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Sprachliche Höflichkeit


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(relational workrelational work) gearbeitet. Diesen Forschungsansatz nennen Graham/Locher Interpersonal PragmaticsInterpersonal Pragmatics bzw. Interpersonale Pragmatik, womit die relationale bzw. interpersonale Perspektive auf Interaktion bezeichnet wird, und zwar unabhängig davon, welche Analysekonzepte letztlich angewandt werden (Locher/Graham 2010, 2; vgl. auch Haugh et al. 2013, 9). Eine interpersonale Perspektive bedeutet nicht, dass ausschließlich (Un)Höflichkeitsaspekte interessieren, aber diese können durchaus im Vordergrund stehen.

      In den vergangenen Jahren haben Forscherinnen und Forscher eine Reihe theoretischer Konzepte und Positionen angewendet, um Interaktionen von einer interpersonalen Warte aus zu diskutieren (wobei die Kompatibilität untereinander variiert, auch wenn der klassische Höflichkeitsansatz in jedem Fall erweitert wird). So entwirft Arundale (2010a, b) eine Theorie zur Konstituierung von Gesicht, die, wie er betont, nicht mit Höflichkeitstheorie gleichzusetzen ist. Langlotz (2010, 2015) entwickelt eine sozio-kognitive Theorie situationsgebundener sozialer Bedeutung. Um Interaktionen unter Berücksichtigung ihres lokalen und sozialen Kontexts zu diskutieren, übernehmen Locher/Watts (2005, 2008) das Konzept der Rahmen-Analyse (frames), das aufgrund seiner historischen und kognitiven Dimension und Flexibilität besticht. Im Gegensatz dazu schlägt Garcés-Conejos Blitvich (2013) vor, Faircloughs Konzepte Diskurs, Genre und Stil zu verwenden, um die dynamische Herausbildung von Normen zu beschreiben. Spencer-Oatey (2007, 2011), Locher (2008, 2012, 2014) und Garcés-Conejos Blitvich (2009) weisen darauf hin, dass eine enge Verbindung besteht zwischen Identitätskonstruktion und Höflichkeitsfragen, wie sie zuvor in der (Un)Höflichkeitsliteratur diskutiert wurden. Langlotz/Locher (2012, 2013, 2017; Locher/Langlotz 2008), Spencer-Oatey (2011), Culpeper (2011), Culpeper et al. (2014) und Kádár/Haugh (2013) betonen die maßgebliche Rolle von Emotionen für das Aushandeln von Bedeutung und Beziehungen und knüpfen somit an Erkenntnisse aus der Psychologie und den Kognitionswissenschaften an. Culpeper/Haugh (2014, 197–198) plädieren für eine stärkere Erforschung interpersonaler Einstellungen (inkl. zwischenmenschlicher Emotionen und wechselseitiger Bewertungen). Culpeper (2011), Kádár/Haugh (2013) und Haugh (2015) loten die Aussagekraft metapragmatischer Signale aus, und Haugh (2015) konzentriert sich auf Implikaturen bezüglich (Un)Höflichkeit.

      Diese Übersicht ist zugegebenermaßen lückenhaft und unvollständig. Dennoch lässt sich erkennen, dass sich die jüngere (Un)Höflichkeitsforschung gerne und auf kreative Weise der Konzepte anderer Fachrichtungen bedient, um die Analyseverfahren zur Erfassung dessen, was auf der Beziehungsebene geschieht, zu verfeinern. Allerdings variiert die Rolle, die (Un)Höflichkeit in diesen Forschungsansätzen spielt, stark. Für die einen mag eine (Un)Höflichkeitsnorm einer unter vielen potenziellen Ansätzen sein, Interaktionen bzw. Bedeutungsgenerierung zu erklären. Für andere stellt (Un)Höflichkeit die zentrale soziale Größe zur Erklärung von Variation dar. Man ist also gut beraten, das jeweilige Erkenntnisinteresse, das mithilfe der gewählten Methodik verfolgt werden soll, genau zu fassen.

      3. Methodenmix und Anleihen bei anderen Disziplinen

      Das zweite nennenswerte Thema betrifft die Tendenz, die Grenzen der ursprünglichen Höflichkeitstheorien auszuweiten und Anleihen bei anderen linguistischen (z.B. Identitätskonstruktion) und nicht-linguistischen Forschungsbereichen zu nehmen. Dies wird etwa deutlich, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehrere linguistische Methoden und Werkzeuge verwenden, was uns mit einer größeren Bandbreite von Datentypen konfrontiert (etwa erfundene Beispiele, experimentelle Daten aus Ergänzungstests und Rollenspielen, natürliche Face-to-Face-Interaktionen, geschriebene Daten, Korpusdaten, Feldforschungsdaten, Teilnehmerbefragungen). Außerdem bereichern Erkenntnisse aus anderen Disziplinen die sprachwissenschaftliche Theoriebildung. So betont z.B. Culpeper in seinem Buch über (Un)Höflichkeit (2011) den fundamental interdisziplinären Charakter von Unhöflichkeitsphänomenen, indem er auf Erkenntnisse aus der Sozialpsychologie, Soziologie, Konfliktforschung und Geschichte sowie aus den Medien-, Wirtschafts- und Literaturwissenschaften zurückgreift. Nähme man die konsensorientierten Strömungen innerhalb des Spektrums der Beziehungsarbeit hinzu, wäre noch an die Bereiche RhetorikRhetorik und ÜberzeugungsarbeitÜberzeugungsarbeit (im Sinne von Angleichung und Abkehr) zu denken.

      Interessanterweise erfolgt diese Entwicklung offenbar nur einseitig: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jener Fachrichtungen, deren Erkenntnisse sich für die (Un)Höflichkeitsforschung als nutzbringend erwiesen haben, sehen oft keine Notwendigkeit, Ergebnisse aus der (Un)Höflichkeitsforschung in ihr Denken zu integrieren. Beispielsweise werden in der Gesprächsanalyse wiederholt Bewältigungsstrategien in heiklen Situationen erklärt, ohne Konzepte aus der (Un)Höflichkeitsforschung einzubeziehen (z.B. Silverman/Peräkylä 1990, Miller 2013).

      In ihrem Epilog zur Sonderausgabe des Journal of Politeness Research zu Gesicht, Identität und (Un)Höflichkeit räumen Hall/Bucholtz (2013) ein, dass eine verstärkte Berücksichtigung von Konzepten wie Gesicht und GesichtsarbeitGesichtsarbeit (faceworkfacework) für ihre Forschung gewinnbringend sein könnte; allerdings gehen sie nicht auf Höflichkeit als eigenständigen Ansatz ein, um Identitätskonstruktion befriedigend zu beschreiben.

      „We have titled this epilogue ’Facing identity’ as a bidirectional call for a deeper consideration of the relationship between face and identity: to scholars of politeness to consider the place of identity in facework; and to scholars of identity to consider the place of face in identity work. Although we did not explicitly build politeness into our model of identity and interaction, we are now freshly reminded, after familiarizing ourselves with the excellent research featured in this special issue, that facework, at once rational and emotional, is fundamental to the workings of identity, as human positioning is always sensitive to the reflection of one’s image in the eyes of another.“ (Hall and Bucholtz, 2013, 130)

      Eine ähnliche Haltung kann in vielen Untersuchungen der Angewandten Linguistik beobachtet werden. Eine Literaturauswertung für ein Kapitel über (Un)Höflichkeit im medizinischen Kontext (Locher/Schnurr 2017) ergab bemerkenswerterweise, dass es eine Fülle an Literatur gibt, die verschiedene auch für den Bereich der (Un)Höflichkeitsforschung relevante Phänomene behandelt, darunter der Umgang mit heiklen Situationen, Tabus und spezifischen Gesundheitsthemen, das Aushandeln von Wissens- und Machtunterschieden oder der Gebrauch von Humor und lexikalischen Heckenausdrücken zur Entschärfung einer Situation. Allerdings kommt ein Großteil dieser Literatur auch ohne die Erkenntnisse aus der (Un)Höflichkeitsforschung aus, um Interaktion valide zu beschreiben. Daher stellt sich letztlich die Frage nach dem Wert der frühen Theorien sowie nach der Relevanz des gegenwärtigen Ansatzes. Wenn Erklärungen zur Generierung von Bedeutung in der Interaktion ohne ein HöflichkeitsprinzipHöflichkeitsprinzip (Leech), ohne das Konzept der Entschärfung und ohne die Berücksichtigung von gesichtsbedrohenden Aktengesichtsbedrohenden Akten (Brown/Levinson) auskommen, was bedeutet dies für die angenommene Universalität dieser Theorien? Wie müssen die beobachtbaren Strategien interpretiert werden, wenn man sie mit allem anderen, das in der Interaktion parallel dazu abläuft, in Beziehung setzt? In welchem Verhältnis stehen die Theorien der (Un)Höflichkeitsforschung zur Historischen, Kognitiven und Angewandten Linguistik bzw. zu Identitätskonstruktion, Rhetorik und ÜberzeugungsarbeitHistorischen, Kognitiven und Angewandten Linguistik bzw. zu Identitätskonstruktion, Rhetorik und Überzeugungsarbeit?

      Es gibt auf diese Fragen keine simplen Antworten. Bei meiner eigenen Arbeit im Bereich der Interpersonalen PragmatikInterpersonalen Pragmatik habe ich die ursprünglichen theoretischen Konzepte zunehmend als zu eng und nicht mehr adäquat empfunden (z.B. Höflichkeit als theoretischen Begriff ohne emische Komponente), da mein Erkenntnisinteresse einen ganzheitlicheren Blick auf Interaktion inklusive der Beziehungsebene erfordert. Dies führte mich zu einem umfassenderen Begriff, jenem der relationalen Arbeit bzw. der Beziehungsarbeit, der „alle Anstrengungen, die Individuen in die Konstruktion, Aufrechterhaltung, Reproduktion und Transformation der wechselseitigen Beziehung als Agierende in der sozialen Praxis investieren“ (Locher/Watts 2008, 96, meine Übersetzung) in sich vereint. Dabei ist es weiterhin möglich, mit dem Begriff GesichtGesicht zu arbeiten und somit gesichtserhaltende, gesichtsaufwertende oder gesichtsschädigende multi-modale Strategien während der Aushandlung solcher Beziehungen zu beschreiben. Mit anderen Worten deckt sich dieser Ansatz weitgehend mit dem oben zitierten Appell von Hall/Bucholtz