weiter unten zurück und halten hier nur fest: Da die signifiés nicht unmittelbar außersprachlichen Gegenständen zuzuordnen sind, sondern nur im Rahmen der langue existieren, spielt für Saussure die Untersuchung des Verhältnisses von Sprache und Welt nur eine höchst untergeordnete Rolle.
Referenz
Die vorgestellten Überlegungen Saussures zur Sprachgebundenheit von Bedeutungen ändern natürlich nichts an der Tatsache, dass Sprachzeichen in einer bestimmten Beziehung zu Gegenständen stehen und sprachliche Äußerungen verwendet werden, um sich auf die Welt zu beziehen. Diesen Bezug nennen wir Referenz. Unter Einschluss dieses Aspekts stellt sich das Zeichenmodell nun wie in Abbildung 9 dar.
Aktuelle Referenz
In einer konkreten Kommunikationssituation, also einem Parole-Akt, referiert der Sprecher mittels eines Zeichens auf einen Referenten. Dies kann z.B. ein konkretes Einzelobjekt sein (Da steht ein Schaf), aber auch eine abstrakte Größe, z.B. die Gattung Schaf (Das Schaf wurde schon frühzeitig domestiziert). Für die Verständigung ist es sehr wichtig zu wissen, worauf der Sprecher genau referiert: Ich hätte gern ein Schaf – meint er jetzt ein lebendiges, ein geschlachtetes oder ein Stofftier? Wir sprechen hier von der aktuellen Referenz des Zeichens.
Potenzielle Referenz
Als Langue-Einheit haben Sprachzeichen keine aktuelle Referenz. Sie werden jedoch auf Grund ihrer Bedeutung zur Referenz auf bestimmte Dinge ausgewählt. Schaf ist etwa geeignet, auf diverse Schafe, wirkliche, vorgestellte oder gezeichnete, auf Schafe überhaupt usw. zu referieren. Es ist aber nicht geeignet, um auf Kühe, Bücher oder Autos zu referieren. Beim Sprachzeichen als Langue-Einheit sprechen wir daher von potenzieller Referenz.
Abb. 9: Die Referenz des sprachlichen Zeichens
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Dass es Unterschiede zwischen den valeurs von Sprachzeichen in verschiedenen Sprachen gibt, wie Saussure es hervorhebt, können wir nun folgendermaßen reformulieren: Die potenzielle Referenz solcher Zeichen, z.B. von sheep und mouton, ist nicht identisch: mouton kann man auf Referenten anwenden, für die sheep nicht infrage kommt. Sie ist allerdings teilidentisch: Es gibt (eine große Menge von) Referenten, für die man im Französischen das Zeichen mouton, im Englischen sheep verwenden kann. Die aktuelle Referenz, von der wir in Bezug auf zwei Sprachen allerdings eigentlich nur sprechen können, wenn es sich um Übersetzungen handelt, sollte dagegen immer identisch sein (sonst ist die Übersetzung falsch oder wenigstens problematisch). Im Beispiel von Saussure, der Tischszene, haben also mouton und mutton dieselbe aktuelle Referenz.
Die onomasiologische Fragestellung: Wie bezeichnet man das Objekt?
Wie bedeutsam nun immer die Berücksichtigung des Aspekts der Referenz für systemlinguistische Untersuchungen sein mag, in der Sprachpraxis, vor allem im Spracherwerb, spielt sie eine herausragende Rolle! Denn für jemanden, der die Konventionen einer Sprache kennenlernen will, ist es ja von fundamentaler Bedeutung, wie er auf bestimmte außersprachliche Größen angemessen referieren kann. Bei der aktiven Verwendung einer Sprache, wenn er also eine Äußerung produzieren will, stellt sich für ihn die Frage: Wie nennt man X?; wie sagt man zu X?; in linguistischer Ausdrucksweise sollte man sagen: Wie bezeichnet man X? oder: Mit welchem Zeichen referiert man auf X? Diese Fragestellung nennt man die onomasiologische (zu griechisch onoma ›Name‹). Und obwohl Saussure ja festgestellt hat – und ich meine: ganz zu Recht! –, dass Sprachzeichen gar nicht direkt bestimmten Gegenständen (bzw. Vorstellungen davon) zugeordnet sind, bekommen wir auf eine solche Frage im Allgemeinen dennoch eine durchaus brauchbare Antwort. Manchmal allerdings auch zwei oder noch mehr, und daran erkennen wir, wie richtig Saussures Überlegungen sind. Auf die Frage: »Mit welchem Zeichen referierst du auf
Die semasiologische Fragestellung: Was bedeutet der Ausdruck?
Die andere Situation, in der sich ein Sprachlerner befindet, ist die des so genannten passiven Sprachgebrauchs: Er will die sprachliche Äußerung eines anderen verstehen oder wissen, was ein bestimmtes Zeichen (zugänglich ist ihm ja immer nur der signifiant) bedeutet. Die Frage wäre hier also: »Was bedeutet mouton, agneau?« Diese Fragestellung nennt man die semasiologische (zu griechisch sema, semeinon |55◄ ►56| ›Zeichen‹). Hier geht es darum, den einem signifiant zugeordneten signifié zu bestimmen. Da die psychische Größe signifié nicht unmittelbar greifbar ist (man kann auch nicht auf sie zeigen oder dergleichen), ist die Antwort auf eine solche Frage in der Regel eine Bedeutungsumschreibung, in der allerdings oft auch etwas über den Referenten selbst gesagt wird. Die Antwort auf unsere Beispielfrage (aus dem Larousse de la cuisine) lautet (in meiner Übersetzung):
Im Fleischerhandwerk nennt man mouton ein agneau, das älter als ein Jahr ist. Sein Fleisch ist weniger zart, hat aber einen ausgeprägteren Geschmack. […] In Europa ist mouton-Fleisch relativ selten, weil der Verbraucher bei weitem l’agneau vorzieht, aber es ist noch sehr beliebt in Indien, Nordafrika und im mittleren Orient, wo es stark gewürzt zubereitet wird.
Eine praktische Aufgabe der Sprachwissenschaft ist es u.a., die Konventionen der Sprachen zu erklären, die Erklärungen zusammenzufassen und sie Sprachbenutzern zugänglich zu machen. Für die Sprachzeichen mit referenzieller Bedeutung geschieht dies in Wörterbüchern. Die anderen sprachlichen Zeichen sind dort nur zum Teil erfasst; sie werden zusammenfassend in Grammatiken beschrieben. Wir wenden uns im Folgenden zunächst den referenziellen Zeichen zu, die im Wörterbuch beschrieben werden. Die gebräuchlichsten Wörterbücher sind semasiologisch ausgerichtet, d.h. sie listen – normalerweise in alphabetischer Folge – signifiants auf und geben dazu Erläuterungen, u.a. zum signifié. Diese Bedeutungserklärungen bilden den Gegenstand des folgenden Kapitels.
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10 Bedeutungsbeschreibungen im Wörterbuch
Lexikalische Semantik
Das Saussuresche Zeichenmodell sieht außerordentlich einfach aus. Es soll die Zuordnungsbeziehungen zwischen signifiants und signifiés darstellen, die in ihrer Gesamtheit im Wörterbuch einer Sprache aufzufinden sind. Wie wir schon bei der Übersicht über die sprachwissenschaftlichen Teildisziplinen festgestellt haben, bildet die Beschreibung der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke den Gegenstand der Semantik. Mit der Untersuchung der Bedeutung von Lexikoneinheiten wenden wir uns der lexikalischen Semantik zu. Schauen wir uns nun einmal an zwei Beispielen an, wie die Bedeutungsangaben in Wörterbucheinträgen aussehen.
Wir sehen am Textbeispiel 11 unmittelbar, dass die Verhältnisse offenbar viel komplizierter sind, als es das einfache Modell nahelegt (und dass Wörterbucheinträge gar nicht einfach zu lesen sind). Wir wollen die Beispiele nun besprechen und sehen, welche Differenzierungen wir an unserem einfachen Modell vornehmen müssen.
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Textbeispiel 11: Zwei Wörterbucheinträge
1weiß [vajs]: ↑wissen
2weiß [ – ] <Adj.: -er, -este; nicht adv.> [mhd. wīʒ, ahd. (h)wīʒ, eigentl. = glänzend]:
1. von der hellsten Farbe; alle sichtbaren Farben, die meisten Lichtstrahlen reflektierend (Ggs.: schwarz 1): w. wie Schnee; -e Schwäne, Wolken, Lilien; -e Wäsche, Gardinen; ein -es Kleid; -e Haare; die -en und die schwarzen Felder des Spielbretts; der Rock war rot und w. gestreift; sie hat strahlend, blendend -e Zähne; die Wand w. tünchen; -es (unbeschriebenes)