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Fußballkritik


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postulieren strammen Zulauf, ein tatsächliches Credo aber, sei es auch noch so utilitaristisch, verbietet sich dem zu jetzig Zeiten Lebenden und ansatzweise vernünftig Denkenden, da diese Zeiten noch undurchsichtiger geworden sind als vorher, trotz oder gerade wegen der niemals stockenden, sich keinerlei selbstreflektierende Auszeit gönnenden, da dem Profitzwang verdammten Weltberichterstattung. Bericht, ja bitte, aber keine Wertung.

      Vergleich Politik: Hier ist alles erlaubt, in der unablässigen Abfolge von Aussagen, die Politiker von sich geben, mit der gedankenlosen Zähigkeit von Schulkindern, die, noch bevor die Frage gestellt wurde, schon den Zeigefinger in die Höhe schnellen lassen, um dann vorgefertigte Masse von sich zu geben, egal, ob sie danach gefragt wurden oder nach etwas anderem, egal, ob sie überhaupt drangenommen worden sind. Inzwischen gilt unverblümt und öffentlich proklamiert als Staatsräson und – nota bene – als Staatsmoral: Was kümmert mich mein (meist: dummes) Geschwätz von gestern.

      Im Fußball ist das anders. Hier findet man zuallererst ein geschlossenes Weltbild vor, mit festen Geboten, deren Einhaltung relativ streng überwacht wird, deren Übertretung mehr oder weniger streng sanktioniert wird. Dieses Weltbild – die Fußballwelt besteht aus mehreren, aufeinander bezogenen Hierarchien, den Ligen – ist so einfach wie durchund überschaubar, es offeriert eine Anzahl von praktischen Ritualen, die sowohl dem einfachen Gemüt wie dem Kopfmenschen Teilnahme ermöglichen, es weist zudem klare Instanzen auf, die Regelungs-, Entscheidungs- und Veränderungsgewalt haben, welche die Gemeinde der Fanatiker, die Fan-Gemeinde nicht besitzt, die sie aber aufgrund erworbener wie natürlicher Autorität (der Masse) anerkennt und zelebriert.

      Die Fußballwelt ist aber nicht nur Kirche, sie ist auch Refugium aller anderen des Mäanderns müde Gewordenen, die aus der komplexen Einklemmung in Rollen, Funktionen, Sachzwänge und Seelenlagen herauswollen, ja um ihr Seelenheil willen heraus müssen, und in ihrer Hausrat-, Berufsrisiko-, Haftpflicht- und Teilkaskoversicherungsexistenz wenigstens eine Zeit lang das simple Geworfensein eines Spiels zweier Mannschaften oder Stellvertretergruppierungen auskosten möchten, und sei es auch nur für zweimal 45 Minuten in der Woche.

      Wobei es nicht dabei bleibt: das (Massen-)Ereignis zieht das Gespräch vor und nach sich, erzeugt in höchstem Grad Emotionen und führt sie fort, verschafft einen Platz in der Runde, mitunter Würde und Selbstbewusstsein, verhilft zu Trotz und Widerstandskraft, und das durchaus täglich. Der utopischen Definition von „communitas“ ist das schon sehr nahe.

      Nun könnte man entgegnen: Warum ausgerechnet diese Sportart? Warum nicht Tischtennis, Völkerball, Marathonlauf oder Skispringen? – Für die Antwort darauf nehmen wir Einzelsportarten aus, weil sie eben keine Mannschaft anbieten, keine Gruppe, sprich: allenfalls zur individuellen Idolatrie dienen können. Dann besitzt der Fußballsport eine fast ideale Zahl und Kombinationsmöglichkeit an zugelassenen Teilnehmern, welche durchaus mehrdimensional und multifunktional sind, trotz unterschiedlichster Charaktere zu einem Konsens (Gesellschaftsvertrag) kommen müssen, um erfolgreich zu sein. Sie müssen in toto ebenso märchenhafte und romantische wie martialische und egoistische Züge an den Tag legen, sie kombinieren mit ihren jeweiligen Handicaps – welche dem Zuschauer immer eine Identifikationsmöglichkeit geben, selbst wenn der Bierbauch noch so groß (= der korpulente Spieler) oder die Kondition noch so minimal (= der kluge Mittelfeldregisseur). Kurz: all jene Tugenden und Untugenden finden sich vielseitig verinnerlicht und präsentiert, wie sie in der Spezies Mensch je typisch auftreten.

      Zurück zur lieblosen Beliebigkeit unseres Zeitalters. Fußball wäre demnach als Antwort des (post)modernen Menschen, wenn man die Vielzahl der Anhängenden majorisiert, auf das Verblassen der durch und durch geregelten Existenz zu sehen, als religio – something to fall back on, Bezugsgröße. Das ist nicht neu, aber in seiner verdeckten Radikalität sowohl stimulierend (revolution of the heart) als auch sedierend (tranquilizer of the soul).

      Fußball ist individualistisch und pluralistisch, diszipliniert und anarchisch, routiniert und kreativ, materialistisch und ästhetisch, idealistisch und pragmatisch, konservativ und innovativ, demokratisch und autokratisch – aber dabei immer optimistisch. Ab und an negativ, aber nie gravierend: Im Fußball gibt es keine Umweltverschmutzung, keine Vergewaltigung, keine Massenarbeitslosigkeit, keinen Werteverfall als Thema. Was gestern zählte, zählt auch morgen noch (ein Tor ist ein Tor); wer heute nicht mehr mittun kann, wird schon morgen vergessen gemacht sein (vom Nachwuchs); wer einmal den Bezugspunkt aus den Augen verlieren sollte, kann übermorgen jederzeit ohne Wenn und Aber wieder dazustoßen.

      Ableben wird diese religio erst dann, wenn der Gral, das Kultobjekt der Spielbegierde genommen wird: es schlichtweg keine Bälle oder ballartigen Gegenstände mehr gibt. Was, solange die Erde rund ist, nicht eintreten dürfte.

      So tauscht der Fußballbegeisterte, ob nun „Schalke Unser“ oder „Zeuge Yeboahs“, die unübersichtlichen und fremdbestimmten Katastrophen (wörtlich: „Umkehrungen“), die sich Leben nennen, gegen die festen und von jedem jederzeit nachvollzieh- sowie verwirklichbaren Zielvorgaben, heißen sie Aufstieg oder Meisterschaft; tauscht er den unerfindlichen göttlichen Heilsplan gegen den klar gegliederten, die Jahreszeiten bestimmenden Spielplan, tauscht aber auch die Einförmigkeit innerhalb der Katastrophen gegen die Stimulanz des Unvorhergesehenen im festgefügten Einförmigen. Vielleicht wird nur so herum ein Schuh daraus, in den die Menschheit passt.

      Womit sich der Kreis schlösse und aus dem historischen Ball-Fuß-Spiel, das eine entschwindende Wirklichkeit bewahrte, imitierte und im eigenen Idiom paraphrasierte, eine Wirklichkeit der eigenen Welt geworden ist, die sich der Elemente des Spiels mit Bällen und Füßen bedient. Die Metapher, wenn man so will, ist das Designatum geworden – und das jenseits aller epochalen Begrifflichkeiten. Fußball hat die Moderne wie die Postmoderne somit überwunden und herrscht in seiner Ewigkeit.

       Heft 12/1998

      JOHANNES JOHN

      Fußball und Pop – oder: Ist Mehmet Scholl ein Popstar, und wenn ja, warum nicht?

      I. DIE AKTEURE

      Wie die Süddeutsche Zeitung vor geraumer Zeit einmal treffend feststellte, gäbe es in der heutigen Wissenschaft eigentlich nur noch zwei ungelöste Probleme: nämlich die Entstehung und Existenz der „schwarzen Löcher“ sowie die Kriterien, nach denen seinerzeit in „Tutti Frutti“ die „Länderpunkte“ vergeben wurden. Im letzten Jahr ist nun eine weitere Kardinalfrage aufgetaucht: Mehmet Scholl ist ein Popstar.

      Was ja freilich – wie man zu Recht einwenden wird – gar keine Frage, sondern eine schlichte Feststellung ist. Eben: Und damit beginnt es ja schließlich, dass bislang eigentlich niemand diese Behauptung einmal auf ihren Kern und möglichen Wahrheitsgehalt hin untersucht und vielleicht mit einem vorsichtigen Fragezeichen versehen hat. Im Gegenteil: Je öfter eine solche These verkündet wird, umso frag- und klagloser wird sie akzeptiert. Und ist sie oft genug repetiert, gilt sie fürderhin als ausgemacht. Man kennt solche Phänomene: Lady Di ist ein Mythos, vor allem und unwiderruflich seit dem Pariser Crash. Dabei war sie vielleicht – für den, der’s mag – einfach nur lieb, möglicherweise ein bisschen doof, sicherlich eine gute Mutter, vor allem aber schön anzusehen: und weiter nichts. Nun ist sie ein Mythos und keiner fragt mehr, ob hier nicht vielleicht eine gewisse reflexive Unschärfe vorliegen könnte; oder simple Gedankenschludrigkeit. Und Mehmet ist also ein Popstar.

      Nicht, dass wir ihm seinen Status nicht gönnten, Gott bewahre.

      Klären wir vielleicht einmal rasch die Basics: Es ist ja wohl ganz unbestreitbar, dass es heutzutage überhaupt nur zwei „wirkliche“ Popstars gibt: nämlich Madonna und Michael Jackson. Beziehungsweise Michael Jackson und Madonna. Und es sich bei allen und allem anderen um die Bloch’schen unreinen Mischungen und zweifelhafte Derivate handelt.

      Moment, höre ich Protest sich formieren, wie kommt man zu so einem rigiden Urteil? Schau, schau, antworte ich, da fragt wenigsten eine(r) einmal nach den Kriterien solcher Zuschreibungen. Das ist brav, und so will ich sie denn offenbaren: Madonna und Jacko sind nämlich zwei Musterexemplare unserer Gattung, bei denen rund neunzig Prozent aller Befragten wohl spontan meinten, dass beide einen gewaltigen Hau hätten und augenscheinlich „nicht