Helen Dalibor

Die Rollen des Seth


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Krug samt Kette in die Ecke gestellt.

      Das war ein Fehler gewesen, wie sich herausgestellt hatte. Nun war man hinter ihm her. Er musste die Augen offen halten, wenn er die nächsten Monate weiterleben wollte.

      Ein Lufthauch strich an seiner Wange vorbei. Reglos blieb er stehen.

      Jemand war in den Raum getreten. Vielleicht derjenige, der nach dem Krug gesucht hatte? Er wusste es nicht. Traute sich auch nicht, sich umzudrehen. Lieber würde er warten bis der Feind zuschlug. Dann wäre es vorbei.

      "Ich habe dich schon gesucht", sagte eine ihm vertraute Stimme.

      "Johann!", sagte Masut sichtlich erleichtert und fiel aus seiner Starre. Alle Last fiel von ihm ab. "Was machst du? Warst du schon mal hier?"

      "Ich habe dich gesucht, aber ich hatte hier noch nicht geschaut. Ich wollte dir sagen, dass ich das Beduinendorf verlassen werde. Pascal und seine Schwester werden mich zur Schule schicken."

      "Schule?" Masut verstand nicht, was Johann ihm sagen sollte. "Muss ich da auch hin?"

      "Weiß ich nicht. Wenn du nicht lesen und schreiben kannst, solltest du auch eine Schule besuchen."

      "Ich kann meinen Namen schreiben und das Buch Gottes kann ich auch lesen. Reicht das?"

      Johann lachte.

      "Für dich wird es reichen, für mich nicht."

      "Kommst du dann nicht mehr?" Masut fühlte sich auf einmal allein, fremd an diesem Ort, der nun seit Wochen schon sein Zuhause war.

      "Natürlich werde ich kommen. Nur weil ich jetzt wieder zur Schule gehe und nicht mehr hier lebe, vergesse ich dich nicht. Du bist doch mein bester Freund."

      "Gehst du heute?"

      "Ja, ich werde meine Sachen zusammenpacken und dann für einige Wochen bei Pascal und seiner Schwester leben bis ich dann meinem Großvater vorgestellt werde. Wenn er mich denn kennenlernen möchte." Johann hatte seinen Kopf gesenkt. Unsicher, zaghaft und kaum hörbar war der letzte Satz über seine Lippen gekommen. Er wusste nicht, wie sein Großvater die Nachricht auffassen würde, dass er einen Enkel habe.

      Bis vor einigen Tagen hatte er nicht einmal gewusst, dass er überhaupt noch irgendwelche anderen Verwandte hatte als die Schwester seiner Mutter, die ihn wie ein Stück Vieh verkaufte, um ihn los zu sein.

      Er hatte nicht gewusst, dass er einen Großvater hatte. Seine Eltern hatten nie von ihm erzählt. Nur einmal, da hatte er eine Fotografie gefunden, die er stolz seiner Mutter gezeigt hatte. Die Fotografie zeigte einen älteren Mann mit strengem Blick, aber liebevollen Augen. Und neben diesem Mann stand sein Vater. Die Mutter hatte ihm sofort die Fotografie weggenommen und ihn gescholten. Doch ihre Augen hatten etwas Trauriges angenommen, sodass Johann nicht weiter fragen wollte. Er hatte sie später noch einmal fragen wollen, wenn er älter war, doch dies war ihm nicht mehr vergönnt gewesen. Kurze Zeit später waren seine Eltern tot gewesen. Die Fotografie hatte er nie wieder gesehen. Vielleicht hatte seine Mutter sie vernichtet.

      In den letzten Tagen fragte er sich immer wieder, warum er nicht zu seinem Großvater gekommen war. Hatte dieser ihn nicht haben wollen? Wenn dies tatsächlich so gewesen war, würde er ihn jetzt auch nicht haben wollen. Warum sollte er auf einmal sentimental werden und seinen Enkel jetzt doch im Haus aufnehmen? Wenn er Pech hatte müsste er wieder zu seiner Tante zurückkehren. Nein, das wollte er auf keinen Fall. Da würde er sich wieder als Beduine verkleiden und wenn er es bis zum Ende seines Lebens tun musste. Dann hatte das Schicksal es so gewollt.

      "Viel hast du nicht, dass du mitnehmen kannst."

      Masut erinnerte sich an das kleine Bündel, das sein Freund vom Schiff mitgenommen hatte.

      "Soll ich von dir was mitnehmen? Den Beutel da vorne, den ich schon vor Wochen gerettet habe?" Johann deutete auf den Krug, verborgen in einem fein gewebten Wolltuch.

      Der Ägypter blickte den blonden Jungen an und sah dann auf den Krug, an dem auch das Amulett des Todes hing.

      Dass ihm nicht gleich die Idee gekommen war, als Johann davon sprach, das Beduinendorf zu verlassen. Er wäre die Last los und müsste sich erstmals keine Sorgen machen, wo er die Gegenstände des Verderbens unterbringen sollte, damit sie sicher waren. Doch wollte er Johann die verfluchten Gegenstände wirklich übergeben? War das Risiko nicht zu groß? Wollte er seinen Freund wirklich in Gefahr bringen, um selbst der Bedrohung zu entkommen? Johann kannte das Risiko nicht, das er eingehen würde, wenn er die Gegenstände mitnähme.

      Es war nicht rechtens, was er tat, doch er musste es tun. Für einige Wochen würde die Gefahr, die über ihm schwebte, gebannt sein. Innerhalb dieses Zeitraums musste er sich ein passendes Versteck suchen, wo die verfluchten Gegenstände für längere Zeit, vielleicht sogar für immer, verbleiben konnten. Bis dahin waren sie bei Johann sicher. Doch die Gefahr würde nicht gebannt sein. Solange die Gegenstände existierten, war sie immer da und schwebte über ihnen.

      "Kannst du das dort mitnehmen?" Masut deutete auf den verhüllten Krug. "Er stört mich hier und ich habe Sorge, dass jemand ihn stehlen könnte."

      "Ach, deshalb wolltest du wissen, ob ich bei dir war. Klar kann ich das mitnehmen. Es ist bloß so schwer."

      Johann wollte wissen, was sich unter dem Wolltuch verbarg. Schon vor einigen Wochen hatte er es erfahren wollen, doch Masut hatte ihn vertröstet. Nun war anscheinend die Zeit gekommen, wo er ihm sagen musste, welche Gegenstände sich unter dem Tuch befanden.

      Johann selbst hatte nur Vermutungen anstellen können. Der Gegenstand hatte eine unebene Oberfläche gehabt, war in der Mitte dickbauchig und hatte einen Sockel. Der Gegenstand ließ sich auf den Boden stellen, so wie er nun stand, aber was war es? Seine Fantasie hatte nicht ausgereicht, um sich irgendwelche Gegenstände auszumalen, die dieser Form gerecht würden.

      "Komm her, ich zeige dir, was du mitnehmen sollst. Aber sag nichts. Schau es dir nur an und nicht anfassen."

      Johann machte große Augen. Was nur mochte so geheimnisvoll und gefährlich zugleich sein? Befand sich eine Schlange in dem Gefäß? Ja, denn ein Gefäß musste es sein, aber was es verbarg, konnte er sich nicht vorstellen. Es musste gefährlich sein, schließlich durfte er es nicht anfassen. Vielleicht doch eine Schlange - eine Kobra. Noch nie im Leben hatte er eine leibhaftige Kobra gesehen. Zu den Schlangenbeschwörern unter Masuts Landsmännern hatte er sich nicht getraut. Aus Erzählungen seines Vaters wusste er, dass diese Schlangen sich zu Flötenmusik bewegten. War Masut in Wirklichkeit ein Schlangenbeschwörer? Warum hatte er sich nicht dafür gemeldet, sondern arbeitete in der Glasbläserei? Er hielt die Spannung nicht mehr aus.

      Vielleicht handelte es sich aber auch um ein vergiftetes Buch. Nein, welch absurder Gedanke, dafür war der Gegenstand zu rund gewesen. Wie eine Vase, genau das musste es sein. Aber konnte eine Vase eine raue, unebene Oberfläche haben? Und dazu hatte es doch auch geklappert. Als er es bewegt hatte, klapperte irgendwas, daran erinnerte er sich genau. Konnte es eine Waffe sein, die Masut eingeschmuggelt hatte? Aufgeregt verfolgte Johann mit den Augen, wie sein ägyptischer Freund das Wolltuch von dem geheimnisvollen Gegenstand zog. Noch bevor er einen Blick auf den Gegenstand werfen konnte, wurde er von Masut herangewunken bis er direkt vor dem Gegenstand zum Stehen kam. Voller Vorfreude malte er sich die fantasievollsten Waffen aus, die er sich vorstellen konnte. Doch wie groß war seine Enttäuschung, als Masut den Blick freigab und eine Vase, womöglich ein Krug, zum Vorschein kam.

      Wegen so einem ollen Krug hatte sein Freund so ein Geheimnis gemacht? Wegen einer langweiligen Tonvase, die vielleicht ungewöhnlich verziert war, aber nicht erklärte, warum sie Masut so wichtig war.

      Johann sah etwas blinken und der Ägypter holte mit seiner Hand eine Kette aus dem Tuch hervor. Fasziniert bückte sich Johann und streckte die Hand aus, doch dann erinnerte er sich an Masuts Warnung und zog sie schnell wieder zurück.

      "Die darfst du nie anfassen und schon gar nicht umhängen. Versprich es, Johann." Der blonde Junge verstand zwar nicht, warum er die Kette nicht anfassen durfte, doch um Masut zu beruhigen, nickte er. "Gut, ich kann dir jetzt nicht sagen, was es mit den beiden Dingen auf sich hat. Wenn ich ein passendes Versteck dafür gefunden habe, werde ich es dir sagen.