte ihr dann links und rechts einen dicken Kuss auf die Wangen. Mehr getraute er sich nicht. Ihr Parfum war jetzt ein anderes als am Morgen. Da hatte sie noch nach Lavendel gerochen. Jetzt duftete ihre Haut hingegen aufregend nach Vanille und einem Akkord aus warmen orientalischen Gewürzen: «Wenn mir gestern jemand gesagt hätte, dass du heute beim Abendessen mein Gast sein würdest, dann hätte ich denjenigen für total verrückt erklärt», strahlte er.

      «Schön, dass das Leben immer wieder solch freudige Überraschungen bereithält!»

      Sophie drückte Bommelmütz die mitgebrachte Weinflasche in die Hand und sah sich neugierig in der Eingangshalle um. «Das letzte Mal, als ich hier war, hat deine Großmutter uns Kakao gekocht und Butterbrote geschmiert. Seitdem hast du an der Einrichtung und dem Haus nicht sehr viel verändert, oder? Der Garten und die Diele sehen jedenfalls noch genauso aus wie früher».

      Bommelmütz wusste nicht, wie er ihre Aussage deuten sollte.

      «Komm doch erst mal herein, dann kannst du selbst urteilen, ob sich etwas verändert hat». Er führte sie ins Wohnzimmer. Dort hatte er vor dem Kamin eine Flasche Champagner kaltgestellt und ein Tablett mit Lachskanapees für den Aperitif. «Alles genau gleich wie damals», urteilte Sophie.

      Und so, wie sie es diesmal sagte, klang es nicht sehr vorteilhaft.

      Bommelmütz fühlte sich unangenehm berührt: «Hast du etwas dagegen, mir in die Küche zu folgen? Ich muss noch das Fleisch zubereiten».

      Sophie willigte nur zu gerne ein. Das große Wohnzimmer mit den Gründerzeitmöbeln und dem wuchtigen, kalten Kamin deprimierte sie, und sie wollte das Zimmer nur zu gerne verlassen. Sie nahm die Champagnergläser und folgte ihm in die Küche.

      «Wow!» lobte sie, «hier hat sich aber alles gehörig verändert; deine Küche ist phantastisch! Das hätte ich dir gar nicht zugetraut!» Ehrlich staunend, bewunderte sie den Herd, den Steamer, das Foodcenter, die chromblitzende, superstylische italienische Espressomaschine und all die High-Tech-Gerätschaften, die kupfernen Pfannen und Töpfe, die ringsherum wie in einer Show-Küche dekoriert waren. Das hatte gesessen.

      Bommelmütz war höchst amüsiert und fühlte sich geschmeichelt.

      Er ließ Sophie am Rüsttisch Platz nehmen, während er die letzten Handgriffe für das Abendessen ausführte. «Hast du dir die Akte nochmals angesehen?», investigierte sie, während sie ihm beim Vorbereiten des Fleisches zusah.

      Bommelmütz hatte die Frage längst erwartet.

      «Ich glaube, dass ich ein Riesenidiot war!», gab er ehrlich zu.

      Sophie sah ihn irritiert an.

      «Auf der Polizeischule lehren sie dich, immer zuerst nach dem Motiv zu fragen. Was ist aber, wenn es gar kein Motiv gibt oder sich das Motiv dir nicht ohne Weiteres erschließt?»

      «Der Fall Betty war mein erster Mordfall und ich steckte selbst einfach viel zu tief drin, weil ich das Opfer und sein Umfeld gut kannte. Somit war ich voreingenommen».

      Sophie verstand nicht: «Heißt das, dass du mir nicht hilfst?», fragte sie konsterniert.

      «Das heißt es nicht. Aber ich weiß jetzt, dass ich den Fall völlig anders angehen muss. Unvoreingenommen, wie ein völlig Fremder. Ich werde alle Fakten noch einmal genauestens durchgehen. Aus der Distanz, und ohne mir ein Urteil zu bilden. Dann werde ich das, was ich weiß, in einen logischen Zusammenhang bringen. Die Tat war ein Beziehungsdelikt. Da bin ich mir absolut sicher. Ich glaube nicht an den großen Unbekannten. Der Mörder, das Motiv, es liegt alles vor unseren Augen. Wir müssen die Fakten bloß richtig deuten.»

      Sophie sprang auf und umarmte ihn. «Dann sind wir wieder ein Team? Du ahnst nicht, wie glücklich mich das macht!» Sophie reichte ihm sein Champagnerglas und sie stießen auf gutes Gelingen an.

      Nachdem das Fleisch angebraten und im Ofen verstaut war, führte er Sophie in sein Esszimmer. Bommelmütz servierte den Salat als Türmchen mit einem Topping aus Kernen und Kräutern und auf einem zarten Kristallglasteller angerichtet. Die Salatsauce sowie Kürbiskernöl reichte er separat in zwei zierlichen Saucieren aus dem gleichen Glas wie die Teller. Dazu gab es Baguette mit selbstgemachter Kräuterbutter, die ihm vorzüglich gelungen war.

      Sophie lobte alles in den höchsten Tönen. Er war selbst sehr zufrieden mit der Qualität seiner Speisen. Als Begleitung zur Vorspeise hatte er einen leichten Chablis vorgesehen, aber Sophie lehnte ab, weil sie noch Auto fahren musste.

      Während des Essens erzählte Sophie von ihrer kürzlichen Begegnung mit Hanna Hagedonk.

      «Die Frau war völlig neben sich! Ich denke, dass sie Geldprobleme hat!», spekulierte Sophie.

      Bommelmütz schien das abwegig. Der alte Hagedonk war wirklich sehr vermögend und hatte bestens für das Alter vorgesorgt. Das hatte der alte Hagedonk ihm selbst bei einer seiner letzten Unterredungen kurz vor seinem Tod anvertraut. Und die Urteilsfähigkeit des alten Hagedonk in finanziellen Dingen stand völlig außer Zweifel. Der Alte war ein gerissener Fuchs und machte mehr Geld, als er und seine Familie jemals unter normalen Umständen zum Leben ausgeben konnten. So verwöhnt und versnobt seine Frau und sein Sohn auch waren.

      «Und dennoch», insistierte Sophie, «die Frau hat Geldprobleme. Sie fuhr immer teure Autos und wechselte sie jährlich. Jetzt fährt sie schon acht Jahre denselben alten Jaguar. Vor drei Monaten hat sie beim Parken ihren Kotflügel angefahren, und sie hat das Auto seither nicht reparieren lassen. Von der Bäckerin weiß ich auch, dass die Hagedonk ihrer Putzfrau die Festanstellung gekündigt hat und sie nur noch stundenweise kommen lässt. Dabei hat die Hagedonk starkes Rheuma. Ist doch komisch, oder?»

      «Das ist allerdings sehr seltsam. Das muss aber nichts mit unserem Fall zu tun haben. Am besten, wir legen diese Information zu den anderen Puzzleteilchen und machen nicht wieder denselben Fehler, vorzeitige Schlüsse daraus zu ziehen.»

      Bommelmütz servierte das Rinderfilet am Stück gebraten und tranchierte es fachmännisch vor Sophies Augen. Das machte ihr großen Eindruck. Zum Fleisch reichte