Horst Neisser

Centratur I


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bald nichts Besonderes mehr. Er gehörte inzwischen zur Familie. Zwar durfte sich der junge Markgraf nicht auf der Straße sehen lassen, aber dies war ihm nur recht. Er lebte in sich gekehrt und lief oft stundenlang im Garten herum.

      Die zweite Woche verging, und noch immer hatte sich nichts getan. Deshalb beschloss Mog, Nachrichten von den Geschehnissen außerhalb der Grenzen zu besorgen. Er ging in den ‘Hirsch’ an der Mühlendorferstraße und bestellte einen Krug Bier, den er mit größtem Behagen trank. Der seltene Gast auf der Ofenbank wurde kaum beachtet, es gab nämlich viel zu berichten und zu diskutieren. Die wichtigste Nachricht war der Brand des Dreieichenhofes. Niemand wusste, was mit dem Bauer und seinen Leuten geschehen war. Man hatte nichts mehr von ihnen gehört und auch ihr Vieh war weg. So etwas, da waren sich alle einig, hatte es im Heimland noch nie gegeben. Es roch beinahe nach einem Kriminalfall. Mog nickte befriedigt. Die Flucht der Bauersleute war also gelungen.

      Über die Zustände im Heimland gab es nur Gerüchte. Niemand wusste etwas Genaues. Die einen sagten, die Soldaten hätten die Herrschaft an sich gerissen, die anderen wiederum erzählten von revolutionären Bauern und Tagelöhner, die die Macht ergreifen wollten. Auch hieß es, der alte Markgraf sei schwer verwundet zurückgekehrt und liege auf seinem Schloss im Sterben. Hinter vorgehaltener Hand wurde sogar von der bevorstehenden Invasion fremder Mächte geraunt. Düster hing der Name ‘Orokòr’ in der Luft. Doch im Grund wusste niemand etwas Rechtes, das wurde Mog rasch klar.

      An diesem Abend saßen Mog und die Seinen mit Horsa noch lange zusammen und berieten sich. Sie kamen endlich zu dem Schluss, dass die Lage zwar unübersichtlich, aber auf jeden Fall gefährlich war. Man musste davon ausgehen, dass von außen Feinde ins Land drängten, und im Heimland selbst hatten wild gewordene Soldaten die Herrschaft an sich gerissen und terrorisierten ihre Mitbürger. Gefährlich waren auch die Revolutionäre, die überall auftauchten. Es waren Bauern und Tagelöhner, die sich zusammengeschlossen hatten, um die Herrschaft des Markgrafen abschütteln. Das sonst so friedliche Heimland drohte auf einmal im Chaos zu versinken und Aramar, der einzige, der helfen konnte, war weit weg.

      In ihrer Verzweiflung fiel Horsa an eine Garnison im Norden ein. In der Nähe des Ortes Steinbruch am Fuß des Bustergebirges war General Weißbart mit seinen Leuten stationiert. Er galt dem Herrscherhaus als besonders treu ergeben. Deshalb hatte es sein Vater auch gewagt, ihn so weit entfernt einzusetzen. Zu diesem Major wollte sich Horsa durchschlagen, um mit der Hilfe seiner Truppen das Land zurück zu erobern. Schon am nächsten Tag wollte er aufbrechen.

      Nun meldete sich auch Mogs Sohn, Marc, zu Wort. Er erinnerte an seinen Paten und dessen Familie in Waldmar. Zum einen musste man die Leute dort warnen. Wahrscheinlich hatten sie von der Gefahr, in der das ganze Land schwebte, noch nichts mitbekommen. Zum anderen konnte man vielleicht auch von dort Hilfe erhalten. Sie kamen deshalb überein, dass sich Marc am nächsten Tag auf den Weg nach Waldmar machen sollte.

      In diesen unsicheren Zeiten konnten dies gefährliche Reisen werden. Deshalb suchte man sorgfältig die Ausrüstungen für die beiden jungen Leute zusammen. Neben Essen für eine Woche erhielten Horsa und Marc dunkle Kleider und der Graf Mogs Schwert.

      Der Aufbruch der beiden Erits war für den nächsten Morgen vorgesehen. Ev machte sich große Sorgen um ihren Sohn. Aber sie war auch sehr stolz auf ihn und fuhr ihm, als es niemand sah, zärtlich durch sein langes Haar.

       Die Geschichte vom Kampf um Hispoltai

      Osten

      Marc, Mogs Sohn, wandert nach Waldmar zum Schloss seines Paten. Er soll dort warnen und um Hilfe bitten. Doch er kommt zu spät. In dem Land jenseits des großen Flusses erwartet ihn furchtbares Elend. Zusammen mit der Grafentochter Akandra flieht er vor den Orokòr. Sie gelangen in eine seltsame Welt und erhalten einen wichtigen Auftrag.

      Die Reise nach Waldmar

      Marc kam er rasch voran. Am frühen Vormittag befand er sich schon jenseits der Oststraße, die er unbemerkt überquert hatte. Auf seinem Weg war er bisher niemandem begegnet und fühlte sich einsam. Gegen Mittag setzte er sich in den Schatten einiger Bäume und aß mit gutem Appetit von dem mitgebrachten Proviant. Der junge Erit genoss es, außerhalb der Enge des Elternhauses durch die Welt zu ziehen. Nun, nachdem die Mahnungen und Ratschläge von Mutter und Vater verstummt waren, fiel ein Druck von ihm ab. Er streckte sich und atmete tief durch. Marc bereit für das Abenteuer.

      Noch immer war die Gegend wie ausgestorben. Dies verwirrte ihn. Wenn hier er früher gewandert war, hatte er Holzfäller, Jäger und Bauern getroffen, die mit ihren Ochsenfuhrwerken auf die Felder fuhren. Schließlich erreichte der junge Erit das Ende des Waldes im Osten. Von hier fiel der Weg steil ab. Die ausgefahrenen Spuren des Weges schlängelten sich in kurzen Serpentinen hinunter zur Mooraue.

      Als Marc einmal stehen blieb und nach Osten blickte, sah er in der Ferne schwarzen Rauch wie von großen Bränden. Er konnte sich keinen rechten Reim darauf machen und kümmerte sich nicht weiter darum. Weit nach Mittag erreichte er die Ebene. Er war inzwischen fußwund. Aber irgendetwas trieb ihn vorwärts, gönnte ihm keine Ruhe.

      Früher als gedacht erreichte er Loidl eine kleine Arbeitersiedlung. Die Gegend um Loidl war sumpfig. Von dieser Unbill der Natur lebte die Bevölkerung des Ortes. Die Männer gruben lange, tiefe Entwässerungsgräben und stachen mit besonderen Werkzeugen den Torf. Der getrocknete Torf wurde zu Ballen verpackt und im ganzen Heimland verkauft. Reichtümer waren mit diesem Geschäft zwar nicht zu gewinnen, aber die Leute hatten ihr Auskommen.

      Die Straße führte am Ort vorbei. Arbeitshütten säumten den Weg. Immer wenn Marc früher in dieser Gegend war, hatte er dort stets fleißige Männer gesehen. Heute war alles leer und verlassen. Nur Torfziegel lagen in langen Reihen zum Trocknen ausgebreitet. Verwirrt blieb er stehen und sah sich um. In dem trüben Licht des verhangenen Tages sah alles so trostlos und gespenstisch aus. Niederes Gesträuch und dunkle Weiden gaukelten gefährliche Tieren vor. Fliegen und Stechmücken hatten sich zu Schwärmen über den Wassertümpeln vereint. Marc machte, dass er weiterkam.

      Als es dann dunkel wurde suchte er sich ein Lager zwischen Büschen. Seine Kleider waren klamm und er schlief schlecht. Deshalb war er über den neuen Tag froh und machte sich schon bei den ersten Sonnenstrahlen auf den Weg.

      Am späten Nachmittag erreichte er endlich Moordorf. Vor Stunden hatte Nieselregen eingesetzt, und Nebel war aufgezogen. Der Wanderer war nass und erschöpft. Voller Hoffnung auf eine trockene Unterkunft lief er die Dorfstraße entlang. Er hatte Hunger wie ein Bär und freute sich auf das weit gerühmte Bier, das hier gebraut wurde. In Moordorf, so hatte sich Marc vorgenommen, wollte er übernachten, um am nächsten Morgen nach Waldmar überzusetzen.

      Allzu große Eile schien ihm noch immer nicht geboten. Sicher, dem Heimland drohten Gefahren, und seine Aufgabe war es auch, die Grafenfamilie zu warnen. Aber Waldmar war durch den Wilden Wald auf der einen Seite und den Großen Fluss auf der anderen gut geschützt. Die Menschen dort galten zudem als kampferprobt und gelassen im Umgang mit Gefahren. Bisher hatten sie noch jedes Unheil abzuwenden vermocht.

      Wie er so zwischen den Häusern hindurch schritt, fiel ihm die seltsame Ruhe auf, die über Moordorf lag. Straßen und Gassen waren leer. Niemand ließ sich sehen. Auf den Höfen der Bauern pickten keine Hühner und schnüffelten keine Schweine. Alle Fenster und Türen waren geschlossen und manche sogar verrammelt. Eine vergessene Forke steckte in einem Misthaufen.

      Auch der Gasthof sah verlassen aus und seine Fenster waren mit festen Holzläden verschlossen. Hungrig und müde klopfte er dennoch an das grün gestrichene Tor. Da niemand antwortete, pochte er stärker und begann zu rufen. Es konnte doch nicht sein, dass das ganze Dorf verwaist war. Seine Hand tat ihm schon weh, als er hinter der Tür etwas hörte.

      Er solle nicht solch einen Lärm machen, rief eine ärgerliche Männerstimme. Ob er denn nicht merke, dass der Gasthof geschlossen sei. Er solle schleunigst weitergehen. Fremde seien in Moordorf zurzeit unerwünscht. Wenn er diesem Rat nicht umgehend Folge leiste, so werde man es ihm mit Knüppeln beibringen.

      Marc versuchte zu erklären, dass er eine weite Wanderung hinter sich habe und Verpflegung und Ruhe brauche. Die Stimme hinter der Tür wurde immer wütender. Doch erst das Gebell von zwei Hunden,