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Die Naturforschenden


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Haustür angeliefert wurden, lösten bei den Nachbarn Besorgnis über seinen Geisteszustand aus. Wie sollte er all diese Dinge in einer so kleinen Wohnung unterbringen? Doch de Candolle hatte die Sammlung genauestens vorbereitet, systematisch geordnet und jede Kiste durchnummeriert, sodass er bereits am übernächsten Tag wieder seine voll eingerichtete private Studiensammlung zur Verfügung hatte.22

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      Abb. 2: Der Professor in seinem Garten. Porträt von Augustin-Pyramus de Candolle aus dem Jahr 1822. Gemälde von Pierre-Louis Bouvier (1766-1836).

      Noch ehe er mit den Vorlesungen begann, machte er sich an die Einrichtung des botanischen Gartens. Die Regierung in Genf kam de Candolles Wunsch entgegen und stellte ihm ein Feld bei Des Bastions sowie eine nicht unbeachtliche finanzielle Summe zur Verfügung.23 Bereits im November 1817 konnte der Unterricht beginnen. Der Hörsaal befand sich in der Mitte des botanischen Gartens. Im folgenden Jahr startete de Candolle einen Aufruf zur öffentlichen Unterstützung des botanischen Gartens, dem zahlreiche wohlhabende Bürger der Stadt Folge leisteten. Sie spendeten eine überaus stattliche Summe zum Bau von Gewächshäusern sowie mehrere Hundert Pflanzenarten aus ihren eigenen Gärten. Inspiriert vom Erfolg des botanischen Gartens griff Henri Boissier seine Idee von 1794, die Gründung eines akademischen Museums, wieder auf. Er beabsichtigte, ein Gebäude einzurichten, in dem die naturwissenschaftlichen Fächer Physik, Chemie, Mineralogie und Zoologie einen Platz für Lehre und Forschung auf der Basis der Sammlungen erhielten. Boissier hatte bereits im Jahr 1811 sein privates Naturalienkabinett und seine Sammlung von Antiquitäten der Akademie Genf vermacht. Doch diese hatte bis dahin keine zweckmässige Aufstellung oder Verwendung gefunden. Gemeinsam mit de Candolle konnte er weitere Personen aus der Regierung und der Akademie für das Vorhaben gewinnen. Im Jahr 1818 beschloss der Senat der Genfer Akademie, eine Museumskommission einzuberufen. Sie bestand aus den Professoren für Physik, Chemie, Mineralogie, Botanik, Zoologie und Archäologie. Einen freien Raum für das Museum fand man in einem Gebäude, welches zur Zeit der Besatzung dem französischen Regierungsrepräsentanten als Logis gedient hatte. Schon 1819 fanden die ersten Vorlesungen im Akademischen Museum statt. Im Mai 1820 verabschiedete die Genfer Regierung einen weiteren Beschluss, durch welchen der Besitz des Museums und sämtliche darin enthaltenen Sammlungen an die Stadt übergingen. Das Museum erhielt nun ein jährliches Betriebsbudget, eine administrative Verwaltung und ein Reglement, das auch die Öffnungszeiten für das breite Publikum festlegte. Damit war das erste naturwissenschaftliche Museum der Schweiz offiziell eröffnet. Die Sammlung wuchs rasch dank zahlreichen Spenden und Geschenken von privaten Sammlern und wohlhabenden Bürgern.24

      Die Gründung der SNG, die Berufung eines Professors für Naturgeschichte in Genf und die Eröffnung des botanischen Gartens sowie des akademischen Museums förderten auch die Entwicklungen der Naturwissenschaften in anderen Schweizer Städten. An der zweiten Jahresversammlung der SNG 1816 nahm der an der Universität Basel als langjähriger Leiter der öffentlichen Bibliothek tätige Mathematiker und Astronom Daniel Huber (1768-1829) teil. Zurück in Basel, initiierte er nicht nur die Gründung einer lokalen Sektion der SNG, sondern setzte sich auch stark für die Einrichtung eines naturwissenschaftlichen Museums ein. Gemeinsam mit dem Basler Ingenieur, Physiker und Naturforscher Christoph Bernoulli (1782-1863) und dem politisch wie akademisch gut vernetzten Peter Merian (1795-1883), dessen Leidenschaft die Geografie war, gelang es, sowohl Regierung, Universitätsleitung als auch weitere Kreise einflussreicher Personen vom Nutzen der Naturwissenschaften zu überzeugen.25 1818 richtete die Universität Basel einen Lehrstuhl für Naturgeschichte ein, zusammen mit einem weiteren für Chemie und Physik. Als Professoren ernannte man Christoph Bernoulli und Peter Merian. Direkt nach Antritt der Stellen traten Huber, Bernoulli und Merian mit dem Anliegen an die Basler Regierung, dass ein zweckmässiger Unterricht in Naturgeschichte, Physik und Chemie nur möglich sei, wenn die entsprechenden Sammlungen und Infrastrukturen wie ein chemisches Laboratorium und physikalische Instrumente für Demonstrationen zur Verfügung gestellt würden.26 1821 konnte das naturwissenschaftliche Museum eröffnet werden und entwickelte sich gleich wie in Genf rasch zum Zentrum der naturwissenschaftlichen Lehre und Forschung.27 Ab den 1820er-Jahren fanden auch in anderen Schweizer Städten vergleichbare Entwicklungen statt. Bereits 1819 wurden in St. Gallen und Lausanne lokale Sektionen der Naturforschenden Gesellschaft gegründet. 1824 entstand in Lausanne der botanische Garten inklusive einer naturhistorischen Sammlung. 1830 wurde in Porrentruy der bereits seit 1792 unter französischer Leitung gegründete botanische Garten neu konzipiert und durch ein naturhistorisches Museum ergänzt. Weitere naturhistorische Museen und botanische Gärten öffneten 1832 in Bern, 1833 in Zürich oder 1835 in Neuchâtel ihre Tore.

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      Abb. 3: Flanieren in der Natur – der botanische Garten in Genf 1824.

      SAMMELN FÜR EINEN HÖHEREN ZWECK

      Seit den 1820er-Jahren gelangten in praktisch allen grösseren Städten der Schweiz, die über entsprechende Hochschuleinrichtungen verfügten, private Sammlungen von Naturgegenständen in universitären Besitz, wo sie auch im Unterricht eingesetzt wurden. Damit hatte sich das Modell der Sammlung als Forschungsinstrument und Lehrmittel vollständig etabliert. Die wissenschaftlichen Museen waren aber noch keine öffentlichen Bildungsinstitutionen, wie man sie heute kennt. So war der Besuch der Sammlungen für die Öffentlichkeit zu Beginn in Genf nur am Dienstagnachmittag, in Basel am Sonntagnachmittag möglich. Während der restlichen Zeit waren sie den Professoren und Studierenden vorbehalten. Man war sich aber durchaus des Potenzials bewusst, das die Museen als öffentliche Bildungsinstitutionen besassen. Karl Friedrich Meisner beschrieb den Zweck des Museums der Naturgeschichte in Bern folgendermassen:

      «Naturalienkabinette können – so wie überhaupt Sammlungen jeder Art – nur einen vernünftigen Zweck haben: Aufmunterung zum Studium der gesammelten Gegenstände und Belehrung. Man bringt eine Menge Gegenstände der Natur zusammen, stellt sie nebeneinander in einer gewissen Ordnung auf, bezeichnet sie mit Namen, Aufenthalts- und Fundort u.s.w. Warum? Es lässt sich kein anderer vernünftiger Zweck denken, als dieser: durch die Aufbewahrung und Aufstellung einer Reihe von Naturprodukten hier und da die schlafende Neigung zur Naturgeschichte zu wecken und ihr gleichsam den ersten Stoss zu geben sich zu regen; dem Ungelehrten wie dem Gelehrten Gelegenheit zu verschaffen, durch Anschauung und Vergleichung ihre Begriffe zu berichtigen und ihre Kenntnisse zu bereichern.»28

      Mit der Zusammenführung der Sammlungen und ihrer Eingliederung in die wissenschaftliche Lehre und Forschung entstanden die neuen Zentren der Naturforschung, in denen das Wissen über die Natur nicht nur geschaffen und gespeichert, sondern auch einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurde. Gerade für die Etablierung der naturwissenschaftlichen Disziplinen wie Biologie, Geologie oder Anthropologie spielten die Museen und botanischen Gärten als Forschungs- und Lehranstalten eine zentrale Rolle. Hier versuchten Naturforschende wie de Candolle mit ihren Klassifikations- und Ordnungsmustern, nach denen sie die Naturgegenstände aufstellten, die Natur im wahrsten Sinn des Wortes in Ordnung zu bringen. In zunehmendem Mass dienten sie ebenso dazu, die Naturphänomene einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen und anhand der ausgestellten Dinge zu veranschaulichen.29 Durch den neuen Wissensraum Museum gelangte die Natur direkt ins Zentrum des bürgerlichen Lebens, nämlich in die Städte. Die Ausstellungen regten zur Reflexion über das Verhältnis der Menschen zur Natur an. Beim Anblick der Objekte in den naturhistorischen Museen und den botanischen Gärten sahen sich Forscher wie Besucher mit existenziellen Fragen konfrontiert: Wie entstand die Erde, wie entwickelten sich die verschiedenen Arten, woher kommt der Mensch? Durch die zunehmende Öffnung der wissenschaftlichen Sammlungen zur Mitte des 19. Jahrhunderts konnten Bürgerinnen und Bürger aktiver an der Verhandlung dieser Fragen teilnehmen, nicht nur indem sie den Forschungsanstalten eigene Sammlungsobjekte zur Verfügung stellten, sondern auch indem sie ihre eigenen Beobachtungen oder Ansichten über die Natur mitteilten.30 Naturforschung war nicht mehr die private Angelegenheit einzelner wohlhabender Bürger, sondern öffnete sich nun dem städtischen und bildungsbürgerlichen Publikum. Dieses musste nun keine weite Reise auf sich nehmen, sondern die Natur wurde ihm sozusagen direkt vor der