Gerald Uhlig

Und trotzdem lebe ich


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Sie sind sogar mit einem Luftsprung in ihr Kaffeehaus gekommen.« Ich unterbreche ihn bei dem Versuch, mich ein wenig aufzumuntern: »Beim letzten Mal waren die Werte auch ein wenig zurückgegangen, und ich konnte hoffen, dass sich die Natur meinen Körper doch nur für einen Spuk ausgesucht hat.« »Sie brauchen eine neue Niere, Chef, wir müssen eine neue Niere für Sie finden. Mein Cousin in Ägypten war erst einundzwanzig Jahre alt, als er eine Niere brauchte. Sein Vater besaß nichts als ein Stück Land. Aber sein Vater hat dieses Land, das keine Wüste war, aus Liebe zu seinem Sohn verkauft und für das Geld hat er ihm eine Niere gekauft. Ich werde versuchen, etwas für Sie in meinem Land zu organisieren. In Kairo gibt es sogar ein deutsches Krankenhaus mit sehr guten deutschen Ärzten.« »Danke, aber wenn das alles nur so einfach wäre, mein lieber Hamdy, dann...«

      Der Kellner Luis kommt auf mich zu und teilt mir mit, dass an Tisch 17 ein Herr auf mich warten würde, mit dem ich verabredet sei. Ich bedanke mich bei Luis, und in meiner merkwürdigen Verfassung sprudelt aus mir heraus, dass das Leben nichts als eine Reihe von Zufällen sei, die wir Menschen irrtümlicherweise für den Ausdruck eines höheren Willens hielten und dass der Schöpfer des Menschen ein absoluter Stümper gewesen sein müsse, denn seine Körpermaschinen seien ständig defekt. Luis, der vorher in einem Fünf-Sterne-Hotel als Abendkellner gearbeitet hat, schaut mich etwas besorgt und verwundert an, so, als ob er mich fragen wolle, ob er im Moment etwas Gutes für mich tun könne. Ich klopfe ihm auf die Schulter und signalisiere, dass bei mir alles in Ordnung sei und er sich um mich keine weiteren Sorgen machen müsse. Während ich auf Tisch 17 zugehe, denke ich, dass es ein Glück für mich ist, dass dieser Termin auf mich wartet und, dass er mich hoffentlich von weiteren nihilistischen Gedankenanfällen abhält, für die ich an Tagen wie heute anfällig bin.

      Ein Termin mit zehn Millionen

      »Wie man mir sagte, sind Sie der Besitzer dieses Kaffeehauses?« Der Mann, der mich vor ungefähr einer Woche angerufen hatte, weil er mich unbedingt treffen wollte und der mir noch nie vorher in meinem Leben begegnet ist, spricht gebrochenes Deutsch mit spanisch-amerikanischem Akzent. Seine äußere Erscheinung wirkt so, als sei er in einer Versace-Anzeige zur Welt gekommen, seine Hautfarbe gleicht der eines Segeljachtbesitzers. »Richtig«, antworte ich, »ich habe dieses Kaffeehaus vor ein paar Jahren erfunden.« »Es liegt wirklich in einer der besten Lagen und hat die besten Gäste, mein Kompliment.« »Ja, die Lage ist sehr gut. Was kann ich für Sie tun?«, frage ich. »Ich möchte Ihr Kaffeehaus kaufen«, erwidert er. »Aha«, antworte ich. Das sei nichts Ungewöhnliches, erkläre ich ihm dann. Ständig kämen Leute, die mir Kaufangebote unterbreiten würden. Ob dieser Herr wohl über meinen Gesundheitszustand Bescheid weiß und noch kurz vor meinem Abgang ein Schnäppchen machen will?

      Er unterbricht meine Gedanken. »Wenn ich Ihnen ein wenig von mir erzählen darf, werden Sie sehen, dass ich kein gewöhnlicher Einkäufer bin. Ich komme gerade aus Miami, wo meine 80-Zimmer-Villa steht und ich vor zwei Tagen geheiratet habe. Meine Frau ist zwanzig Jahre alt, dementsprechend schön und energiegeladen. Wir haben beschlossen, in einer ruhigen Stadt zu leben. Einer Stadt wie Berlin, wo geordnete Verhältnisse herrschen, nicht ständig Unwetter aufziehen und keine Erdbeben ganze Stadtteile verschlingen. Und diese herrliche Natur rund um Berlin. Meine Frau braucht allerdings eine kleine Lebensaufgabe, damit sie mir nicht so schnell auf die Nerven geht. Sie ist vernarrt in Ihr Kaffeehaus. Ich will es ihr schenken. Sie wissen ja, die Liebe braucht immer ein Zeichen.«

      Er ruft den Kellner und bestellt für sich einen Espresso. »Was darf ich Ihnen bestellen?«

      »Wasser, einfach ein stilles Wasser«, antworte ich.

      Dieser Mann macht mich zumindest neugierig und für den heutigen Tag scheint es besser, ihm zuzuhören, als ständig an meinen sich verschlechternden Gesundheitszustand zu denken. »Wissen Sie«, setzt er seine Ausführungen fort, »ich gehöre nicht zu den Menschen, die lange herumreden. Sie verstehen! Warum soll man in seinem Leben Gesetzen folgen, die von Oberlehrern, Opportunisten und Angsthasen verabschiedet werden, wenn man sich in seinem Leben die Möglichkeiten geschaffen hat, seine eigenen Gesetze zu machen. Ich habe bereits als kleiner Junge Grabsteine geklaut, sie abgeschliffen und weiterverkauft, und keinem ist es je gelungen, mich einzusperren. Die meisten Menschen werden in ihren jungen Jahren in Kleiderschränke gesperrt. Denen das passiert, die denken noch im Alter, sie seien nichts weiter in ihrem Leben gewesen, als ein Anzug auf einem Kleiderbügel. Aus diesen Schränken kommen oft schwer gestörte, lebensunfähige Kreaturen. Ich war nie auf einer Universität. Die Ausbildung für meinen Erfolg habe ich auf der Straße bekommen. Da habe ich gelernt: Wenn du einen Rivalen aus dem Weg schaffen willst, musst du zuerst seine Leber fressen.«

      Er nimmt einen schnellen Schluck aus seiner Espressotasse. Seitdem der Mann das Wort »Leber« ausgesprochen hat, muss ich unentwegt an meine Niereninsuffizienz denken und sofort packt mich wieder die mir bereits vertraute Verzweiflung. »Sagen Sie, haben Sie bei Ihren Geschäften Zugang zu Organen?« Mit einem freundlichen kleinen Lächeln im Gesicht antwortet er mir, dass er vom Tampon über Uran bis hin zu ganzen Regierungen alles besorgen könne, was der Markt so verlange. »Was brauchen Sie? Herzen, Lungen, Lebern, Hornhaut für die Augen, Dünndärme, Nieren?« »Ich brauche bald dringend eine neue Niere.«

      Für ein paar Sekunden schweigen wir. Er zieht aus seiner Tasche ein goldenes Etui und nimmt ein Zigarillo heraus. Er zündet es an und nickt leicht mit dem Kopf.

      »Ich weiß, in eurem Land gibt es wenige Spenderorgane und viele tausend Menschen, die auf Wartelisten stehen. Das ist weltweit bekannt. Warum wollen eure Landsleute nicht spenden?«, fragt er und sucht selbst nach der Antwort. »Wenn sie sterben, dann können sie doch ruhig noch ein paar funktionsfähige Organe zurücklassen. Die werden sowieso von den Würmern gefressen. Oder denken eure Landsleute wirklich, dass es nach dem Tod noch eine lange Reise ins Paradies gibt, für die man die ganzen Innereien im Körper mitnehmen muss? Vielleicht verwechselt ihr Lebensfreude mit Festhalten und Besitzenwollen. Dann könnt ihr auch keine gelassene Auseinandersetzung mit der Endlichkeit, dem Sterben und dem Tod führen. So werdet ihr das Thema Organspende und Organmangel nie lösen. Selbst eure Politiker trauen sich offenbar nicht an das Thema. Das bringt bei euch natürlich keine Wählerstimmen. Eure Philosophen sprechen jedenfalls zu Recht gerne vom kollektiven Verdrängen.«

      Ich frage ihn, wieso er bei diesem Thema so gut Bescheid wisse. Er kenne sich überall da gut aus, wo spannende Märkte lauern, ist seine Antwort. Gerade beim Geschäft mit begehrten, verbotenen Waren, wo es eine große Nachfrage gebe, aber nur ein geringes Angebot, da läge das große Geld. »Mit einem Wort, mein Freund, der Schwarzmarkt.« Er kenne Leute, die das Geschäft mit den Organen perfekt organisiert haben.

      Was er mit »perfekt organisieren« meine, frage ich zurück.

      »Sie werden zum Beispiel mit einem Privatjet in Berlin abgeholt, in die Türkei oder nach Griechenland geflogen. In einem der Krankenhäuser erwartet Sie ein Spezialist. Diese Ärzte kommen meist aus Israel. Absolute Profis. Die passende Niere wird für Sie aus Ägypten, dem asiatischen Raum oder aus Indien eingeflogen. Diese Reise ist all inclusive und kostet zwischen zweihundertfünfzig- und dreihunderttausend Euro. Und nach ein paar Wochen sind Sie wieder ein ganzer Mann. – Ihr Kaffee schmeckt einfach gut. Fein gemahlen und perfekt geröstet. Bei Kaffee können Sie sich auf mich verlassen. Da kenne ich mich aus. Dieser Kaffee ist sicher aus Kolumbien.«

      Seine »All inclusive-Reise« geht mir nicht aus dem Kopf, und so antworte ich entsprechend beiläufig, dass unser Kaffee aus Costa Rica käme. »Wo genau sind Sie geboren?«, frage ich halb neugierig, halb abwesend nach und bekomme die Kurzversion einer Lebensgeschichte geliefert: »In Venezuela. Als junger Mann bin ich nach Amerika ausgewandert. Mit achtzehn Jahren war ich im Krieg in Vietnam und war gezwungen, zu töten. Es war eine Schule des Tötens oder noch besser eine Akademie des Tötens. Dafür wurde man nach dem Krieg sogar geehrt und bekam einen Orden. Als das alles für mich vorbei und ich nicht tot war, habe ich mir gesagt: Wenn du jetzt nach vier Jahren nicht tot bist, dann wirst du nie tot sein. Es ist immer Krieg, und da zählt man nicht nach, wie viele man selbst umgelegt hat. Später habe ich Banden von Drogen- und Waffenhändlern und Prostituiertenringe dirigiert. Von ganz unten habe ich mich nach ganz oben gearbeitet, sodass