Birgit Fiolka

Hatschepsut. Die schwarze Löwin


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Die restlichen dreihundert Mann, die Thutmosis für ihr abenteuerliches Unterfangen bereitgestellt hatte, gingen über Land. Sie würden erst in Buhen mit ihnen zusammentreffen. Sary fuhr auf der Barke direkt hinter der ihren. Hatschepsut wollte ihn in ihrer Nähe wissen und gleichzeitig weit genug fort. Er hatte ihr nicht für seine Befreiung gedankt, und seine Verbeugungen und Ehrenbezeugungen wirkten gezwungen. Vor allem seit er ihr von Amenis furchtbarem Ende erzählt hatte, wusste Hatschepsut nicht, was sie von dem nunmehr einäugigen Goldlöwen zu erwarten hatte. Hatschepsut hatte heimlich in der Nacht um Ameni geweint, obwohl sie seinen Verlust überwunden geglaubt hatte. Doch die Vorstellung, dass es ihn einfach nicht mehr gab, hatte ihre Gefühle für ihn zurückkehren lassen – zu spät, wie sie nun wusste. Hätte sie doch nach dieser letzten Nacht, die so lange her zu sein schien, dafür gekämpft, dass die einstige Leibwache ihres Vaters nicht ins Goldland geschickt worden wäre. Hatschepsut fühlte sich mit schuldig an Amenis Tod und dem Schicksal der Verschworenen, die sie und Ameni beschützt hatten. Sie waren ohne zu Murren fortgegangen, und Hatschepsut hatte Ameni nach und nach vergessen, nicht sofort, aber stetig – ihm war das nicht gelungen, und sie wusste nicht, was sie im Goldland erwarten würde ... die kalte Ablehnung der Soldaten oder ihre Freude darüber, dass sie nicht vergessen worden waren.

      Hatschepsut sah die Ufer an sich vorüberziehen, die Papyrusstängel, die sich im lauen Wind wiegten, die Dumpalmen und die Nilgänse, die ihre Flugbahnen über ihnen zogen. Auf der einen Seite die steinige Wüste auf der anderen das schwarze fruchtbare Land auf denen braun gebrannte Fellachen ihre Sicheln schwangen und kurz in ihrer Arbeit innehielten, als die Barken an ihnen vorüberzogen. Hatschepsut fand ihr Land schön wie nie zuvor. Endlich würde sie es in all seiner Schönheit und auch Kargheit sehen können. Kleine Haatsch, wenn du groß bist, fahre ich mit dir den Hapi hinauf und hinab und lehre dich die Schönheit Ägyptens zu lieben, fielen ihr die Worte Amunmoses wieder ein. Sie war jetzt groß, aber es war niemand an ihrer Seite, mit dem sie die Schönheit ihres Landes hätte bewundern können. „Einsam bin ich, Amun, mein Vater“, flüsterte sie und legte ihre Hände auf den Bauch. „Aber immerhin werde ich ein Kind haben, und es soll niemals so einsam sein, wie ich es bin.“

      Hatschepsut erhob sich von ihrem goldenen Thronstuhl und wies Ipu an, ihr die Hohen Federn und die Perücke abzunehmen, sobald sie aus der Sicht der jubelnden Menschen verschwunden waren. Ipu nahm die Kronen von ihrem Haupt und übergab sie dem Insignienverwahrer, dessen Aufgabe auf dieser Reise in nichts anderem bestand, als die Kronen und heiligen Gewänder der Großen Königlichen Gemahlin zu bewachen. Hatschepsut war es einerlei – sie war froh darüber, die machtvollen jedoch auch niederdrückenden Zauber ablegen zu können und trat in den Bug ihrer Barke. Die stetigen Züge der Ruderer beruhigten sie ein wenig, und ihr Blick wanderte zu Senenmuts Barke. Dort stand er und erteilte Anweisungen an den Kapitän, groß und hager und ernst, wie immer. Sein dunkles kurz geschnittenes Haar, das er zum Schutz vor der Hitze unter einem Afnet-Tuch verborgen hatte, ergraute bereits an den Schläfen, und noch immer hatte Senenmut keine eigene Familie, die nach seinem Tod Opfer an seinem Grab darbringen würden. Warum war er mit ihr gekommen und ließ sich noch einmal auf das Spiel der Mächtigen ein? Er hatte genug Wohlstand und Ansehen errungen, um ein angenehmes Leben zu führen. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass er sie geprüft hatte, als sie in sein Haus gekommen war und scheinbar hatte sie die Prüfung bestanden. Ipu kam zu ihr und folgte ihrem Blick. Die Dienerin schüttelte den Kopf, als errege allein der Anblick Senenmuts ihr Missfallen. „Er ist ein seltsamer Mann, dieser Senenmut. Was treibt ihn an, in seinem Alter noch einmal ein solches Wagnis einzugehen?“

      „Er hat nichts zu verlieren, denn er ist allein“, entgegnete Hatschepsut, einem inneren Gefühl folgend.

      „Haatsch, er hat sogar sehr viel zu verlieren. Thutmosis wird ihm nicht mehr trauen, nachdem er sich an deine Seite gestellt hat, Mutnofret und die zweite Gemahlin ebenso wenig, und Ahmose ... du weißt, wie sie gezetert und geflucht hat.“

      Hatschepsut schwieg – Ahmose war tatsächlich aus ihrem Mohnschlaf erwacht, in ihre Gemächer gestürmt und hatte sie mit funkelnden Augen angesehen. „Was denkst du dir nur dabei, Tochter? Du trägst endlich ein Kind in deinem Leib, und jetzt verlässt du Theben und bereitest den Weg für die Ränke Mutnofrets und der Hure deines Bruders. Das ist einer Gottesgemahlin nicht gemäß. Du bist keine Fellachin, die tun und lassen kann, was sie will. Dein göttliches Blut sollte dir Erhabenheit geben. Dein Platz ist hier im Palast, an der Seite des Pharao.“ Das hatte Ahmose ihr immer wieder vorgehalten. Sie, die von reinstem königlichen Blut abstammte, das sie an ihre Tochter vererbt hatte, ließ sich nicht gern mit denen ein, deren Herkunft geringer war als ihre eigene. Doch Hatschepsut hatte sich entschieden. Erhabenheit hatte Ahmose ihr Leben geraubt und die Liebe ihres Gemahls. Für ihr Volk war sie stets eine unerreichbare Göttin geblieben. Ahmose war zu erhaben gewesen, um die Zuneigung ihres Gemahls zu kämpfen, als Mutnofret ihn ihr genommen hatte, zu stolz und zu göttlich, um wie eine Mutter um ihre Söhne zu trauern. Mutnofret war sich für nichts zu erhaben und zu stolz gewesen – sie hatte gekämpft und schließlich gewonnen. Hatschepsut war fest entschlossen, nicht die Fehler Ahmoses zu ihren eigenen zu machen.

      Ihre Blicke ruhten noch immer auf Senenmut. Auch er war sich für nichts zu erhaben und zu schade, obwohl er es nach all den Nilschwemmen hätte sein können. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht – gerne hätte sie ihn kennengelernt, diesen seltsamen Mann, den niemand wirklich kannte – sie wäre sich nicht zu schade dafür gewesen.

      Senenmut ließ die Barken am Abend am Ufer anlegen. Die Gefahr, auf eine der Sandbänke aufzulaufen, war zu groß. Die Hitze des Tages war einer lauwarmen Nacht gewichen, die ohne die Enge einer großen Stadt, wie Theben es war, gut zu ertragen war. Dumpalmen säumten das Ufer, und einige der Männer spielten auf Flöten, zu denen ihre Kameraden anzügliche Lieder über die Liebe sangen. Die Soldaten hatten am Ufer Feuerstellen errichtet oder schliefen bereits auf dem Deck der Barken. Das Lagerleben, welches er früher so oft mit den Soldaten geteilt hatte, als er noch ein junger Mann gewesen war, weckte wehmütige Erinnerungen von Freiheit und Sorglosigkeit in ihm. Senenmut konnte nicht schlafen, da ihn zu viele Sorgen belasteten. Die große Aufgabe, die sich die junge Gottesgemahlin aufgebürdet hatte, lastete ebenso auf seinen Schultern. Was würde sie erwarten, wenn sie nach Theben zurückkehrte? Sie war ganz und gar nicht sicher auf ihrem Thron, und es war eigentlich viel zu früh für sie, das Wagnis einzugehen, ihren Platz an der Seite des Horussohnes zu verlassen. Senenmut verließ seine Barke über die Planke und grüßte ein paar der Soldaten an ihren Feuerstellen. Sie luden ihn ein bei ihm zu sitzen, doch er lehnte freundlich ab. Als junger Mann hätte er sich zu ihnen gesellt, doch er war nie in seinem Herzen ein geselliger Mann gewesen, und bevorzugte die Einsamkeit. Das hohe Ufergras war feucht von abendlichem Tau, und Senenmut ließ die Augen bei jedem Schritt über den Boden wandern, um nicht auf eine Schlange zu treten, die sich in der Dunkelheit auf Futtersuche begeben hatte. Schritt für Schritt tat er vorsichtig, so wie er es stets im Leben gehalten hatte, bei allem, was er tat. Die Stimmen der Männer wurden schwächer, je weiter Senenmut sich von den Lagerstellen entfernte. Bald waren nur noch die Grillen und Zikaden zu hören sowie ab und an ein Fisch im Hapi, der einen Sprung in die Höhe wagte, um einem Räuber der Nacht zu entgehen. Angenehme Müdigkeit legte sich beim Anblick des nächtlichen Friedens über Senenmuts Geist. Beinahe hätte er einen erschrockenen Aufschrei getan, als er um die nächste Flussbiegung ging und überrascht bemerkte, dass er nicht der Einzige war, der die Einsamkeit der Nacht suchte. Sie stand am Ufer, das Haar gelöst und bar jeglichen Zierrats in einem leichten Trägerkleid. Den Kopf hatte sie in den Nacken gelegt und sah hinauf in den tiefblauen Nachthimmel, auf dem unzählige Sterne funkelten. Das silbrige Mondlicht ließ ihre Haut wie cremige Milch leuchten. Hatschepsut schien weit fort von der diesseitigen Welt, und sie schien Dinge zu sehen, von denen Senenmut niemals hoffen durfte, sie je zu erblicken. Ein seltsam flaues Gefühl breitete sich in seinem Bauch aus, das er nicht zu deuten wusste. Könnten all jene, die sie schmähen sie doch in diesem Augenblick sehen, dachte Senenmut mit ihm unheimlicher Ergriffenheit. Die Schlichtheit dieser Stunde zierte sie weitaus mehr als jeglicher Schmuck oder die Hohen Federn. Er wollte sich leise abwenden, um den magischen Moment nicht zu zerstören, doch sie sprach, ohne ihn anzusehen. „Weitab von Theben scheint Nuts Leib noch unendlicher und die Zahl der Sterne, die meine Vorfahren sind, noch größer, als würden sie bis zum Anfang der Zeit zurückreichen.“