George Sand

Gesammelte Werke


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sanf­tes und ge­dul­di­ges We­sen. Ich habe ihm mein Herz und mei­ne Ohren ver­schlos­sen; es war ihm auch gar nicht dar­um zu tun, mich zu be­we­gen, dass ich sie ihm öff­ne­te. Er führ­te mich spa­zie­ren, ver­sorg­te mich mit Klei­dung, Es­sen, wie ein Kind. Ich ver­zich­te­te dar­auf, nach mei­ner Wei­se zu le­ben; ich ge­wöhn­te mich dar­an, Un­glück, Un­ge­rech­tig­keit und Un­sinn auf der Erde herr­schen zu se­hen. Ich sah die Men­schen und ihre Ein­rich­tun­gen, der Un­wil­le hat in mei­nem Her­zen dem Mit­leid Platz ge­macht, denn ich ge­wahr­te, dass das Un­glück der Un­ter­drück­ten klei­ner ist als das der Un­ter­drücker. In mei­ner Kind­heit hat­te ich nur für die Schlachtop­fer ein Herz; mich er­griff nun Mit­leid mit den Hen­kern, den be­jam­merns­wer­ten Bü­ßern, die in ih­rem ge­gen­wär­ti­gen Da­sein die Stra­fe der Ver­bre­chen tra­gen, wel­che sie in ih­ren frü­he­ren Zu­stän­den be­gan­gen ha­ben, und wel­che Gott dazu ver­dammt hat, böse zu sein, ein tau­send­mal här­te­res Loos als das ist, ihr un­schul­di­ges Op­fer zu wer­den. Seht, des­halb gebe ich nur noch Al­mo­sen, um mir selbst die Last des Reich­tums leich­ter zu ma­chen, ohne euch mit mei­nen Pre­dig­ten zu quä­len, denn ich weiß jetzt, dass die Zeit, glück­lich zu sein, noch nicht ge­kom­men ist, weil, um mensch­li­cher­wei­se zu re­den, die Zeit, gut zu sein, noch fern ist.

      – Und jetzt, wo du die­sen Wäch­ter, wie du ihn nann­test, los bist, jetzt, wo du in Ruhe le­ben kannst, ohne das Schau­spiel von Not und Elend vor Au­gen zu ha­ben, die du um dich her, Schritt für Schritt, ver­tilgst, ohne dass sich je­mand dei­nem ed­len Han­ge wi­der­setzt, sage, kannst du jetzt nicht eine An­stren­gung ge­gen dich selbst ma­chen, um dei­ne in­ne­ren Auf­re­gun­gen zu un­ter­drücken?

      – Fra­get mich nichts mehr, mei­ne Lie­ben! ant­wor­te­te Al­bert; ich wer­de heu­te nichts wei­ter sa­gen.

      Er hielt, Wort und mehr; denn er tat eine gan­ze Wo­che lang die Lip­pen nicht auf.

      2.

      Al­ber­t’s Ge­schich­te wird sich mit we­ni­gen Wor­ten be­en­den las­sen, lie­be Por­po­ri­na, denn wenn ich nicht im­mer das­sel­be wie­der­er­zäh­len will, so habe ich bei­nah nichts mehr mit­zu­tei­len. Das Be­tra­gen mei­nes Vet­ters wäh­rend der acht­zehn Mo­na­te, die ich hier zu­ge­bracht habe, ist nur eine be­stän­di­ge Wie­der­ho­lung der Wun­der­lich­kei­ten ge­we­sen, wel­che Sie nun ken­nen. Nur dass sei­ne vor­geb­li­che Erin­ne­rung des­sen, was er in frü­he­ren Jahr­hun­der­ten ge­we­sen und er­lebt, einen An­strich von er­schre­cken­der Wirk­lich­keit er­hielt, als Al­bert eine son­der­ba­re und wahr­haft un­er­hör­te Fä­hig­keit zu ent­wi­ckeln an­fing, von der Sie viel­leicht schon ha­ben re­den hö­ren, an die ich aber nicht glaub­te, be­vor ich den Be­weis an ihm vor Au­gen sah. Eine Fä­hig­keit, die, wie man sagt, in an­de­ren Län­dern, »das zwei­te Ge­sicht« ge­nannt wird, wo die­je­ni­gen, die in Be­sitz der­sel­ben sind, ei­ner großen Ver­eh­rung un­ter dem aber­gläu­bi­schen Vol­ke ge­nie­ßen. Ich für mein Teil weiß nicht, was ich da­von den­ken soll und wer­de mich hü­ten, Ih­nen so et­was wie eine ver­nünf­ti­ge Er­klä­rung der Sa­che an­zu­bie­ten; aber ich fin­de einen Grund mehr dar­in, nie­mals die Frau ei­nes Man­nes zu wer­den, der, auf hun­dert Mei­len weit, alle mei­ne Hand­lun­gen se­hen, der fast in mei­nen Ge­dan­ken le­sen könn­te. Eine sol­che Frau müss­te zum min­des­ten eine Hei­li­ge sein, und – den­ken Sie! das mit ei­nem Man­ne, der dem Teu­fel er­ge­ben zu sein scheint!

      – Sie ha­ben die Gabe, über al­les zu scher­zen, sag­te Con­sue­lo, und ich be­wun­de­re die Hei­ter­keit, mit wel­cher Sie von Din­gen re­den, die mir die Haa­re zu Ber­ge trei­ben. Wo­rin be­steht denn die­ses »zwei­te Ge­sicht?«

      – Al­bert sieht und hört, was kein an­de­rer se­hen und hö­ren kann. Wenn je­mand, den er liebt, kom­men soll, den in der Tat kein Mensch er­war­tet, so weiß er es, und geht ihm eine Stun­de weit ent­ge­gen. Eben­so zieht er sich zu­rück und schließt sich in sei­nem Zim­mer ein, wenn er je­man­den, der ihm un­an­ge­nehm ist, in wei­ter Fer­ne spürt.

      Ei­nes Ta­ges, als er mit mei­nem Va­ter spa­zie­ren ging, hielt er auf ei­nem Berg­pfad plötz­lich an und mach­te einen großen Um­weg durch Ge­stein und Dorn, um eine ge­wis­se Stel­le nicht zu be­tre­ten, die in­des­sen nichts Be­son­de­res hat­te. Ei­ni­ge Au­gen­bli­cke spä­ter ka­men sie an den­sel­ben Ort zu­rück und Al­bert mach­te das­sel­be Ma­nö­ver. Mein Va­ter, der dies sah, tat als ob er et­was ver­lo­ren hät­te und ver­such­te ihn an eine alte Tan­ne zu­rück­zu­füh­ren, wel­che der Ge­gen­stand sei­nes Wi­der­wil­lens zu sein schi­en. Nicht nur ver­mied es Al­bert, sich dem Baum zu na­hen, son­dern er um­ging so­gar den Schat­ten, wel­chen der­sel­be über den Weg warf, und ver­riet, als mein Va­ter über die­sen Schat­ten hin und her schritt, ein Un­be­ha­gen und eine Angst zum Er­stau­nen. Da mein Va­ter zu­letzt hart am Stam­me des Bau­mes ste­hen blieb, stieß Al­bert einen Schrei aus und rief ihn has­tig von dort hin­weg. Er wei­ger­te sich lan­ge, sich über die­sen Ein­fall zu er­klä­ren, und erst, nach­dem ihn die gan­ze Fa­mi­lie mit Bit­ten be­stürmt hat­te, sag­te er, der Baum be­zeich­ne ein Grab, und ein großes Ver­bre­chen sei an die­ser Stel­le ver­übt wor­den.

      Der Ka­plan hielt es für sei­ne Pf­licht, wenn Al­bert Kun­de von ei­ner ehe­dem an die­ser Stel­le be­gan­ge­nen Mord­tat hät­te, nä­he­re Aus­kunft zu ver­lan­gen, um viel­leicht ver­las­se­ne Ge­bei­ne der Gra­bes­ru­he zu über­ge­ben.

      – Hü­ten Sie sich! sag­te Al­bert mit dem spot­ten­den und zu­gleich weh­mü­ti­gen Ton, den er oft an­zu­neh­men weiß. Der Mann, das Weib und das Kind, die Sie da fin­den wer­den, wa­ren Hus­si­ten; der trun­ke­ne Wences­las hat sie von sei­nen Sol­da­ten um­brin­gen las­sen, als er sich in ei­ner Nacht in un­sern Wäl­dern ver­steck­te und von ih­nen be­merkt und ver­ra­ten zu wer­den fürch­te­te.

      Man trug die­se Ge­bei­ne tiefer in den Wald und mein Va­ter be­merk­te spä­ter mehr­mals, dass Al­bert an der Tan­ne, wo man die auf­ge­gra­be­ne Stel­le vor­sich­tig wie­der mit Erde und Stei­nen be­deckt hat­te, ohne Wi­der­stre­ben vor­über­ging. Er dach­te nicht ein­mal mehr an die Auf­re­gung, in wel­cher er sich bei je­ner Ge­le­gen­heit be­fun­den hat­te, und konn­te sich nur mit Mühe dar­auf be­sin­nen, als man ihn dar­an er­in­ner­te.

      – Ihr täuscht euch wohl, sag­te er zu sei­nem Va­ter, es muss eine an­de­re Stel­le ge­we­sen sein, wo sich’s mir an­zeig­te. Hier ist ganz ge­wiss nichts, denn ich spü­re kei­nen Frost, kei­nen Schmerz, kein Zit­tern in mei­nem Kör­per.

      Mei­ne Tan­te hat­te eine große Nei­gung, die­ses Ah­nungs­ver­mö­gen ei­ner be­son­dern Gunst des Him­mels bei­zu­mes­sen. Aber Al­bert ist so fins­ter, so ge­pei­nigt und so un­glück­lich, dass man nicht be­greift, warum der Him­mel ihm ein so schäd­li­ches Ge­schenk ver­lie­hen ha­ben soll­te. Wenn ich an den Teu­fel glaub­te, so wür­de ich die Mei­nung des Ka­plans,