Susanne Kabatnik

Leistungen von Funktionsverbgefügen im Text


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wirkt sich demnach nicht nur auf die syntaktische Ebene, sondern auch auf die textuelle aus (vgl. Gautier 1998, Storrer 2006a, 2013). Im Einzelnen werden diese strukturellen Möglichkeiten der Funktionsnomen sowie ihre Funktion auf der Ebene des Textes in Kap. 3 behandelt.

      Interessant ist, dass sich derartige Hinweise auf syntaktische und kommunikative bzw. textuelle Leistungen von Funktionsverbgefügen auch in der polonistischen Forschungsliteratur zu Nomen-Verb-Verbindungen finden, d.h. auch bestimmte polnische Funktionsverbgefüge sind attribuierbar, referenzfähig und können im Satz verschiedentlich positioniert werden (vgl. Kaczor 2013: 21f.; Żmigrodzki 2000: 113ff./145ff.; Klinger 1983: 93ff./99ff.). Aufgrund dieser Hinweise aus der polonistischen Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen wird zur Untersuchung von textuellen Funktionen von Funktionsverbgefügen das Polnische als Vergleichssprache herangezogen und auf Kon- und Divergenzen überprüft. Bislang fehlt eine umfassende textlinguistische und kontrastive Untersuchung von Funktionsverbgefügen auf ihre Leistungen im Textzusammenhang. Diese Forschungslücke soll mit der vorliegenden Dissertation geschlossen werden, für die im Folgenden die Forschungsfragen formuliert werden.

      4 1. Forschungsfragen und Ziele

      In der germanistischen und der polonistischen Forschungsliteratur zu Funktionsverbgefügen existieren Hinweise auf semantische, syntaktische sowie textuelle Leistungen von Funktionsverbgefügen. Ich gehe im Folgenden zuerst auf die relevanten Eigenschaften deutscher und polnischer Funktionsverbgefüge ein und leite daraus anschließend die Forschungsfragen und Ziele für die vorliegende Dissertation ab.

      Ein weniger festes und lexikalisiertes Funktionsverbgefüge, wie Frage stellen, kann durch z.B. Artikelwörter sowie (Adjektiv-)Attribute (1)/(2) erweitert werden, ist referenzfähig (3)/(4), kann an verschiedenen Positionen im Satz stehen (5)/(6), und unterscheidet sich in Bezug auf seine Aktanten vom Basisverb, vgl. (7)/(8) mit (9)/(10):

Deutsch Polnisch
(1)Sie stellt diese/wichtige Fragen. (2)(Ona) zadaje te/ważne pytania.
(3)Sie stellte ihm eine Frage. Die Frage… (4)Zadaje mu pytanie. Pytanie to…
(5)Eine Frage hat sie gestellt. (6)Pytanie zadała (ona).
(7)Sie hat (ihm) eine Frage gestellt. vs. (8)Zadała (mu) pytanie. vs.
(9)Sie hat (ihn) (etwas) gefragt. (10)Zapytała go o coś.

      Weil die syntaktischen und kommunikativen Leistungen häufig mit weniger festen und lexikalisierten Gefügen, wie Frage stellen, in Verbindung gebracht werden (vgl. Helbig/Buscha 2011: 88ff.; Storrer 2006a/2013), entscheide ich mich für die folgenden Gefüge: Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen sowie für die polnischen Entsprechungen zadać/zadawać pytanie, dać/dawać odpowiedź und podjąć/podejmować decyzję. Trotz der zahlreichen Hinweise in der Forschungsliteratur auf den Zusammenhang von Funktionsverbgefügen mit der Strukturierung von Informationen im Text und kohärenzstiftenden Funktionen, existiert keine mir bekannte deutsche, polnische bzw. deutsch-polnische Monographie, die Leistungen von Nomen-Verb-Verbindungen auf der Ebene des Textes fokussiert.

      Weil Kohärenzbildungs- und Konzeptualisierungsprozesse kognitive Verfahren zur Verarbeitung und Aufbereitung von Informationen darstellen, die nicht an Einzelsprachen gebunden sind (vgl. Levelt 1989, Bierwisch/Schreuder 1992, Schnotz 1994; s. Kap. 1.3), könnte ein Vergleich von zwei typologisch unterschiedlichen Sprachen Hinweise auf kohärenzstiftende Funktionen von Funktionsverbgefügen geben. Was also bislang fehlt, ist eine systematische Klassifikation von Funktionsverbgefügen nach ihren Leistungen im Textzusammenhang. Aus diesem Desiderat können für die vorliegende Dissertation die folgenden Forschungsfragen und Ziele abgeleitet werden:

      1 Mit welchen sprachlichen Einheiten können die ausgewählten deutschen und polnischen Funktionsverbgefüge verknüpft werden und welche Leistungen lassen sich am vorhandenen Datenmaterial nachweisen?

      2 Können im Deutschen und im Polnischen vergleichbare Leistungen von Funktionsverbgefügen identifiziert werden und welche Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede gibt es?

      3 Wie wirkt sich die Verknüpfung von Funktionsverbgefügen mit anderen sprachlichen Einheiten auf die Ebene des Textes aus?

      4 Welche Leistungen erfüllen deutsche und polnische Funktionsverbgefüge im Textzusammenhang?

      5 Wie lassen sich die Leistungen systematisieren und klassifizieren?

      Die aufgeführten Forschungsfragen sollen unter Anwendung sowohl quantitativer als auch qualitativer Analysemethoden anhand einer breit angelegten Korpusuntersuchung der Gefüge Frage stellen, Antwort geben und Entscheidung treffen sowie der polnischen Äquivalente auf der Datengrundlage deutscher und polnischer Wikipedia-Artikel (IDS) beantwortet werden. Die Relevanz der ausgewählten Funktionsverbgefüge ergibt sich zum einen aus der Abfrage ihrer Vorkommensfrequenzen im Vergleich mit anderen Konstruktionen – es handelt sich bei den ausgewählten Gefügen um frequente Konstruktionen. Zum anderen sind diese Gefüge interessant, weil sie alltagsweltliche und miteinander in Relation stehende (Sprach-)Handlungen bezeichnen (vgl. Aitchison 1997), vgl. z.B. das Adjazenzpaar Frage stellen und Antwort geben, aber auch aus handlungslogischer Sicht Fragen stellenEntscheidungen treffen sowie Entscheidungen treffenAntworten geben (vgl. Fetzer 1997: 4; Schegloff 2007; Hinnekamp 2018: 149).

      Die Dissertation zielt auf die Kritik am Gebrauch von Funktionsverbgefügen v.a. in Bezug auf den Stil und die Verständlichkeit in Texten sowie die Forderung nach der Substitution und soll dieser mit einer empirischen Untersuchung mit dem Fokus auf Leistungen von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang entgegnen. Die angewandte Substitution von Funktionsverbgefügen mit Basisverben geht dabei zum einen der Forderung der Stilratgeber zur Vermeidung von Funktionsverbgefügen nach und bildet zum anderen eine Untersuchungsmethode, die die spezifischen Leistungen von Funktionsverbgefügen im Text sichtbar macht. Im folgenden Abschnitt gehe ich auf die ausgewählte Datengrundlage, die Generierung der Gefüge aus dem Korpus sowie die methodische Vorgehensweise der vorliegenden Korpusstudie samt der Bildung von textgrammatischen und -semantischen Annotationskategorien ein.

      2. Daten und Methode

      Die vorliegende Arbeit zielt auf die Untersuchung von Funktionsverbgefügen hinsichtlich ihrer textuellen Funktionen. Weniger feste und lexikalisierte Gefüge stehen dabei im Zentrum der Untersuchung, da diese Gruppe von Nomen-Verb-Verbindungen durch ihre syntaktische Flexibilität mit kommunikativen Leistungen in Verbindung gebracht wird (vgl. Helbig/Buscha 2011: 88ff.; Heine 2006; Storrer 2006a/2013). Die Forschungsfragen beziehen sich in der vorliegenden Untersuchung auf die Verknüpfung von Funktionsverbgefügen mit anderen sprachlichen Einheiten, auf Gemeinsamkeiten und Unterschieden des Sprachenpaars Deutsch und Polnisch sowie auf die Frage nach den Leistungen der Gefüge im Textzusammenhang, für die in den folgenden Abschnitten die Daten und Untersuchungsmethoden vorgestellt werden. Die Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes wurde mithilfe einer Kookkurrenzanalyse mit COSMAS II durchgeführt und aus DeReKo (2018-I) wurden deutsche Funktionsverbgefüge generiert, die anschließend polnischen Funktionsverbgefügen mithilfe von Wörterbüchern und Übersetzungstools im WWW zugeordnet wurden (s. Kap. 2.1). In Abschnitt 2.2 wird die Vorgehensweise bei der Auswahl der Datengrundlage beschrieben, die für die Untersuchung von Funktionsverbgefügen im Textzusammenhang geeignet und in den Sprachen Deutsch und Polnisch verfügbar ist. Anschließend wird in Abschnitt 2.3 die methodische Vorgehensweise bei der Datenerhebung sowie der -analyse beschrieben.

      2.1.