Michael Aulfinger

Möllner Zeiten


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meinst du das?“

      „Ganz einfach. Weil der Streit Mulne zugute kommt. Sieh dich doch um. An allen Ecken wird gebaut. Die Stadt hat eine große Anziehungskraft auf die umliegenden Dörfer. Von überall her kommen die Bauern und Händler in die Stadt, um an den Markttagen ihren Geschäften nachzugehen. Der Marktplatz ist bald zu klein. Du siehst doch, das selbst hier die Tuchhändler Geld verdienen. Dadurch strömt viel Geld in unsere Kassen. Geld kommt auch durch unsere Zollstelle. Zwar bekommen die Herzöge als Landesherrn die Zölle der Warentransporte, doch erhalten wir auch unseren Obolus davon. Aber du weißt ja, dass das Geld auch dringend benötigt wird. Zum einen haben wir noch die Lücke des Raubes zu füllen, zum anderen sind die Bauvorhaben groß.

      Was ich aber genau mit dem Vorteil, welcher uns durch den Streit erwächst, meinte, ist aber Folgendes: Sieh dir doch noch einmal genau die Urkunde an, in der das wicbeldesrecht bestätigt wurde. Dort steht der schöne Satz ad emendationem civitatis Mulne – zum Wohle der Bürger von Mulne. Die Herzöge haben uns Gultzow und Pinnow mit ihren zweiundzwanzig Hufen geschenkt. Aber nicht nur das. Wir haben auch noch jetzt die Pinnower Mühle erhalten, die dem Kloster Reinbek gehörte. Und auch die Mühle passt in das Bild, das die Herzöge uns stärker sehen wollen.“

      „Aber dies Geschenk war nicht umsonst“, gab Lupold zu bedenken. „Das Kloster wurde für den Verlust der Mühle entschädigt.“

      „Wohl wahr, aber nicht durch unseren Beutel, sondern durch den Beutel der Herzöge. Außerdem sind die Klöster nicht die ärmsten. Ich weiß noch genau, dass vor zwanzig Jahren das Kloster Reinfeld das Dorf Bälow, im Westen Mulnes gelegen, gekauft hat.“

      „Jedenfalls haben wir unter diesen Herzögen nicht zu leiden. Es hätte schlimmer werden können. Du hast Recht, dass wir unter diesen Landesherrn gestärkt hervorgehen.“

      Hermann lachte. „Vogt Henricus lässt sich hier schon gar nicht mehr blicken. Er weiß schon warum. Er hat schon verstanden, dass hier der Stadtrat zu sagen hat, und sich nur vom Herzog direkt und sonst niemandem hineinreden lässt.“

      Auf dem Heimweg ging Hermann über den Marktplatz. Hier herrschte reges Treiben. Die Mägde kauften an den Ständen die Lebensmittel für die Mahlzeiten ihrer Herrschaften ein. Es wurde gefeilscht und gehandelt. Die Waagen balancierten so lange, bis sie in der horizontalen Lage stillstanden. Mit Genugtuung verfolgte der jüngere Bürgermeister dieses Bild. Hermann erinnerte sich zufrieden daran, dass der Marktfrieden urkundlich festgelegt war.

       Van market vrede. So we den anderen up deme markete ouele handelet mit slande oder mit stotende. Oder mit so gedaner wis. He schal eme beteren na deme broke. Dar na deme rade mit dren marken sulueres. Unde wat de Ratman dar van nehmen willet des boret der stat twe del to. Unde deme richte dat dridde del.

      Auf diese Weise wurde der Marktfrieden erhalten und ein ruhiger Warenhandel ermöglicht. Sollte einmal den Bäckern, Knochenhauern oder Schankwirten der Stadt ein Vergehen nach­zuweisen sein, so sollte von der verhängten Strafe zwei Teile den Bürgern der Stadt, und ein Teil dem Gericht zukommen.

      Neun Jahre später hatte Bruno als Schreiber eine wichtige Urkunde auf seinem Schreibpult liegen. Wieder war es eine Urkunde der Herzöge Johann und Albrecht II., in der die Weichbildrechte erneut bestätigt wurden. In dieser Urkunde vom 25. Juli 1272 wurde aber zusätzlich noch einmal darauf hingewiesen, dass das Lubeker Recht auch bei denen anzu­wenden sei, die erst später nach Mulne gezogen seien, um in der Stadt zu leben.

      Adicientes etiam quod Hii, qui ad hoc molne venturi sunt, ad faciendam mansionem ibidem.

      Dieser im Vertrag verankerte Satz war auch nötig, denn es gab immer mehr Zuwanderer, die in die Stadt zogen. Denn Mulne wuchs unaufhörlich.

      Unterhalb vom Slot wurde eine Mühle errichtet. Sie war ausschließlich für das Mahlen von Getreide vorgesehen. Der pultifex, der Müller, konnte sich über fehlende Getreidelieferungen aus der Umgebung nicht beschweren. Es gab derer reichlich.

      Aber die Menschen, die neu hinzuzogen, brauchten vor allem Häuser. Deshalb wurden neue Straßen gebaut. Die See-, die Haupt- und die Mühlenstrate wurden nach Süden verlängert. Dazu entstanden in dieser dritten Phase der Stadtentstehung neue Straßen. Es kamen die Bleystrate und der Wallgraben hinzu. Damit war der gesamte Werder bebaut.

      In diesen Jahren sollte sich aber auch das äußere Bild der Stadt ändern. Endlich wurde mit dem Bau der langersehnten, Schutz gebenden Stadtmauer begonnen. Sie schloss die neuen Straßen mit ein. Im Süden und Osten, wo kein See die Stadt begrenzte, wurden die schon von der Natur vorgefundenen Gräben noch weiter zu wehrhaften Stadtgräben ausgebaut.

      Drei Stadttore wurden erbaut, durch die in Zukunft die gesamten Transporte der Ware gehen sollten. Im Süden stand das Steintor. Durch dieses zogen nun die Salzkarren aus Lüneburg und gelangten auf die Hauptstraße. Im Norden, kurz vor der Holzbrücke, stand das Gultzower Tor. Im Osten stand neben der neuen Mühle das Pinnower Tor.

      Die Beweggründe, warum die Menschen in die nahe Stadt zogen, mochten auf den ersten Blick verschiedene Ursachen haben, aber letzten Endes waren sie doch in einem Satz zusammenzufassen: die Hoffnung auf ein besseres Leben.

      So hatte dennoch jeder seine eigene Geschichte.

      Winfried wachte auf. Es war kurz vor Sonnenaufgang an diesem Wochentag im Monat März des Jahres 1281. Im Osten verfärbte sich der Himmel hell. Vogelgezwitscher und das frühe Krähen des Hahnes war zu vernehmen. Winfried erhob sich von seiner Schlafstelle, die eine flache Pritsche aus grob behauenen Fichtenbrettern war. Als Unterlage diente ihm und seiner Frau ein Strohsack. Mit einem Schaffell deckten sie sich stets zu.

      Als er aufgestanden war, reckte er sich und gähnte. Aber er tat dies leise, denn er wollte seine hochschwangere Frau Jolanthe nicht wecken. Sein Blick fiel auf seine vier Kinder, die auf dem aufgeschütteten Stroh direkt neben der Feuerstelle schliefen. Das Feuer in dem aus Lehm erbauten Kochofen war erloschen. Graue Aschereste und ein halb verkohltes Buchenholz zeugten davon, dass an dem vergangenen kalten Märzabend das Feuer für wohlige Wärme gesorgt hatte. Der Kochofen war nach oben offen, sodass der Rauch bis unter das Dach aufsteigen, sich dort sammeln und durch eine Luke entweichen konnte.

      Winfried zog sein leinenes dunkelgraues Hemd über. Alle Bauern trugen dunkelgraue Kleider. Bunte Farben waren im Allgemeinen bei den Bauern nicht üblich.

      Bevor er sein Wohnhaus verließ, schlüpfte er noch in seine Schuhe. Zwei Paar nannte Winfried sein Eigen. Das eine war aus Lindenholz geschnitzt. Vom vorigen Tag auf dem Feld hingen noch verkrustete Erdklumpen daran.

      Sein zweites Schuhpaar, welches noch in seiner Truhe lag, in der sich seine wenigen Habseligkeiten befanden, war aus braunem Leder gefertigt und wurde am Knöchel gebunden. Diese Truhe war eine aus rohem Holz gezimmerte Kiste, die neben der Bettpritsche, den Schemeln und dem Tisch eines der wenigen Möbelstücke in dem Wohnhaus war.

      Winfried weckte seine Kinder, indem er von jedem einzelnen den Namen rief. Dennoch tat er dies so leise, dass Jolanthe nicht wach wurde. In dieser für sie schweren Zeit benötigte sie ihren Schlaf. Es war ihre siebte Schwangerschaft. Ein Kind kam bisher tot zur Welt, und ein anderes verstarb nach wenigen Wochen. Der Sterben von Säuglingen war bei den Bauern nichts Außergewöhnliches, doch hoffte Winfried, dass diesmal das Kind gesund geboren und überleben würde. Er betete zu Gott deswegen, und wollte sie selbst in jeder Weise unterstützen.

      Nachdem er sah, dass die Kinder dabei waren sich von ihrem Strohlager zu erheben, schlurfte er durch den Raum. Er öffnete die Tür, welche aus einfachen zusammengenagelten Brettern bestand. Die Tür wurde durch Lederriemen, welche als Scharniere dienten, bewegt.

      Das erste was er jeden Morgen tat, war der Gang zum Misthaufen. Dort hockte er sich hin und verrichtete seine Notdurft.

      Sein Hof bestand aus zwei Gebäuden. Das erste war das Wohnhaus. Behauene Holzstangen bildeten das Gerippe, deren Lücken mit Strohlehm ausgefüllt waren. Im Inneren bildete ein großer Raum das Zentrum, welcher gleichzeitig als Küche, Wohn- und Schlafraum diente. Lediglich ein kleiner abgetrennter Raum diente der Lagerung von Vorräten. Gedeckt war das Dach mit Reet, welches am Rand des Lutowe-