bis achter Monat): In diesem Alter produzieren die Kinder nun isolierte Vokale und Vokale in Serie, die vergleichbar mit den Vokalproduktionen Erwachsener sind. Es erfolgt ein Experimentieren mit Tönen, z. B. Quietschen, vokalische Gleitlaute mit Veränderung der Vokalqualität, inspiratorische Lautbildung (bei Einatmung) und Variationen in der Lautstärke. Es können erste marginale Lallversuche verzeichnet werden (Nathani et al. 2006).
■ Phase des kanonischen Lallens (fünfter bis zehnter Monat): Es ist davon auszugehen, dass diese Phase als Prädiktor für spätere Aussprache- bzw. Sprachentwicklungsstörungen angesehen werden kann (Fox-Boyer / Schäfer 2015). Bei der Entwicklung von einfachen kanonischen Silbenrealisationen kommt es zu Einsilbern, Zweisilbern und kanonischen Silbenketten. Das kanonische Lallen kann durch die Aneinanderreihung gleicher oder unterschiedlicher CV-Silben charakterisiert sein.
■ Phase der weiterentwickelten Formen (neunter bis 18. Monat): In der Phase der weiterentwickelten Formen treten nun vermehrt Diphthonge, wie [ai, oi, au], sowie komplexe Silben auf. Als drittes Merkmal treten multisyllabische Ketten mit gleichbleibenden Intonations- und Betonungsmustern (VCVCV, VCVCCVCV) auf (kanonischer Jargon). Nachweislich besteht ein Zusammenhang zwischen dem motorischen Training des Lallens und der Fähigkeit, Wörter zu produzieren.
1.5 Expressive phonetisch-phonologische Entwicklung (> 1 Jahr)
Das Kind hat in den ersten Monaten seines Lebens seine Phonation und frühe Artikulation ausprobiert und mehr und mehr verfeinert. Jetzt, in der Phase der sprachlichen Entwicklung, muss es diese Einheiten in einem übergeordneten System organisieren, um Bedeutungen auszudrücken und zu differenzieren. Die einsetzende phonologische Entwicklung hängt demnach untrennbar mit der semantisch-lexikalischen Entwicklung zusammen. Es besteht eine direkte Verbindung zwischen dem Phonologieerwerb und dem Erwerb von Wortformen als Teil des Lexikonerwerbs (Fox-Boyer et al. 2014a). Diese Phase der sprachlichen Entwicklung beginnt mit dem Stadium der ersten Wortproduktionen im Alter von neun bis 15 Monaten.
Wortproduktion Nach Mogharbel / Deutsch (2007) kann eine kindliche Vokalisation erst dann als Wort bezeichnet werden, wenn sie „eine relativ stabile phonetische Form [aufweist], die einem Modellwort einigermaßen ähnlich ist und die wiederholt in einem bestimmten Situationskontext geäußert wird“ (Mogharbel / Deutsch 2007, 24). Die phonologischen Strukturen dieser ersten Wörter entsprechen in ihrer Form sowohl im Hinblick auf die bevorzugten Laute als auch auf die Strukturen (CV, CVCV oder CVC) den vorherigen kanonischen Lalläußerungen (Fox-Boyer / Schäfer 2015).
Zum normalen Erwerb des phonologischen Systems im Deutschen existiert bisher nur eine überschaubare Anzahl von Untersuchungen, die teilweise aufgrund unterschiedlicher Studiendesigns, Beschreibungskategorien und Interpretationskriterien nur bedingt vergleichbar sind. Tabelle 1 stellt die publizierten deutschsprachigen Studien (N > 20) dar.
Tab. 1: Überblick der deutschsprachigen Studien zur phonetisch-phonologischen Entwicklung von Kindern im Deutschen (N > 20)
Autor | N | Alter | Untersuchte Strukturen |
Möhring (1938) | 2102 | Ø 7;6 | Phon- und Phonem-Inventar |
Grohnfeldt (1980) | 312 | 3;0 bis 6;0 | Phonem-Inventar |
Fongaro-Leverin (1992) | 24 | 2;1 bis 5;0 | Phonologische Prozesse |
Romonath (1991) | 34 | 5;4 bis 6;7 | Phonologische Prozesse |
Fox/Dodd (1999) | 177 | 1;6 bis 5;11 | Phon- und Phonem-Inventar PCC, PCI Konsonantenverbindungen: Erwerbsalter und Reduktionsmuster Phonologische Prozesse |
Fox-Boyer (2005) | 423 | 2;0 bis 5;11 | Phonologische Prozesse |
Schäfer/Fox (2006) | 30 | 2;0 bis 2;11 | Inkonsequenzrate |
Fox-Boyer (2014) | 717 | 2;0 bis 5;11 | Phonologische Prozesse |
Fox-Boyer (2016a) | 246 | 2;6 bis 3;11 | Anzahl phonologischer Prozesse und Einzelabweichungen |
Kubaschk/Fox (2015) | 77 | 2;5 bis 3;11 | Stimulierbarkeit von Phonen |
Schäfer/Fox-Boyer (2016) | 145 | 2;0 bis 2;11 | Initiale Konsonantenverbindungen PCCCa, PCCCp, Erwerbsalter, Reduktionsmuster |
Fox-Boyer/Neumann, C. (2016) | 427 | 2;0 bis 4;11 | Initiale Konsonantenverbindungen PCCCa,p, Erwerbsalter, Reduktionsmuster |
1.5.1 Phon-Erwerb
Im Rahmen des phonetisch-phonologischen Erwerbs müssen Kinder, die mit deutscher Muttersprache aufwachsen, insgesamt 24 Konsonanten [p b m f v t d s z n l r ʃ ç j k g x ŋ ʁ h? pf ts] und 16 Vokale [a e i o u y ø æ ɛ ɪ ɔ ʊ ʏ au aɪ ɔɪ] (bezogen auf das Hochdeutsche nach Grassegger 2015) erwerben. Das Kind durchläuft motorische Reifungsprozesse, die ihm immer differenziertere Artikulationsbewegungen ermöglichen (Fox-Boyer et al. 2014a). Im Folgenden sollen Daten zur Fähigkeit, einen Laut isoliert artikulatorisch korrekt zu bilden (phonetische Ebene), dargestellt werden.
Konsonanten In der Studie von Fox / Dodd (1999) wurden dazu zwei alternative Kriterien verwendet. Es wurde betrachtet, wann einzelne Laute / Phone von 75 % der Kinder einer Altersgruppe mindestens zweimal korrekt produziert wurden und das Phon somit als erworben galt (unabhängig davon, ob der Laut an korrekter Stelle gebildet wurde). Das zweite Kriterium setzt die gleichen Bedingungen voraus, aber zu 90 %. Fox / Dodd (1999) konnten deutlich zeigen, dass die Mehrzahl der Konsonanten schon sehr früh erworben wird und demnach im kindlichen phonetischen Inventar enthalten ist. Ein signifikanter Unterschied zwischen Jungen und Mädchen wurde nicht festgestellt.
Abb. 1: Erwerb des phonetischen Inventars entsprechend 75 %-Kriterium und 90 %-Kriterium (nach Fox / Dodd 1999, N = 177)
Bei Betrachtung des 90 %-Kriteriums können mit 2;11 Jahren alle Phone bis auf / j / , / ŋ / , / ʃ / und / ç / als erworben gelten (Abb. 1).
25 bis 40 % der Kinder zeigten einen Sigmatismus interdentalis oder Sigmatismus addentalis als eine phonetische Variation der Phoneme / s / , / z / und / ts / durch konstante Realisation als [θ, ð, tθ] (Fox-Boyer / Schäfer 2015).
Zu beachten ist allerdings, dass es sich hier um eine kleine Stichprobe pro Altersgruppe handelt, so dass diese Daten nicht als verlässlich gelten können. Des Weiteren wurden diese aus der spontanen Wortproduktion abgeleitet. Die Studie von Kubaschk et al. (2015) konnte zeigen, dass bereits im Alter von 2;5 bis 3;11 Jahren alle Phone des Deutschen bei fast allen untersuchten Kindern (N = 77) stimulierbar waren, so dass davon auszugehen ist, dass die phonetische Produktionskompetenz bereits früher vorhanden ist als sich das auf Wortebene zeigt.
Vokale Das hochdeutsche Vokalsystem umfasst 17 Monophthonge und drei Diphthonge, wobei vier zusätzliche Diphthonge durch die postvokalische Realisierung [ɐ] des / ʁ / entstehen: / ɛɐ / , / ɔɐ / , / ɶɐ / , / oɐ / .
Fox / Dodd (1999) untersuchten in ihrer Studie Vokalfehler der deutschsprachigen Kinder (N = 117). Sie belegten in der Altersgruppe von 1;6 bis 2;11 Jahren eine Vokalfehlerrate von 3 %, während diese in der Altersgruppe 3;0 bis 4;11 Jahre auf eine Fehlerrate von 1 % absank. Hierbei waren weniger Monophthonge als Diphthonge betroffen. Diese wurden zu mehr als zwei Drittel auf ihr erstes Element reduziert. Nach Lleó et al. (2003) erwerben Kinder (1;3 bis 2;6 Jahre) erst spät den Schwa-Laut / ə / , was auf dessen reduzierte Merkmalsspezifikation und auf sein gehäuftes Auftreten in unbetonten Silben, die nicht so gut wahrgenommen und verarbeitet werden können, zurückzuführen sei (Stoel-Gammon / Pollock 2008).
1.5.2 Phonem-Erwerb
Fox-Boyer (2016a) definiert ein konsonantisches Phonem als erworben, wenn es von einem Kind mindestens in zwei Drittel aller Auftretensmöglichkeiten (z. B. in einem Benenntest wie PLAKSS-II, Fox-Boyer 2014a) korrekt realisiert wird.
Abbildung 2 zeigt, welche Phoneme bis zum Alter von 4;11 Jahren dem in Kapitel 1.5.1 erklärten 75 %- und 90 %-Kriterium entsprechend erworben sind. Es konnte, wie beim phonetischen Inventar,